© Gerard van Smirren

Spiel mit Wörtern

Im frühen Jahr 2018 erreichte mich aus heiterstem Himmel eine Anfrage des Dudenverlags. Ob ich mir vorstellen könnte, zu Wörtern aus vier Jahrzehnten vier Büchlein zu schreiben. Klar konnte ich mir das vorstellen. Es juckte mir quasi schon in den Fingern. Auf die Dauer ist das Schreiben von Talkshowkritiken nicht abendfüllend. Schnell einigten wir uns über einen schönen Vertragsrahmen, nachdem ich einige Textproben geschrieben hatte. Weiterlesen

Nun kommt etwas Neues ins Spiel

In dieser Woche beginne ich mit einem Projekt, über das ich schon nachgedacht haben könnte, als es all das Gedöns von Facebook, Twitter, Instagram und Tinderätätä noch nicht gegeben hat. Damals hatte ich über Weihnachten mit meiner kleinen Schwester und einem guten Freund erst Gans gegessen, dann einen langen Spaziergang am Niederrhein gemacht. Danach lieferte ich drei Probetexte nach München und damit war die wöchentliche Kolumne “Rhetorikseminar” geboren. Ich hatte damals schon mehrere Jahre RedenschreiberInnen im Gebrauch ihrer Mutter- oder Vatersprache unterrichtet. Bei dieser Arbeit war mir aufgefallen, dass ausgerechnet bei ihnen mitunter eine namenlose Angst davor zu bemerken war, einen Sachverhalt anschaulich, prägnant oder auch mit einer kleinen Prise Komik darzustellen. Der politische Betrieb ist auch von dieser Angst der unsichtbaren Helferlein im Hintergrund geprägt. Die Kolumne befasste sich mit Lieblingswörtern führender Politikerinnen. Den Anfang machte das Paket, es folgten das insbesondere Edmund Stoibers und das übrigens von Gerhard Schröder.

Um das Spielerische zu fördern, begann ich die Seminare immer mit einer Spielidee von Carlo Goldoni. Eine Teilnehmerin sollte aus dem Stegreif eine Rede halten. Eine andere Teilnehmerin stellt eine offene Frage. Das kluge Kind, der kleine Sibillone, ruft irgendein Wort in die Runde, das nichts, aber auch wirklich nichts mit der Frage zu tun hat, und darauf beginnt nun die ausgewählte Teilnehmerin eine improvisierte Rede, in welcher sie zunächst über die Frage nachdenkt, warum sie wichtig ist. Dann lobt sie das kluge Kind und sein irres Wort, das nichts mit der Frage zu tun hat, aber sie zu lösen hilft, und findet schließlich die Kurve zu einer überzeugenden Antwort auf die gestellte Frage. Die Übung diente mir als Diagnostik. Die Teilnehmerinnen, die am nächsten Tag davon erzählten, wie sie die Übung mit ihren Kindern gespielt hatten, waren für ihren Beruf geboren. Sie hatten intuitiv gezeigt, warum ihr Kopf rund ist und dass sie die Richtung ihres Denkens jederzeit ändern können.

Sieben Jahre später hielt ich beim 28C3-Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg diesen Vortrag über den Stabilitätsanker und die Wachstumslokomotive. Mit dem Vortrag endete das Projekt eines anderen Blogs, das ich am Tag der Amtseinführung von Barack Obama begonnen hatte. Ich verfolgte die ersten drei Jahre seiner Amtszeit und unternahm Versuche, seine politische Rhetorik mit dem Angebot der deutschen Politik zu vergleichen.

Im Jahr 2011 entstanden zwei neue Superunsinnsspreaderwörter des politischen Betriebs. Ich poste das Video des Vortrags und deute auch schon einmal an, was ihm in wenigen Tagen folgen wird: ein wöchentlicher Newsletter, in dem ich mich mit einem “Wort der Woche” befassen werde. Den Anfang wird das Menschenmögliche machen, eine Figur, bei der nicht so klar zu sein scheint, ob in ihr eine utopische Idee erklingt oder bloß der Rückzug auf die irdische Schwerkraft.

