© Gerard van Smirren

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so. Weiterlesen

Die Wirklichkeit ist der Test

„Später erzählt K., wie ein Wiener Komiker, in New York ankommend, vor den Pressefotografen die Erde küsst. Das dürfe einen nicht stören, sagt K., es bedeute nur: „Küss die Erde!“

Am Sockel der Freiheitsstatue befand sich seit 1903 eine Bronzetafel mit einem Sonett von Emma Lazarus. Seine letzten Zeilen lauten:

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

In diesen Tagen helfen historische Präzedenzfälle, hier die Erfahrungen der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, besser zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Mit Staunen, auch mit gemischten Gefühlen kommentieren es die internationalen Medien. Vor ihrer Reise nach Indien gab die Bundeskanzlerin dem Deutschlandfunk ein Interview:

„Wenn so eine Aufgabe sich stellt und wenn es jetzt unsere Aufgabe ist – ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: „Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt“ –, dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken und muss natürlich versuchen, auch faire Verteilung in Europa zu haben und Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Aber mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.“

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Schäubles Rennen gegen sich selbst

Die Idee des Sportmärchens verdanke ich Ödön von Horváth. Heute Abend zeigt die ARD ein Filmporträt von Stephan Lamby über Wolfgang Schäuble. Für Zeit Online habe ich mir den Film angesehen.

Vor fünf Jahren habe ich in meinem alten Blog auch über Lambys Porträt Peer Steinbrücks geschrieben.

Das Lachen des Grauens

So ein Hundstagemorgen. Noch plätschert am schläfrigen Ohr die Presseschau des Deutschlandfunks vorbei. Die Themen wie die ausgesuchten Zitate wirken wie im Schlaf vorhersagbar. Dann bittet Moderator Christoph Heinemann einen Kollegen um ein paar Beispiele aus Social Media Kommentaren zum Thema Flüchtlinge. Leider ist auch dieses Grauen bereits zu geläufig. Es ist der Vorspann zu einem Interview mit Frauke Petry. Das Transkript macht das Besondere dieses Interviews nicht hörbar. Der Link führt auch zur Audiodatei. Weiterlesen

Egon Bahr

In der SPD war er ein Titan, der seinen Ruf nicht den Lagern der einen oder anderen Richtung verdankte, sondern dem Verstand, der Umsicht, der Prägnanz, mit der er politische Aufgaben in den Blick nahm und adressierte. „Wandel durch Annäherung“ – das war eine politische Vision, die Europa und die Welt verändern half. Es dauerte Jahrzehnte, aber bezeugte, was eine Vision vermag. Weiterlesen

Maschinenschaden

Das Stück habe ich heute für die Politik-Redaktion von Zeit online geschrieben.

„Der eigentliche Verrat“

Diesen Beitrag schrieb ich für Zeit Online. Ich bin darin auf die lateinische Wortwurzel tradere zurückgegangen, weil die lateinische Herkunft, anders als die deutsche, einen Aspekt der Zivilisationsgeschichte illustriert, der im Kontext der deutschen Begriffsgeschichte des Verrats fehlt oder verloren gegangen ist: dass im Festhalten oder der Weitergabe von Tradition eine gesellschaftliche Übereinkunft erkennbar wird.  Im deutschen Kontext des Verrats schwingt eine andere Idee von Treue mit, die obrigkeitlich bzw. feudal codiert ist, als eine Figur der Unterwerfung. Weiterlesen

From major to minor

So ein Tag ist das.

Die home movies zeigen übrigens den kleinen Derek Jarman. Er wollte für den Clip Regie führen, war dann aber schon zu krank.

Wir schaffen das Paradies auf Erden

So lautet die Schutzbehauptung des ECO-Reichs im Roman SCORE von Martin Burckhardt. Vergangenen Dienstag erschien in der taz meine Besprechung des Romans. Es ist noch nachzutragen, dass der Merkur in seinem Augustheft einen Essay von Martin Burckhardt über Jeremy Bentham bringt. Sowohl dieser Essay als auch Burckhardts Buch 68. Die Geschichte einer Kulturrevolution (erschienen 2009 bei semele) bilden den gedanklichen Resonanzraum des Romans.

E.L. Doctorow

Heute schrieb ich für die Zeit einen Nachruf auf E.L. Doctorow.

Unterwerfung

Nur als Hinweis.  Dieser Beitrag von mir über das verzwickte Verhältnis zwischen Schuld und Schulden erscheint heute. Ein guter Anlass offenzulegen, dass ich über diese Beziehung auch aus privaten Gründen nachzudenken hatte. Am Ende waren drei familiäre Bindungen auf Dauer zerstört, obschon die Schulden auf Heller und Pfennig getilgt waren. Was bleibt, ist nicht bezifferbar.

