© Gerard van Smirren

Rückkehr zur Normalität?

Sie wird immer häufiger beschworen, als sei sie ein Ziel, nach dem wir Sehnsucht hätten. Für die Rückkehr zur Normalität gibt es keine Fahrkarten, keine Patentrezepte, keinen Wegweiser. Wer behauptet, den Weg oder das Ziel zu kennen, ist ein Scharlatan. Wer sie verspricht, verspricht sich. Seit wann gibt es Zeitreisen, und dann auch noch zurück? Was schließlich macht einen hinter uns liegenden Zustand zu einem Sehnsuchtsziel?

Beginnen wir mit der Rückkehr. Sie suggeriert, dass wir uns auf einer Reise befänden, dass wir uns von einem Ausgangspunkt unseres Lebens entfernt hätten, ohne dass es in unserer Macht gelegen hätte, uns gegen den Aufbruch zu diesem Ziel (etwa der heutigen Gegenwart auf einem Scheitelpunkt der Pandemie) zu sträuben. Wir wurden (und sind) mitgenommen. Gegenwehr zwecklos und vergeblich. Das erklärt, nebenbei, die grotesken Bilder von Veranstaltungen, die den Aufwand vorführen, der dazu erforderlich ist, Tatsachen zu verdrängen. Ohne Geschrei und ohne Vorzeichen erheblicher Verwirrung geht das nicht. Verdrängen kostet Kraft, es entkräftet. Auf dem Tiefpunkt der Schwäche, mit Beistand, winkt Einsicht in das Unabwendbare. Immerhin: Einsicht ist auch Verwirrten möglich.

Zeitreisen sind ein literarisches Sujet. Wer sie politisch in Dienst nimmt, ist ein Scharlatan, ein Falschmünzer, ein Verklärer, jemand, der der Zukunft so wenig abgewinnen kann oder will, dass er sich damit begnügt zu behaupten,  Rückkehr in die Vergangenheit sei erstrebenswert. Nun wollen wir uns nicht mit all den Einzelheiten befassen, die die Menschheit vor zwanzig Monaten gequält haben. Es reichte schon, sich daran zu erinnern, wie blank die Nerven im Herbst 2019 lagen, als, angeführt von einer kleinen Schwedin, auch in Deutschland die Jugend aufbegehrte und nach einer anderen Zukunft verlangte. Das war ein Aufbruch.

Normalität ist eine fixe Idee. In ihr erklingt die Vorstellung, dass befolgte oder durchgesetzte Normen etwas Gutes, Erstrebenswertes seien, dass das Aufbegehren dagegen nur für Unruhe sorge. Wer mit dem Versprechen der “Rückkehr zur Normalität” hausieren geht, ist ein Etikettenschwindler, der mit der Sehnsucht seines Publikums zum eigenen Vorteil handelt.

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