© Gerard van Smirren

Der nächste Situationismus

Die Zeitenwende hat uns im Griff. Schon jetzt lassen sich, mit der gebotenen selbstironischen Distanz, einige Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt für die Dauer einer Trump-Präsidentschaft Sonderkonjunkturen für den Buch- und Qualitätsmedienmarkt. Autoren wie Günther Anders, Emile Cioran, Albert Camus, Eugène Ionesco, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno werden mit neuer Begeisterung, hoffentlich auch tieferem Verständnis gelesen. Minima Moralia und  Negative Dialektik brauchen alsbald Sonderauflagen. Weiterlesen

Der Narzissmus unserer Zeit

Eine Diskussion auf Twitter über EU-Kommissar Oettinger hatte mich auf diesen Gedanken gebracht: Alle sind wie er, keiner aber so sehr wie er selbst. So entsteht eine neue Verwechselbarkeit. Sie zeichnet sich aus durch ein Amalgam aus Weinerlichkeit, starken Meinungen (im kleinen Kreis) und das Siegergefühl, für die namenlos bleibende Mehrheit zu sprechen. Der Mielke von heute sagt nicht: „Ich liebe euch doch alle.“, sondern „Ihr müsst mich doch alle lieben, dafür dass ich so bin, wie ich bin!“

Der Narzissmus unserer Zeit kann insoweit als Ausdruck der Außensteuerung verstanden werden, als ein Akt grandioser Unterwerfung.

Geschlecht: Aufruhr. 50 Jahre Stonewall

Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. (Jean Genet)

Die folgende Projektskizze verstehe ich als Einladung zur Diskussion. In welcher individuellen und institutionellen Vernetzung ließe sich dieses Projekt im Sommer 2019 realisieren?

In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue vor der Bar Stonewall Inn im Greenwich Village New Yorks zu einem Zusammenstoß zwischen schwulen Aktivisten und Polizeibeamten. Am Tag zuvor war unter großer Beteiligung der gay community (die sich noch nicht als solche verstand) Judy Garland beerdigt worden. Zu ihrer Beerdigung hatten sich über 22.000 Menschen versammelt. Garlands Lied „Over The Rainbow“ wurde schon bald zur Hymne der schwulen Kultur, der Regenbogen zum Symbol einer Bewegung, die sich nach den Straßenschlachten zu einer Bürgerrechtsbewegung entwickelte. In den Tagen nach Judy Garlands Beerdigung formte sich die Schwulenbewegung zu einer neuen sozialen Bewegung. Weiterlesen

Als wärst du ein anderer


Die Tragödie von Orlando hat einen Schlussakt, der nicht enden will. Er kann auch nicht enden. Nicht aufgrund der Trauer und des Zorns und der Anteilnahme oder ihrer Maskerade, die nur zu umschreiben  vermag, was sie nicht aussprechen will. Auch nicht, weil der Status der Opfer wie ein kultureller Replikationskonflikt wirkt, der die tatsächlichen Opfer und die Gruppe, die sich infolge des Anschlags als Opfer designiert fühlt, um die Menschenwürde bringt, auf die sie den gleichen unteilbaren Anspruch geltend macht, den das Grundgesetz allen Menschen zuspricht. Was wäre das für eine Menschenwürde, die nur unter der Voraussetzung anerkannt würde, dass sie ihr Leben lässt? Weiterlesen

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so. Weiterlesen

Die Wirklichkeit ist der Test

„Später erzählt K., wie ein Wiener Komiker, in New York ankommend, vor den Pressefotografen die Erde küsst. Das dürfe einen nicht stören, sagt K., es bedeute nur: „Küss die Erde!“

Am Sockel der Freiheitsstatue befand sich seit 1903 eine Bronzetafel mit einem Sonett von Emma Lazarus. Seine letzten Zeilen lauten:

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

In diesen Tagen helfen historische Präzedenzfälle, hier die Erfahrungen der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, besser zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Mit Staunen, auch mit gemischten Gefühlen kommentieren es die internationalen Medien. Vor ihrer Reise nach Indien gab die Bundeskanzlerin dem Deutschlandfunk ein Interview:

