Leichenschmaus für Egmont Fassbinder

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Die Nachricht von seinem Tod kam unerwartet. Er war, wenn wir uns, wie immer, zufällig begegneten, von einer unverwüstlich scheinenden Vitalität, etwas hinfällig vielleicht, aber immer noch voller Stolz über seine Eroberungen bei den Sex Parties im Berghain und anderswo. Hündin Lola schnüffelte gerne an ihm, was er bereitwillig und mit seltsamem Stolz erlaubte. An ihm gab es zu schnüffeln.

Als wir uns zuerst begegneten, in den späten 70er Jahren, konnten wir einander kaum fremder sein, ich als das scheue Hippiereh, frisch aus Tübingen umgebettet nach Berlin-Kreuzberg, er als der Lederkerl, dessen Interessen schon früh sich eher auf die ferne Vorgeschichte unserer Zeit gelegt hatten.

Wir wurden aufeinander – genauer gesagt: gegeneinander – angesetzt, als das designierte Nachfolgerteam der Gründer des Verlags rosa Winkel, ich als das dünne Zünglein an der Waage gegen seine in die Vergangenheit und ihre Aufarbeitung zielenden Interessen.  So sehr wir mit den uns zugedachten Rollen konform gingen, so pragmatisch fanden wir innerhalb erstaunlich kurzer Zeit zu einem modus cooperandi, der uns nicht in diese Wiege gelegt worden war.

Als ich das denke (noch nicht schreibe), sitze ich mit Hündin Lola auf der Terrasse vor dem Café Aroma, da, wo die Hochkirchstraße Platz macht für eine Piazetta, an deren Rändern eine Schar von Halbwüchsigen alles das ausprobiert, was ihre Eltern ihnen aus der Ferne verbieten, eine Szene, die Federico Fellini für den Film Amarcord hätte nutzen können, das früh erwachende Begehren, die scheue Schönheit, das Kräftemessen der Halbwüchsigen, es fehlte nur die Tabakhändlerin Gradisca.

Ich hatte mich nach der Nachmittagsrunde mit dem Hund dazu entschlossen, den einsamen Leichenschmaus zu Ehren von Egmont Fassbinder zu einer Erinnerung an die vier Jahre zu nutzen, in denen wir erfolgreicher, als uns zugetraut worden war, miteinander ein Programm auf die Beine stellten, das sich auch heute noch sehen lassen kann, wenngleich alles inzwischen vergessen zu sein scheint.

Den Beginn machte ein schmales Bändchen, das Andrew Hodges und David Hutter bei Pink Triangle Press 1979 herausgebracht hatten. Hajo Corsten hatte es für uns aus dem Englischen übersetzt. Im Jahr zuvor hatten wir zusammen in der Poststelle der Berlinale gearbeitet und gelegentlich im albernen Ford Taunus Wolf Donner nach Tegel gefahren oder von dort abgeholt.

Ich hatte für die deutsche Übersetzung den Titel gefunden: „Das unerhörte Schweigen der Schwulen“, der grüblerische Hippie, der ich damals war, hatte die Ambivalenz verstanden, mit der Andrew Hodges (später wurde er der Biograph von Alan Turing) die Ambivalenz der schwulen Kultur zu beschreiben versucht hatte. Im selben Jahr 1979 brachten wir eine Essaysammlung heraus, die Bernhard Dieckmann und François Pescatore für uns übersetzt hatten: Elemente einer homosexuellen Kritik, eine Sammlung von Essays, die die FHAR (The Front homosexuel d’action révolutionnaire) zuvor in Paris herausgebracht hatten. Im gleichen Jahr bereitete ich die Produktion eines Bandes mit Kurzgeschichten und Erzählungen des Kölner Autors Walter Foelske vor, der als Sohn eines brachialen Polizisten und einer scheuen Rehmutter zeit seines Lebens nie aus dem Grünen Hof in Köln-Weidenpesch herausgefunden hatte. Für diesen Band, der unter dem Titel „Anatomie eines Gettos“ im Herbst 1980 erschien, hatte ich den Hamburger Ledermann Hans Eppendorfer um ein Nachwort gebeten. Eppendorfer, damals Herausgeber der Monatszeitschrift „Him applaus“ erkannte in Foelske den Herausforderer, der ihm nicht nur literarisch überlegen war, und missbrauchte meine Bitte um eine freundliche Würdigung für eine qualvolle Hinrichtung. Wenige Tage vor Drucklegung verzichteten wir auf das verkaufsfördernd gedachte homizide Nachwort und handelten uns die Rachsucht Eppendorfers ein, die er auch durch das Geschenk eines japanischen Handschmeichlers in Sankt Pauli nicht hatte ausräumen können. Er wollte auch mich, das scheue Hippireh, unter seine sadistische Kontrolle bekommen. Das ist ihm nicht gelungen. Im Jahr 1980 kamen neben Foelskes Band zwei Comichefte heraus: das erste von Ralf König, dessen Comic-Karriere so einen furiosen Start hatte, und das zweite von Wolfgang Müller (aka Tödliche Doris), auch in dieser Parallelaktion hatten Egmont und ich auf zwei gegeneinander antretende Talente gesetzt.