Hoffnung auf den Autopilot

Sitzen eine Ethikerin, ein Ministerpräsident, ein Epidemiologe, ein Virologe und die Pandemiebeauftragte eines Landkreises zusammen, dann befinden sie sich gewiss in einer Talkshow, an diesem Abend bei Maybrit Illner. Weiterlesen

Helga Paris

Ich nahm mir drei Tage hundefrei. Wenn ich Lola leise den Namen ihrer Hüterin sage, weiß sie, dass sie einen Ausflug zu ihrem Teilzeit-Rudel unternimmt. Sie springt dann vor Freude an mir hoch, weil sie einige Tage namenloser Abenteuer vor sich weiß. Weiterlesen

Aufwachen

Nun gehört es zu den täglichen Routinen des Lebens mit Hund, am frühen Morgen, dieser Tage wirklich früh, durch die Straßen an vielen geöffneten Fenstern vorbeizulaufen, und heute fiel mir auf, dass der Klang der Wecker monoton geworden ist, als gäbe es nur noch den einen, der sich nicht durch das Schepperschrillen der alten Blechkameraden, sondern durch ein fast kardiologisches Fiepen auszeichnet, das die meisten nicht von allein aufwachenden Menschen in Intervalleinstellung über sich ergehen lassen, ohne beim ersten (oder xten) Mal aus den Federn zu springen. Was hätte Jacques Tati daraus gemacht oder Claude Faraldo? Es defibrilliert auf hunderten von Metern, als spräche daraus insgeheime Sehnsucht nach mächtigen Sirenen.

Ein Dilemma: warum Framing ein Etikettenschwindel ist

Zunächst eine Offenlegung. Sie führt zurück in den Spätsommer des Jahres 2013. Michael Stognienko von der Böll-Stiftung hatte mich zu einem Termin eingeladen, bei dem Elisabeth Wehling den versammelten Wahlkämpfern der Grünen, der Linken und der Sozialdemokraten ihre Methode vorstellte. Sie war im Begriff, ihr Beratungsangebot, entwickelt und erprobt in den USA, nun in Europa auszurollen. Der Bundestagswahlkampf war längst durchkonfektioniert. Und dann kommt diese Deutschamerikanerin und fragt die Wahlkämpfenden: “Was sind Eure Werte?” Das war ein Augenblick der Wahrheit, der keinem der Anwesenden gefallen konnte. Denn es kamen bestenfalls Abstraktionen. Die Frage schien so einfach, die Antworten aber bezeugten, wie unvorbereitet die Beteiligten an diesem Nachmittag aussahen. Weiterlesen

Eine Verschwörung

Über Günter Hack erfuhr ich heute Morgen von dieser Story. Um es zurückhaltend auszudrücken: sie ist atemberaubend. Wenn sich herausstellt, dass wahr ist, was Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hier ausführt, versuchen Spießgesellen des amerikanischen Präsidenten, ihn zu erpressen und damit Rache an der Washington Post zu nehmen. Dass Bezos sich selbst zum Kauf beglückwünscht, hat viele Gründe. Hier sind es gute. Hack denkt an William Gibson als einen Autor, der solchen Stoff zu einem Thriller verarbeiten könnte. In meinen Augen wäre es auch Hack, der das könnte. Welcher Verlag gäbe ihm den dafür nötigen sechsstelligen Vorschuss?

Der Wahnsinn geht weiter – eine Tragödie wird besichtigt

Der folgende Essay erschien kürzlich im Jahrbuch Fernsehen 2018. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber dokumentiere ich ihn hier in meinem Blog.

Prolog: Die Welt wartet nicht auf uns

Die ersten Bilder zeigen einen leeren Konferenzsaal. Die Namensschilder sind austauschbar, stehen für die vielleicht schon verloren gegangene Idee von Repräsentation. Wann werden sie ausgetauscht? Durch wen? Das Leitmotiv erklingt, eine Bearbeitung zweier Kompositionen von Johann Sebastian Bach1, ein maestoso triste in Moll, Kontrapunkt zur musikalischen Tradition eines Parteilieds, das noch Seit´an Seit´schreitet, aber nicht mehr zu wissen scheint, in welche Richtung die Reise gehen wird. Das Motiv durchzieht die Dokumentation wie eine Interpretationshilfe, trifft selbst eine melancholische Aussage zu dem Befund, zu dem die Dokumentation gelangt: der Wahnsinn geht weiter. Weiterlesen

Rettet die Mauer!