Zur Besiedelung durch Wahn freigegeben. Über den Roman „Rönum“

Wind. Wasser. Nebel. Wahn. Was die einen als Reiseziel betrachten, treibt andere in die Flucht. Ein Autor schrieb über die Gegend, nahe der Nordsee: „Wer diesen Landstrich zur Besiedlung freigegeben hat, gehört erschossen.“ (Hinrich von Haaren, Brandhagen) Einer dieser anderen, der vor langer Zeit die Flucht ergriffen hatte, kehrt zurück und übernimmt das Reisebüro seines Vaters. Weiterlesen

Amrum. Arbeitstagebuch 2

Der Regen bleibt mir gewogen und setzt erst ein, wenn ich schon auf dem Weg zurück vom Strand und den Dünen bin. Heute gab es immer wieder Gelegenheiten, für ein paar Minuten mich in die Sonne zu setzen, ein kaltes Vergnügen bei einer Windgeschwindigkeit von 37 km/h. Die Besprechung zu Martin Burckhardts Roman ist fertig. Er ist mehr als ein Theorie-Roman. Ein Spielroman. Weiterlesen

Amrum. Arbeitstagebuch 1

Ich reise an einen Ort meiner Kindheit. Die Fahrt dauert etwas über sieben Stunden. Bus, Bahn, Bahn, Bus, Schiff, Bus. Die Erinnerung springt zurück in den Sommer 1964. An die große erste unerklärte Liebe. B., die herbe Reiterin, der ich im Weißdornbusch von dem elenden Tod unserer Hündin erzählte, für die ich plötzlich ganze Stücke auswendig spielen konnte, die ich vorher nur vom Blatt gespielt hatte. Vom Hüttenbauen in der Burg (dafür mussten die Kinder in den Treibholzhütten auch ihren Mittagsschlaf halten). Vom nächtlichen Krabbenpulen. Von den Robinsontagen in der Heide, wo wir Pfifferlinge und Blaubeeren sammelten und immer mal wieder eines der zahllosen Kaninchen mit einer Prise Salz zu fangen versuchten. Vom Akrillspiel in den Riesendünen. Die unblutigsten Geiselbefreiungen der Weltgeschichte. Weiterlesen

Miniaturen (3)

Aus Nordkorea ist zu vernehmen, dass Kim Jong-un seinen Verteidigungsminister mit einem Flakgeschütz exekutieren ließ.  Die Gründe tun fast nichts zur Sache. Irgendwie ist doch jeder mal ein bisschen illoyal. Schläfrig zu sein bezeugte ein Ausmaß an Vertrauen, das von außen betrachtet in Nordkorea am unwahrscheinlichsten wirkt. Vermutlich war es eher Übermüdung, die Hyon Yong-chol befallen hatte. Weiterlesen

Abschied von Walter Foelske

Heute erfuhr ich, dass Walter Foelske gestorben ist.

Sein letzter Brief erreichte mich an meinem Geburtstag im Jahr 1993. Zwischen 1979 und 1993 hatte sich zuvor ein wahrhaft stürmischer Briefwechsel entwickelt, zwischen dem 45jährigen Autor und seinem lektorierenden über zwanzig Jahre jüngeren Verleger. Auf das Buch, seine Prosa-Sammlung „Anatomie eines Gettos“ war ich stolz, weil wir aus einem Zustand steilsten Nichtzueinanderfindens, einen Ton, den er in Jahrzehnten der Verzweiflung und Besessenheit als Betriebsmodus für sich erobert hatte und aus dem herauszukommen ich ihm durch synkopische minimalistische Widerstände half, zu einer Arbeitsbeziehung fanden, zu der mein früher Besuch im Spätsommer 1979 in Köln beitrug, wo er zeit seines Lebens in einer Siedlung aus den 30er Jahren gewohnt hatte. Weiterlesen

Miniaturen (2)

 

Die FAA erteilt der Indignitas Airline die Lizenz für Absturzflüge in abgelegene Täler der Rocky Mountains, wahlweise gehts auch in die Anden. Die Social Media-Abteilung von Indignitas sammelt Footage ohne Ende und hat durch billionenfache Clicks Buzzfeed abgehängt. Weiterlesen

Miniaturen (1)