Schließlich erschien in diesem Jahr 1980 auch der Essay-Band „Drei Milliarden Perverse“, die Übersetzung einer Essay-Sammlung ebenfalls aus der Geschichte der FHAR um Guy Hocquenghem. Wolfgang Müller, unsere Tödliche Doris, hatte als Beigabe für den Band ein Brettspiel gemalt, das aus heutiger Perspektive von Cancel Culture und Sprachverboten sofort auf den Index gesetzt worden wäre. Einige Wochen vor Drucklegung hatte ich in einer Ausgabe von Winston Leylands Gay Sunshine Press einige Graphiken des brasilianischen Künstlers Arlindo Daibert gefunden, die er unter dem Roland Barthes-Titel „Fragmente eines Diskurses der Liebe“ produziert hatte. Leyland hatte auf meine Bitte nach der Adresse von Daibert nicht geantwortet. So schickte ich einen Brief an das Postfach einer Schwulengruppe in Sao Paulo, noch regierte die homophobe Militärjunta. Wenige Wochen vor Drucklegung fanden wir in unserem Postfach in der Hauptstraße ein großes Paket mit fünf Originalgraphiken von Arlindo, die wir dem Band als Beigabe hinzufügten. Über dieses Glück freue ich mich noch heute.

Meinen Abschied leitete ich im darauf folgenden Jahr ein, als ich noch durchsetzte, dass der Roman „Als Jonathan starb“ von Tony Duvert im Verlag rosa Winkel erschien. Im Jahr zuvor hatte Klaus Völker für den Wagenbach-Freibeuter eine Sammlung von Kürzestgeschichten von Duvert übersetzt, die bei Fata Morgana zuerst erschienen waren.

Viele Jahre später, wenn ich, wie so oft damals, aus den Cévennen für einen Tag der Erholung nach Arles fuhr, stieß ich in der Buchhandlung des Verlags Actes Sud von Hubert Nyssen auf die wunderbarsten Bücher. Ein Autor, der es trotz seiner tragischen Lebensgeschichte und trotz seiner erzählerischen Potenz bisher nicht in die deutsche Sprache gebracht hatte, war der piéd noir Jean Sénac. Zu gerne hätte ich den schmalen Gedichtband  „Le mythe du sperme Méditerranée“ herausgebracht, aber er war erst nach dem Ende meiner Zeit im Verlag rosa Winkel erschienen.

Mehrere vergeblich gebliebene Anläufe hatte ich genommen, unter dem Dach des Internationalen Literaturfestivals Berlin eine Nacht den Werken der ermordeten schwulen Dichter zu widmen. Ulrich Schreiber ist darauf nicht eingegangen.

Mein Leichenschmaus Egmont Fassbinder zu Ehren geht zu Ende. Die Pizza Napoli ist verzehrt, der Wein ausgetrunken, die Fellini-Piazetta entvölkert, der Hund müde. Müde gehen wir nach Haus. Die Enkel werdens nicht besser ausfechten.

Farewell Egmont! Ruhe in Frieden! Wir hatten eine gute Zeit, die uns keiner zugetraut hatte. Wir waren erfolgreicher, als wir zu träumen gewagt hatten.

Gute Reise!