© Gerard van Smirren

Wilde Jahre, kühne Träume

Seit heute (12. Oktober 2020) ist mein neues Buch „Wilde Jahre, kühne Träume“ im Buchhandel erhältlich. In ihm untersuche ich Verbindungen zwischen Substantiven und Adjektiven wie zum Beispiel wilde Jahre, bewaffnete Männer, junge Frauen, schlechtes Gewissen.

Am 16. Oktober sendete das zweite Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks in der Sendung „Sozusagen!“ ein erstes Gespräch über das Buch, das Hendrik Heinze mit mir geführt hat.

Nun gibt es Kritiken im Programm der Deutschen Welle und im Greenpeace-Magazin. Am kommenden Montagvormittag gibt es ein Interview im Radioprogramm des WDR 5.

PM2209_Wilde Jahre

Midas und Pygmalion

Kürzlich erinnerte ich mich daran, dass ich im Sommer 2013 zwei Metamorphosen des Ovid – sozusagen – weitergeschrieben habe: die Geschichten von Midas und Pygmalion. Weiterlesen

Wörter aus vier Jahrzehnten

Im März 2019 kamen die ersten beiden Bände einer kleinen Buchreihe heraus, die ich für den Dudenverlag schrieb. Es geht um Wörter aus den 50er und 60er Jahren. Im Herbst 2019 folgten die Bände zu den 70er und 80er Jahren. Ein seltsames Schreiberlebnis, in die eigene Kindheit, Adoleszenz und das frühe Erwachsensein einzutauchen und der Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit nachzugehen. Zu jedem Wort gibt es einen Miniessay von circa 1000 Zeichen. Die Bücher sind illustriert mit Fotos aus dem jeweiligen Jahrzehnt.

     

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Kanalarbeiter

Ich gehöre nicht zu den weinerlichen Menschen. Heute war der Termin für die zahnärztliche Ausschachtung der Wurzelkanäle, die vor fünf Jahren, wie ich damals geglaubt hatte, auf Dauer zahnärztlich versorgt worden waren. Gloßel Illtum! Im Unterschied zum damaligen Zahnarzt ist der jetzige auf sympathische Weise maulfaul, er sagt, außer den Anweisungen an die Helferin, fast nichts. Das war dummerweise so ansteckend, dass ich kurz vor Ende des Martyriums es nicht wagte, die kurzzeitige Irritation eines Nervs, der an meinem Ohr vorbeiläuft, zu erwähnen. Der dento-akkustische Höhepunkt der zweistündigen Sitzung war erreicht, als er begann, mit einer Druckpumpe das Reinigungsfluidum in die freigefrästen Kanäle zu spritzen. In der Sekunde fühlte ich mich an das Schlagzeug von N.U. Unruh (Einstürzende Neubauten) im Schacht der Autobahnbrücke von Dreilinden erinnert. Asynchron dazu tobten die Bohrhämmer im Versorgungsschacht des 11Geschossers am Nollendorfplatz. Sie hatten, ohne Absprache, den Einsatz hinbekommen, als hätte ein böser Geist sie gegen mich dirigiert. Anfangs hatte ich vorgehabt, das elfte Geschoss durch den Treppenschacht anzusteuern, um Begegnungen im Flaschenhals-Aufzug (Transportmaximum: drei Veuve-Nebukadnezars zusammen mit meinem Astralleib) auszuweichen. Davon ließ ich ab und schnallte die im Februar gelieferte FFP3-Maske an. Christian Y. Schmidts Warnungen aus Peking hatten mich früh genug alarmiert. Bis zum nächsten Montag sind Mozzarella-Kügelchen und zermuste Avocados mein Grundnahrungsmittel.

