© Gerard van Smirren

In eigener Sache

Im März 2019 kommen die ersten beiden Bände einer kleinen Buchreihe heraus, die ich für den Dudenverlag schreibe. Es geht um Wörter aus den 50er und 60er Jahren. Im Herbst 2019 folgen die Bände zu den 70er und 80er Jahren. Ein seltsames Schreiberlebnis, in die eigene Kindheit, Adoleszenz und das frühe Erwachsensein einzutauchen und der Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit nachzugehen. Zu jedem Wort gibt es einen Miniessay von circa 1000 Zeichen. Die Bücher sind illustriert mit Fotos aus dem jeweiligen Jahrzehnt.

     

Der Wahnsinn geht weiter – eine Tragödie wird besichtigt

Der folgende Essay erschien kürzlich im Jahrbuch Fernsehen 2018. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber dokumentiere ich ihn hier in meinem Blog.

Prolog: Die Welt wartet nicht auf uns

Die ersten Bilder zeigen einen leeren Konferenzsaal. Die Namensschilder sind austauschbar, stehen für die vielleicht schon verloren gegangene Idee von Repräsentation. Wann werden sie ausgetauscht? Durch wen? Das Leitmotiv erklingt, eine Bearbeitung zweier Kompositionen von Johann Sebastian Bach1, ein maestoso triste in Moll, Kontrapunkt zur musikalischen Tradition eines Parteilieds, das noch Seit´an Seit´schreitet, aber nicht mehr zu wissen scheint, in welche Richtung die Reise gehen wird. Das Motiv durchzieht die Dokumentation wie eine Interpretationshilfe, trifft selbst eine melancholische Aussage zu dem Befund, zu dem die Dokumentation gelangt: der Wahnsinn geht weiter. Weiterlesen

Marlenes Schweigen

Für die Filmzeitschrift Sissy schrieb ich vor zwei Jahren über meinen Filmmoment, einen Ausschnitt aus Rainer Werner Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Robin Detje wünscht sich in diesem Herbst mehr Fassbinder-Nacherzählungen von mir. Das ist eine Bitte, die ich gerne befolge. Bald mehr! Weiterlesen

Am Fuß der blauen Berge

Die Erinnerung führt zurück in den Frühling 1986. Damals habe ich in der Camargue die Reisfelder bestellt, Feldränder abgefackelt, Ruinen entrümpelt und zwei Monate später über das Filmfestival in Cannes berichtet. Es war das Jahr, in dem Tschernobyl explodiert war, in dem die Franzosen sich über die Deutschen belustigten, bis sie über libération erfuhren, wie belastet der strahlende Regen an der Côte d’Azur war. Im Hafen von Cannes lag Roman Polanskis Piratenschiff vor Anker und das Festival zeigte Oshimas Film Max, Mon Amour. Im Jahr zuvor hatte ich Klaus Heinrichs Vorlesung über Lukrez gehört, als hätte ich gewusst, dass ich kaum ein Jahr später in die Natur der Dinge und in die Dinge der Natur tiefer eintauchen würde, als mir zuvor vorstellbar erschienen wäre. Weiterlesen

Rettet die Mauer!

Wenn ich mich richtig erinnere, entstand dieses Fake-Interview für Radio 100 im Herbst 1988 nach einer Erklärung des AL-Abgeordneten Dirk Schneider. Ich erfand eine Bürgerinitiative unter dem Vorsitz von Prinz Louis Ferdinand von Preußen und phantasierte, dass das Paul Getty-Museum der DDR ein Kaufangebot für die Mauer unterbreitet hatte, weil die Kuratoren die ersten Bilder der Berliner wilden Maler nach Kalifornien holen wollten. Weiterlesen

Liebe Landsbarschel!