Wenn ich mich richtig erinnere, entstand dieses Fake-Interview für Radio 100 im Herbst 1988 nach einer Erklärung des AL-Abgeordneten Dirk Schneider. Ich erfand eine Bürgerinitiative unter dem Vorsitz von Prinz Louis Ferdinand von Preußen und phantasierte, dass das Paul Getty-Museum der DDR ein Kaufangebot für die Mauer unterbreitet hatte, weil die Kuratoren die ersten Bilder der Berliner wilden Maler nach Kalifornien holen wollten. Weiterlesen

Nachtflug: In der Medina von Sousse

Für Huub Niessen

Im Sommer 1988 verbrachte ich sechs Wochen in der Medina von Sousse. Ein Freund von mir hatte dort einige Jahre vorher ein Haus gekauft, was mir die Gelegenheit gab, wenige Monate nach der Entmachtung von Habib Bourghiba einen kurzen Vorläufer des arabischen Frühlings zu beobachten. Es dauerte nicht lange, bis ich aus der Rolle des Beobachters in die eines öffentlichen Schreibers wechselte. Weiterlesen

Geschlecht: Aufruhr. 50 Jahre Stonewall

Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. (Jean Genet)

Die folgende Projektskizze verstehe ich als Einladung zur Diskussion. In welcher individuellen und institutionellen Vernetzung ließe sich dieses Projekt im Sommer 2019 realisieren?

In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue vor der Bar Stonewall Inn im Greenwich Village New Yorks zu einem Zusammenstoß zwischen schwulen Aktivisten und Polizeibeamten. Am Tag zuvor war unter großer Beteiligung der gay community (die sich noch nicht als solche verstand) Judy Garland beerdigt worden. Zu ihrer Beerdigung hatten sich über 22.000 Menschen versammelt. Garlands Lied „Over The Rainbow“ wurde schon bald zur Hymne der schwulen Kultur, der Regenbogen zum Symbol einer Bewegung, die sich nach den Straßenschlachten zu einer Bürgerrechtsbewegung entwickelte. In den Tagen nach Judy Garlands Beerdigung formte sich die Schwulenbewegung zu einer neuen sozialen Bewegung. Weiterlesen

Die Wirklichkeit ist der Test

“Später erzählt K., wie ein Wiener Komiker, in New York ankommend, vor den Pressefotografen die Erde küsst. Das dürfe einen nicht stören, sagt K., es bedeute nur: “Küss die Erde!”

Am Sockel der Freiheitsstatue befand sich seit 1903 eine Bronzetafel mit einem Sonett von Emma Lazarus. Seine letzten Zeilen lauten:

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

In diesen Tagen helfen historische Präzedenzfälle, hier die Erfahrungen der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, besser zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Mit Staunen, auch mit gemischten Gefühlen kommentieren es die internationalen Medien. Vor ihrer Reise nach Indien gab die Bundeskanzlerin dem Deutschlandfunk ein Interview:

“Wenn so eine Aufgabe sich stellt und wenn es jetzt unsere Aufgabe ist – ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: “Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt” –, dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken und muss natürlich versuchen, auch faire Verteilung in Europa zu haben und Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Aber mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.”

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Schäubles Rennen gegen sich selbst

Die Idee des Sportmärchens verdanke ich Ödön von Horváth. Heute Abend zeigt die ARD ein Filmporträt von Stephan Lamby über Wolfgang Schäuble. Für Zeit Online habe ich mir den Film angesehen.

Vor fünf Jahren habe ich in meinem alten Blog auch über Lambys Porträt Peer Steinbrücks geschrieben.

Das Lachen des Grauens

So ein Hundstagemorgen. Noch plätschert am schläfrigen Ohr die Presseschau des Deutschlandfunks vorbei. Die Themen wie die ausgesuchten Zitate wirken wie im Schlaf vorhersagbar. Dann bittet Moderator Christoph Heinemann einen Kollegen um ein paar Beispiele aus Social Media Kommentaren zum Thema Flüchtlinge. Leider ist auch dieses Grauen bereits zu geläufig. Es ist der Vorspann zu einem Interview mit Frauke Petry. Das Transkript macht das Besondere dieses Interviews nicht hörbar. Der Link führt auch zur Audiodatei. Weiterlesen

Maschinenschaden

Das Stück habe ich heute für die Politik-Redaktion von Zeit online geschrieben.