Das Leben mit Hund (ctd)

Lola ist in der heißen Phase ihrer dritten Läufigkeit. Hatte ich früher gelegentlich bemerkt, Hunde seien Katasterämter auf Streife, konnte ich gestern im Hundesauslauf eine weitere Beobachtung machen, wie das Markieren eine spielerische Choreographie inszeniert. Wir trafen Lolas Freundin Wilma, eine Großpudeldame von erheblichem Temperament, im Vergleich zu Lola ein Leichtgewicht. Die beiden hatten sich, von einer Episode auf der Potsdamer Straße abgesehen, seit längerem nicht gesehen. Früher konnte es vorkommen, dass Begegnungen nach der Choreographie von Italowestern abliefen, als führte Sergio Leone Regie. Beide legen sich in äußerster Spannung nieder, warten ab, wer zuerst zuckt und dann stürmen sie aufeinander los. Gestern saßen wir auf einer Bank des Hundeauslaufs, als Lola mit einem leichten Hopser, ausgelöst durch die Vorderläufe, in die Hocke ging und eine klitzekleine Portion Urins abgab. Ihrer Vorlage folgte Wilma, indem sie exakt auf die gleiche Stelle und in der gleichen Haltung etwas darauf setzte, und nun wiederum überstrahlte Frollein Lola die Spur, was daraufhin Wilma zur Wiederholung nötigte, und das Spiel des Markierens und Übertünchens endete erst, als beide jeweils drei Mal geliefert hatten. Wer dabei Regie führte, ist egal. Die beiden Damen inszenierten ein Ritual. Hier ein Bild von Lola aus dem letzten Frühling, als ihr Comte Griffon nachstellte.

Das hässliche Entlein, hündisch auf den Kopf gestellt

Beim Spaziergang mit Lola ist mir heute Mittag aufgefallen, wie sanft und geradezu unspürbar sie an der Leine knapp hinter mir herläuft, dass mich auf dem Nachhauseweg plötzlich ein namenloser Schrecken darüber befiel, der Anblick dieses beidseitigen Schwebezustandes könnte von Bösewichten missbraucht und so ausgenutzt werden, dass sie unbemerkt Lola von der Leine lösten und einen stinkenden ranzigen zahnlosen missmutigen hässlichen alten Rüden an ihrer Stelle anleinten. Der Schrecken, den diese Idee auslöste, war so maßlos, dass ich nicht wagte, mich umzudrehen, bis wir das Haus erreichten und mir zu meiner größten Erleichterung klar wurde, dass Lola mich tatsächlich nach Hause begleitet hatte.

Helga Paris

Ich nahm mir drei Tage hundefrei. Wenn ich Lola leise den Namen ihrer Hüterin sage, weiß sie, dass sie einen Ausflug zu ihrem Teilzeit-Rudel unternimmt. Sie springt dann vor Freude an mir hoch, weil sie einige Tage namenloser Abenteuer vor sich weiß. Weiterlesen

Aufwachen

Nun gehört es zu den täglichen Routinen des Lebens mit Hund, am frühen Morgen, dieser Tage wirklich früh, durch die Straßen an vielen geöffneten Fenstern vorbeizulaufen, und heute fiel mir auf, dass der Klang der Wecker monoton geworden ist, als gäbe es nur noch den einen, der sich nicht durch das Schepperschrillen der alten Blechkameraden, sondern durch ein fast kardiologisches Fiepen auszeichnet, das die meisten nicht von allein aufwachenden Menschen in Intervalleinstellung über sich ergehen lassen, ohne beim ersten (oder xten) Mal aus den Federn zu springen. Was hätte Jacques Tati daraus gemacht oder Claude Faraldo? Es defibrilliert auf hunderten von Metern, als spräche daraus insgeheime Sehnsucht nach mächtigen Sirenen.

Ein Dilemma: warum Framing ein Etikettenschwindel ist

Zunächst eine Offenlegung. Sie führt zurück in den Spätsommer des Jahres 2013. Michael Stognienko von der Böll-Stiftung hatte mich zu einem Termin eingeladen, bei dem Elisabeth Wehling den versammelten Wahlkämpfern der Grünen, der Linken und der Sozialdemokraten ihre Methode vorstellte. Sie war im Begriff, ihr Beratungsangebot, entwickelt und erprobt in den USA, nun in Europa auszurollen. Der Bundestagswahlkampf war längst durchkonfektioniert. Und dann kommt diese Deutschamerikanerin und fragt die Wahlkämpfenden: „Was sind Eure Werte?“ Das war ein Augenblick der Wahrheit, der keinem der Anwesenden gefallen konnte. Denn es kamen bestenfalls Abstraktionen. Die Frage schien so einfach, die Antworten aber bezeugten, wie unvorbereitet die Beteiligten an diesem Nachmittag aussahen. Weiterlesen