„Wenn so eine Aufgabe sich stellt und wenn es jetzt unsere Aufgabe ist – ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: „Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt“ –, dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken und muss natürlich versuchen, auch faire Verteilung in Europa zu haben und Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Aber mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.“

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Schäubles Rennen gegen sich selbst

Die Idee des Sportmärchens verdanke ich Ödön von Horváth. Heute Abend zeigt die ARD ein Filmporträt von Stephan Lamby über Wolfgang Schäuble. Für Zeit Online habe ich mir den Film angesehen.

Vor fünf Jahren habe ich in meinem alten Blog auch über Lambys Porträt Peer Steinbrücks geschrieben.

Das Lachen des Grauens

So ein Hundstagemorgen. Noch plätschert am schläfrigen Ohr die Presseschau des Deutschlandfunks vorbei. Die Themen wie die ausgesuchten Zitate wirken wie im Schlaf vorhersagbar. Dann bittet Moderator Christoph Heinemann einen Kollegen um ein paar Beispiele aus Social Media Kommentaren zum Thema Flüchtlinge. Leider ist auch dieses Grauen bereits zu geläufig. Es ist der Vorspann zu einem Interview mit Frauke Petry. Das Transkript macht das Besondere dieses Interviews nicht hörbar. Der Link führt auch zur Audiodatei. Weiterlesen

Egon Bahr

In der SPD war er ein Titan, der seinen Ruf nicht den Lagern der einen oder anderen Richtung verdankte, sondern dem Verstand, der Umsicht, der Prägnanz, mit der er politische Aufgaben in den Blick nahm und adressierte. „Wandel durch Annäherung“ – das war eine politische Vision, die Europa und die Welt verändern half. Es dauerte Jahrzehnte, aber bezeugte, was eine Vision vermag. Weiterlesen

Maschinenschaden

Das Stück habe ich heute für die Politik-Redaktion von Zeit online geschrieben.

„Der eigentliche Verrat“

Diesen Beitrag schrieb ich für Zeit Online. Ich bin darin auf die lateinische Wortwurzel tradere zurückgegangen, weil die lateinische Herkunft, anders als die deutsche, einen Aspekt der Zivilisationsgeschichte illustriert, der im Kontext der deutschen Begriffsgeschichte des Verrats fehlt oder verloren gegangen ist: dass im Festhalten oder der Weitergabe von Tradition eine gesellschaftliche Übereinkunft erkennbar wird.  Im deutschen Kontext des Verrats schwingt eine andere Idee von Treue mit, die obrigkeitlich bzw. feudal codiert ist, als eine Figur der Unterwerfung. Weiterlesen

From major to minor

So ein Tag ist das.

Die home movies zeigen übrigens den kleinen Derek Jarman. Er wollte für den Clip Regie führen, war dann aber schon zu krank.

Wir schaffen das Paradies auf Erden

So lautet die Schutzbehauptung des ECO-Reichs im Roman SCORE von Martin Burckhardt. Vergangenen Dienstag erschien in der taz meine Besprechung des Romans. Es ist noch nachzutragen, dass der Merkur in seinem Augustheft einen Essay von Martin Burckhardt über Jeremy Bentham bringt. Sowohl dieser Essay als auch Burckhardts Buch 68. Die Geschichte einer Kulturrevolution (erschienen 2009 bei semele) bilden den gedanklichen Resonanzraum des Romans.

E.L. Doctorow

Heute schrieb ich für die Zeit einen Nachruf auf E.L. Doctorow.

Unterwerfung

Nur als Hinweis.  Dieser Beitrag von mir über das verzwickte Verhältnis zwischen Schuld und Schulden erscheint heute. Ein guter Anlass offenzulegen, dass ich über diese Beziehung auch aus privaten Gründen nachzudenken hatte. Am Ende waren drei familiäre Bindungen auf Dauer zerstört, obschon die Schulden auf Heller und Pfennig getilgt waren. Was bleibt, ist nicht bezifferbar.