Ich lese gerade mit großem Vergnügen von Lewis Dartnell „Das Handbuch für den Neustart der Welt„. Zu Beginn beschreibt er, wie wir uns die postapokalyptische Welt vorzustellen haben, wie lange es dauert, bis nach dem schlagartigen Tod von mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung die Städte, Infrastruktur zerfallen, wie es um die Chancen bestellt ist, nach der Katastrophe nicht ganz bei Null neu anzufangen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass, nachdem der letzte Supermarkt, die vorletzte Konservendose geknackt ist, nicht viel Anderes übrig bleibt, als den zähen Weg über die Landwirtschaft im Stil der Vierfelderwirtschaft von neuem zu beschreiten. Weiterlesen

Liebeserklärung aus dem Archiv

Den Anlass zum Griff ins Archiv gab ein Hinweis Goncourts. Das Feature ist noch bis zum 18. Februar in der Mediathek zu sehen.

Das Dokument umfasst drei leicht vergilbte Seiten. Ausweislich des Briefkopfes wurde es am 15. Oktober 1980 verfasst. Das Briefpapier gibt als Absender die rosa Winkel Verlags- und Versand GmbH an. Das Dokument scheint schlecht archiviert. Gelocht, maschinengeschrieben mit zahlreichen handschriftlich korrigierten Fehlern. Da es erkennbar mit einer kraftvoll durchschlagenden Schreibmaschine geschrieben worden sein muss, besteht Grund zu der Annahme, dass es sich bei diesem Brief an Ronald M. Schernikau um das offenbar nie abgesandte Original des Briefs handelt. Wäre der Brief abgeschickt worden, befände sich an der Stelle in der Akte nur die verblasste Kopie des Durchschlagpapiers. Die handschriftliche Aufforderung „bitte zurück!“ dokumentiert, dass der Brief – wem auch immer! – leihweise überlassen wurde.

Der Wortlaut erweckt den Eindruck, als sei der Brief in rasender Eile verfasst worden. Die Syntax ist verworren (nicht fehlerhaft), wirkt etwas überbordend,  eruptiv, kontrastiert mit anderen Passagen, die eher bürokratisch, wie ein juristischer Vorhalt verfasst klingen. In dem Verfasser muss sich etwas angestaut haben, ohne dass er – jenseits der vorgebrachten Argumente – selbst im Bilde darüber gewesen sein dürfte, was ihn tatsächlich dazu bewogen hatte, den Brief zu verfassen und sodann ihn nie abzuschicken. Als Dokument bezeugt der Brief den Akt einer Selbstzensur, den Versuch einer Affektkontrolle. Der Versuch ist gescheitert. Läsen wir den Brief in ähnlich rasender Eile, wie er verfasst worden ist, fiele uns nur der Suada-Sound auf, infolge des Sounds und der verstiegenen Syntax legten wir ihn vermutlich etwas angewidert beiseite und er wäre schon bald wieder vergessen. Weiterlesen

Merkur

Das lange Schweigen hat sein Ende. Manche Gründe gab es, gute, schlechte. Ein Ergebnis ist anfang März in der von Jo Lendle und Clemens Setz herausgegebenen neuen Ausgabe der akzente zu besichtigen. Darin schreibe ich über das Lebenswerk des japanischen Autors Shozo Numa, den Roman Yapou, menschliches Vieh.

Anlasslos zu schreiben erfordert übrigens auch einen Widerstand gegen Anlässe, zu denen meistens schon mehrfach alles von fast allen gesagt worden zu sein scheint.  Mir geht es eher um Interventionen, die unerwartet, aus einem schrägen Blickwinkel oder als Zwischenruf die eigenen Widerstände gegen das Schreiben durchlässig machen, einer begeisternden Lektüre folgen oder eigene Anlässe herbeiführen.

Seit einiger Zeit beobachte ich mich dabei, mir auf die Finger zu hauen, wenn ein elektrischer Schreibimpuls durchbricht, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Das gilt für unterbliebene Reaktionen auf die Zeitschrift Cicero, ein Magazin (einschließlich seines Ablegers im Netz), das sich dazu entschlossen hat, provokativ seicht im Trüben zu fischen, in wahlverwandtschaftlicher Nähe zu Titeln, die man nicht mal mehr nennen mag. Nur noch krawallgebürstet, in der Syntax verludert, im Denken einer Lagerlogik zugetan, die abstößt. Fast müsste man in Verteidigung ihres Namensgebers eine Titelschutzklage erwägen, um den zweifelhaften Missbrauch Ciceros nicht weiter durchgehen zu lassen. Nur wer wäre dazu klageberechtigt? Vielleicht Winfried Stroh.

Ganz anders geht es mir mit dem Merkur. Weiterlesen

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