Dieses kleine Stück, im Rückblick nach 30 Jahren darf ich das so sagen, ist verwerflich, aber es war auch von einer erstaunlichen rhetorischen Wirkung. Am Nachmittag des 31. Dezember 1987 riss ich Helmut Kohls Neujahrsansprache aus dem dpa-Ticker und machte mich an die rhetorische Operation, jedes Substantiv zu mutieren. Weiterlesen

Nachtflug: In der Medina von Sousse

Für Huub Niessen

Im Sommer 1988 verbrachte ich sechs Wochen in der Medina von Sousse. Ein Freund von mir hatte dort einige Jahre vorher ein Haus gekauft, was mir die Gelegenheit gab, wenige Monate nach der Entmachtung von Habib Bourghiba einen kurzen Vorläufer des arabischen Frühlings zu beobachten. Es dauerte nicht lange, bis ich aus der Rolle des Beobachters in die eines öffentlichen Schreibers wechselte. Weiterlesen

Dieser verspätete Schrei

Im November 1988 produzierte ich zusammen mit dem Sprecher Wolfram Haack zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome bei Radio 100 einen Nachtflug mit Texten aus einem Lesebuch, das ich für den Frankfurter Bund für Volksbildung zusammengestellt hatte. Die politische Entwicklung in den USA verleiht dieser Textauswahl eigene Aktualität.

Am 3./4. März 2017 gibt es im Columbia-Theater ein kleines Festival zum 30. Geburtstag von Radio 100, zu dessen Gründern ich 1987 gehört habe. Bis dahin werde ich einige weitere Nachtflüge hier online stellen, als Neueinstieg eines analogen Radiomachers in die Podcast-Welt. Weiterlesen

Der nächste Situationismus

Die Zeitenwende hat uns im Griff. Schon jetzt lassen sich, mit der gebotenen selbstironischen Distanz, einige Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt für die Dauer einer Trump-Präsidentschaft Sonderkonjunkturen für den Buch- und Qualitätsmedienmarkt. Autoren wie Günther Anders, Emile Cioran, Albert Camus, Eugène Ionesco, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno werden mit neuer Begeisterung, hoffentlich auch tieferem Verständnis gelesen. Minima Moralia und  Negative Dialektik brauchen alsbald Sonderauflagen. Weiterlesen

Der Narzissmus unserer Zeit

Eine Diskussion auf Twitter über EU-Kommissar Oettinger hatte mich auf diesen Gedanken gebracht: Alle sind wie er, keiner aber so sehr wie er selbst. So entsteht eine neue Verwechselbarkeit. Sie zeichnet sich aus durch ein Amalgam aus Weinerlichkeit, starken Meinungen (im kleinen Kreis) und das Siegergefühl, für die namenlos bleibende Mehrheit zu sprechen. Der Mielke von heute sagt nicht: „Ich liebe euch doch alle.“, sondern „Ihr müsst mich doch alle lieben, dafür dass ich so bin, wie ich bin!“

Der Narzissmus unserer Zeit kann insoweit als Ausdruck der Außensteuerung verstanden werden, als ein Akt grandioser Unterwerfung.

Geschlecht: Aufruhr. 50 Jahre Stonewall

Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. (Jean Genet)

Die folgende Projektskizze verstehe ich als Einladung zur Diskussion. In welcher individuellen und institutionellen Vernetzung ließe sich dieses Projekt im Sommer 2019 realisieren?

In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue vor der Bar Stonewall Inn im Greenwich Village New Yorks zu einem Zusammenstoß zwischen schwulen Aktivisten und Polizeibeamten. Am Tag zuvor war unter großer Beteiligung der gay community (die sich noch nicht als solche verstand) Judy Garland beerdigt worden. Zu ihrer Beerdigung hatten sich über 22.000 Menschen versammelt. Garlands Lied „Over The Rainbow“ wurde schon bald zur Hymne der schwulen Kultur, der Regenbogen zum Symbol einer Bewegung, die sich nach den Straßenschlachten zu einer Bürgerrechtsbewegung entwickelte. In den Tagen nach Judy Garlands Beerdigung formte sich die Schwulenbewegung zu einer neuen sozialen Bewegung. Weiterlesen