Zur Besiedelung durch Wahn freigegeben. Über den Roman „Rönum“

Wind. Wasser. Nebel. Wahn. Was die einen als Reiseziel betrachten, treibt andere in die Flucht. Ein Autor schrieb über die Gegend, nahe der Nordsee: „Wer diesen Landstrich zur Besiedlung freigegeben hat, gehört erschossen.“ (Hinrich von Haaren, Brandhagen) Einer dieser anderen, der vor langer Zeit die Flucht ergriffen hatte, kehrt zurück und übernimmt das Reisebüro seines Vaters. Weiterlesen

Amrum. Arbeitstagebuch 2

Der Regen bleibt mir gewogen und setzt erst ein, wenn ich schon auf dem Weg zurück vom Strand und den Dünen bin. Heute gab es immer wieder Gelegenheiten, für ein paar Minuten mich in die Sonne zu setzen, ein kaltes Vergnügen bei einer Windgeschwindigkeit von 37 km/h. Die Besprechung zu Martin Burckhardts Roman ist fertig. Er ist mehr als ein Theorie-Roman. Ein Spielroman. Weiterlesen

Amrum. Arbeitstagebuch 1

Ich reise an einen Ort meiner Kindheit. Die Fahrt dauert etwas über sieben Stunden. Bus, Bahn, Bahn, Bus, Schiff, Bus. Die Erinnerung springt zurück in den Sommer 1964. An die große erste unerklärte Liebe. B., die herbe Reiterin, der ich im Weißdornbusch von dem elenden Tod unserer Hündin erzählte, für die ich plötzlich ganze Stücke auswendig spielen konnte, die ich vorher nur vom Blatt gespielt hatte. Vom Hüttenbauen in der Burg (dafür mussten die Kinder in den Treibholzhütten auch ihren Mittagsschlaf halten). Vom nächtlichen Krabbenpulen. Von den Robinsontagen in der Heide, wo wir Pfifferlinge und Blaubeeren sammelten und immer mal wieder eines der zahllosen Kaninchen mit einer Prise Salz zu fangen versuchten. Vom Akrillspiel in den Riesendünen. Die unblutigsten Geiselbefreiungen der Weltgeschichte. Weiterlesen

Miniaturen (3)

Aus Nordkorea ist zu vernehmen, dass Kim Jong-un seinen Verteidigungsminister mit einem Flakgeschütz exekutieren ließ.  Die Gründe tun fast nichts zur Sache. Irgendwie ist doch jeder mal ein bisschen illoyal. Schläfrig zu sein bezeugte ein Ausmaß an Vertrauen, das von außen betrachtet in Nordkorea am unwahrscheinlichsten wirkt. Vermutlich war es eher Übermüdung, die Hyon Yong-chol befallen hatte. Weiterlesen

Abschied von Walter Foelske

Heute erfuhr ich, dass Walter Foelske gestorben ist.

Sein letzter Brief erreichte mich an meinem Geburtstag im Jahr 1993. Zwischen 1979 und 1993 hatte sich zuvor ein wahrhaft stürmischer Briefwechsel entwickelt, zwischen dem 45jährigen Autor und seinem lektorierenden über zwanzig Jahre jüngeren Verleger. Auf das Buch, seine Prosa-Sammlung „Anatomie eines Gettos“ war ich stolz, weil wir aus einem Zustand steilsten Nichtzueinanderfindens, einen Ton, den er in Jahrzehnten der Verzweiflung und Besessenheit als Betriebsmodus für sich erobert hatte und aus dem herauszukommen ich ihm durch synkopische minimalistische Widerstände half, zu einer Arbeitsbeziehung fanden, zu der mein früher Besuch im Spätsommer 1979 in Köln beitrug, wo er zeit seines Lebens in einer Siedlung aus den 30er Jahren gewohnt hatte. Weiterlesen

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