Eine Verschwörung

Über Günter Hack erfuhr ich heute Morgen von dieser Story. Um es zurückhaltend auszudrücken: sie ist atemberaubend. Wenn sich herausstellt, dass wahr ist, was Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hier ausführt, versuchen Spießgesellen des amerikanischen Präsidenten, ihn zu erpressen und damit Rache an der Washington Post zu nehmen. Dass Bezos sich selbst zum Kauf beglückwünscht, hat viele Gründe. Hier sind es gute. Hack denkt an William Gibson als einen Autor, der solchen Stoff zu einem Thriller verarbeiten könnte. In meinen Augen wäre es auch Hack, der das könnte. Welcher Verlag gäbe ihm den dafür nötigen sechsstelligen Vorschuss?

Der Wahnsinn geht weiter – eine Tragödie wird besichtigt

Der folgende Essay erschien kürzlich im Jahrbuch Fernsehen 2018. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber dokumentiere ich ihn hier in meinem Blog.

Prolog: Die Welt wartet nicht auf uns

Die ersten Bilder zeigen einen leeren Konferenzsaal. Die Namensschilder sind austauschbar, stehen für die vielleicht schon verloren gegangene Idee von Repräsentation. Wann werden sie ausgetauscht? Durch wen? Das Leitmotiv erklingt, eine Bearbeitung zweier Kompositionen von Johann Sebastian Bach1, ein maestoso triste in Moll, Kontrapunkt zur musikalischen Tradition eines Parteilieds, das noch Seit´an Seit´schreitet, aber nicht mehr zu wissen scheint, in welche Richtung die Reise gehen wird. Das Motiv durchzieht die Dokumentation wie eine Interpretationshilfe, trifft selbst eine melancholische Aussage zu dem Befund, zu dem die Dokumentation gelangt: der Wahnsinn geht weiter. Weiterlesen

Marlenes Schweigen

Für die Filmzeitschrift Sissy schrieb ich vor zwei Jahren über meinen Filmmoment, einen Ausschnitt aus Rainer Werner Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Robin Detje wünscht sich in diesem Herbst mehr Fassbinder-Nacherzählungen von mir. Das ist eine Bitte, die ich gerne befolge. Bald mehr! Weiterlesen

Rettet die Mauer!

Wenn ich mich richtig erinnere, entstand dieses Fake-Interview für Radio 100 im Herbst 1988 nach einer Erklärung des AL-Abgeordneten Dirk Schneider. Ich erfand eine Bürgerinitiative unter dem Vorsitz von Prinz Louis Ferdinand von Preußen und phantasierte, dass das Paul Getty-Museum der DDR ein Kaufangebot für die Mauer unterbreitet hatte, weil die Kuratoren die ersten Bilder der Berliner wilden Maler nach Kalifornien holen wollten. Weiterlesen

Nachtflug: In der Medina von Sousse

Für Huub Niessen

Im Sommer 1988 verbrachte ich sechs Wochen in der Medina von Sousse. Ein Freund von mir hatte dort einige Jahre vorher ein Haus gekauft, was mir die Gelegenheit gab, wenige Monate nach der Entmachtung von Habib Bourghiba einen kurzen Vorläufer des arabischen Frühlings zu beobachten. Es dauerte nicht lange, bis ich aus der Rolle des Beobachters in die eines öffentlichen Schreibers wechselte. Weiterlesen