Als wärst du ein anderer


Die Tragödie von Orlando hat einen Schlussakt, der nicht enden will. Er kann auch nicht enden. Nicht aufgrund der Trauer und des Zorns und der Anteilnahme oder ihrer Maskerade, die nur zu umschreiben  vermag, was sie nicht aussprechen will. Auch nicht, weil der Status der Opfer wie ein kultureller Replikationskonflikt wirkt, der die tatsächlichen Opfer und die Gruppe, die sich infolge des Anschlags als Opfer designiert fühlt, um die Menschenwürde bringt, auf die sie den gleichen unteilbaren Anspruch geltend macht, den das Grundgesetz allen Menschen zuspricht. Was wäre das für eine Menschenwürde, die nur unter der Voraussetzung anerkannt würde, dass sie ihr Leben lässt? Weiterlesen

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so. Weiterlesen

Die Wirklichkeit ist der Test

„Später erzählt K., wie ein Wiener Komiker, in New York ankommend, vor den Pressefotografen die Erde küsst. Das dürfe einen nicht stören, sagt K., es bedeute nur: „Küss die Erde!“

Am Sockel der Freiheitsstatue befand sich seit 1903 eine Bronzetafel mit einem Sonett von Emma Lazarus. Seine letzten Zeilen lauten:

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

In diesen Tagen helfen historische Präzedenzfälle, hier die Erfahrungen der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, besser zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Mit Staunen, auch mit gemischten Gefühlen kommentieren es die internationalen Medien. Vor ihrer Reise nach Indien gab die Bundeskanzlerin dem Deutschlandfunk ein Interview:

„Wenn so eine Aufgabe sich stellt und wenn es jetzt unsere Aufgabe ist – ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: „Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt“ –, dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken und muss natürlich versuchen, auch faire Verteilung in Europa zu haben und Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Aber mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang.“

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Schäubles Rennen gegen sich selbst

Die Idee des Sportmärchens verdanke ich Ödön von Horváth. Heute Abend zeigt die ARD ein Filmporträt von Stephan Lamby über Wolfgang Schäuble. Für Zeit Online habe ich mir den Film angesehen.

Vor fünf Jahren habe ich in meinem alten Blog auch über Lambys Porträt Peer Steinbrücks geschrieben.

Das Lachen des Grauens

So ein Hundstagemorgen. Noch plätschert am schläfrigen Ohr die Presseschau des Deutschlandfunks vorbei. Die Themen wie die ausgesuchten Zitate wirken wie im Schlaf vorhersagbar. Dann bittet Moderator Christoph Heinemann einen Kollegen um ein paar Beispiele aus Social Media Kommentaren zum Thema Flüchtlinge. Leider ist auch dieses Grauen bereits zu geläufig. Es ist der Vorspann zu einem Interview mit Frauke Petry. Das Transkript macht das Besondere dieses Interviews nicht hörbar. Der Link führt auch zur Audiodatei. Weiterlesen

Egon Bahr

In der SPD war er ein Titan, der seinen Ruf nicht den Lagern der einen oder anderen Richtung verdankte, sondern dem Verstand, der Umsicht, der Prägnanz, mit der er politische Aufgaben in den Blick nahm und adressierte. „Wandel durch Annäherung“ – das war eine politische Vision, die Europa und die Welt verändern half. Es dauerte Jahrzehnte, aber bezeugte, was eine Vision vermag. Weiterlesen

Maschinenschaden

Das Stück habe ich heute für die Politik-Redaktion von Zeit online geschrieben.

„Der eigentliche Verrat“

Diesen Beitrag schrieb ich für Zeit Online. Ich bin darin auf die lateinische Wortwurzel tradere zurückgegangen, weil die lateinische Herkunft, anders als die deutsche, einen Aspekt der Zivilisationsgeschichte illustriert, der im Kontext der deutschen Begriffsgeschichte des Verrats fehlt oder verloren gegangen ist: dass im Festhalten oder der Weitergabe von Tradition eine gesellschaftliche Übereinkunft erkennbar wird.  Im deutschen Kontext des Verrats schwingt eine andere Idee von Treue mit, die obrigkeitlich bzw. feudal codiert ist, als eine Figur der Unterwerfung. Weiterlesen

From major to minor

So ein Tag ist das.

Die home movies zeigen übrigens den kleinen Derek Jarman. Er wollte für den Clip Regie führen, war dann aber schon zu krank.

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