“Der eigentliche Verrat”

Diesen Beitrag schrieb ich für Zeit Online. Ich bin darin auf die lateinische Wortwurzel tradere zurückgegangen, weil die lateinische Herkunft, anders als die deutsche, einen Aspekt der Zivilisationsgeschichte illustriert, der im Kontext der deutschen Begriffsgeschichte des Verrats fehlt oder verloren gegangen ist: dass im Festhalten oder der Weitergabe von Tradition eine gesellschaftliche Übereinkunft erkennbar wird.  Im deutschen Kontext des Verrats schwingt eine andere Idee von Treue mit, die obrigkeitlich bzw. feudal codiert ist, als eine Figur der Unterwerfung. Weiterlesen

Amrum. Arbeitstagebuch 1

Ich reise an einen Ort meiner Kindheit. Die Fahrt dauert etwas über sieben Stunden. Bus, Bahn, Bahn, Bus, Schiff, Bus. Die Erinnerung springt zurück in den Sommer 1964. An die große erste unerklärte Liebe. B., die herbe Reiterin, der ich im Weißdornbusch von dem elenden Tod unserer Hündin erzählte, für die ich plötzlich ganze Stücke auswendig spielen konnte, die ich vorher nur vom Blatt gespielt hatte. Vom Hüttenbauen in der Burg (dafür mussten die Kinder in den Treibholzhütten auch ihren Mittagsschlaf halten). Vom nächtlichen Krabbenpulen. Von den Robinsontagen in der Heide, wo wir Pfifferlinge und Blaubeeren sammelten und immer mal wieder eines der zahllosen Kaninchen mit einer Prise Salz zu fangen versuchten. Vom Akrillspiel in den Riesendünen. Die unblutigsten Geiselbefreiungen der Weltgeschichte. Weiterlesen

Merkur

Das lange Schweigen hat sein Ende. Manche Gründe gab es, gute, schlechte. Ein Ergebnis ist anfang März in der von Jo Lendle und Clemens Setz herausgegebenen neuen Ausgabe der akzente zu besichtigen. Darin schreibe ich über das Lebenswerk des japanischen Autors Shozo Numa, den Roman Yapou, menschliches Vieh.

Anlasslos zu schreiben erfordert übrigens auch einen Widerstand gegen Anlässe, zu denen meistens schon mehrfach alles von fast allen gesagt worden zu sein scheint.  Mir geht es eher um Interventionen, die unerwartet, aus einem schrägen Blickwinkel oder als Zwischenruf die eigenen Widerstände gegen das Schreiben durchlässig machen, einer begeisternden Lektüre folgen oder eigene Anlässe herbeiführen.

Seit einiger Zeit beobachte ich mich dabei, mir auf die Finger zu hauen, wenn ein elektrischer Schreibimpuls durchbricht, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Das gilt für unterbliebene Reaktionen auf die Zeitschrift Cicero, ein Magazin (einschließlich seines Ablegers im Netz), das sich dazu entschlossen hat, provokativ seicht im Trüben zu fischen, in wahlverwandtschaftlicher Nähe zu Titeln, die man nicht mal mehr nennen mag. Nur noch krawallgebürstet, in der Syntax verludert, im Denken einer Lagerlogik zugetan, die abstößt. Fast müsste man in Verteidigung ihres Namensgebers eine Titelschutzklage erwägen, um den zweifelhaften Missbrauch Ciceros nicht weiter durchgehen zu lassen. Nur wer wäre dazu klageberechtigt? Vielleicht Winfried Stroh.

Ganz anders geht es mir mit dem Merkur. Weiterlesen

Weddings and Beheadings

Der Text ist von Hanif Kureishi. Er könnte nicht prägnanter davon erzählen, wie der Terror  im Alltag eines Filmemachers heimisch wird.

Distanz als Lernprozess

Ein Gastbeitrag von Tilo Jung

Der Titel dieses Blogeintrags verwundert, wenn man “Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte” kennt. In meiner Rolle spiele ich einen jungen Journalisten, der einen Journalisten spielt. Das versteht nicht jeder. Das könnte mir egal sein, wenn mir nicht in jüngster Zeit Vorwürfe gemacht worden wären, die ich so nicht stehen lassen kann. Was die Gäste meiner Show sagen und wie sie dazu kommen, etwas zu sagen, das macht meine Rolle so spannend und das ermöglicht erstaunliche Augenblicke der Wahrheit. Es erfordert von mir ein spielerisches Verhalten, das mit dem, was ich selbst für politisch richtig oder falsch halte, nichts zu tun hat. Weiterlesen

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