Der nächste Situationismus

Die Zeitenwende hat uns im Griff. Schon jetzt lassen sich, mit der gebotenen selbstironischen Distanz, einige Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt für die Dauer einer Trump-Präsidentschaft Sonderkonjunkturen für den Buch- und Qualitätsmedienmarkt. Autoren wie Günther Anders, Emile Cioran, Albert Camus, Eugène Ionesco, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno werden mit neuer Begeisterung, hoffentlich auch tieferem Verständnis gelesen. Minima Moralia und  Negative Dialektik brauchen alsbald Sonderauflagen. Weiterlesen

Der Narzissmus unserer Zeit

Eine Diskussion auf Twitter über EU-Kommissar Oettinger hatte mich auf diesen Gedanken gebracht: Alle sind wie er, keiner aber so sehr wie er selbst. So entsteht eine neue Verwechselbarkeit. Sie zeichnet sich aus durch ein Amalgam aus Weinerlichkeit, starken Meinungen (im kleinen Kreis) und das Siegergefühl, für die namenlos bleibende Mehrheit zu sprechen. Der Mielke von heute sagt nicht: „Ich liebe euch doch alle.“, sondern „Ihr müsst mich doch alle lieben, dafür dass ich so bin, wie ich bin!“

Der Narzissmus unserer Zeit kann insoweit als Ausdruck der Außensteuerung verstanden werden, als ein Akt grandioser Unterwerfung.

Geschlecht: Aufruhr. 50 Jahre Stonewall

Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. (Jean Genet)

Die folgende Projektskizze verstehe ich als Einladung zur Diskussion. In welcher individuellen und institutionellen Vernetzung ließe sich dieses Projekt im Sommer 2019 realisieren?

In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue vor der Bar Stonewall Inn im Greenwich Village New Yorks zu einem Zusammenstoß zwischen schwulen Aktivisten und Polizeibeamten. Am Tag zuvor war unter großer Beteiligung der gay community (die sich noch nicht als solche verstand) Judy Garland beerdigt worden. Zu ihrer Beerdigung hatten sich über 22.000 Menschen versammelt. Garlands Lied „Over The Rainbow“ wurde schon bald zur Hymne der schwulen Kultur, der Regenbogen zum Symbol einer Bewegung, die sich nach den Straßenschlachten zu einer Bürgerrechtsbewegung entwickelte. In den Tagen nach Judy Garlands Beerdigung formte sich die Schwulenbewegung zu einer neuen sozialen Bewegung. Weiterlesen

Als wärst du ein anderer


Die Tragödie von Orlando hat einen Schlussakt, der nicht enden will. Er kann auch nicht enden. Nicht aufgrund der Trauer und des Zorns und der Anteilnahme oder ihrer Maskerade, die nur zu umschreiben  vermag, was sie nicht aussprechen will. Auch nicht, weil der Status der Opfer wie ein kultureller Replikationskonflikt wirkt, der die tatsächlichen Opfer und die Gruppe, die sich infolge des Anschlags als Opfer designiert fühlt, um die Menschenwürde bringt, auf die sie den gleichen unteilbaren Anspruch geltend macht, den das Grundgesetz allen Menschen zuspricht. Was wäre das für eine Menschenwürde, die nur unter der Voraussetzung anerkannt würde, dass sie ihr Leben lässt? Weiterlesen

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so. Weiterlesen

Die Wirklichkeit ist der Test

„Später erzählt K., wie ein Wiener Komiker, in New York ankommend, vor den Pressefotografen die Erde küsst. Das dürfe einen nicht stören, sagt K., es bedeute nur: „Küss die Erde!“

Am Sockel der Freiheitsstatue befand sich seit 1903 eine Bronzetafel mit einem Sonett von Emma Lazarus. Seine letzten Zeilen lauten:

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

In diesen Tagen helfen historische Präzedenzfälle, hier die Erfahrungen der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, besser zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Mit Staunen, auch mit gemischten Gefühlen kommentieren es die internationalen Medien. Vor ihrer Reise nach Indien gab die Bundeskanzlerin dem Deutschlandfunk ein Interview:

„Wenn so eine Aufgabe sich stellt und wenn es jetzt unsere Aufgabe ist – ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: „Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt“ –, dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken und muss natürlich versuchen, auch faire Verteilung in Europa zu haben und Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Aber mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.“

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