© Gerard van Smirren

Verlustanzeige

Der Tod Frank Schirrmachers ist eine Zäsur.

Der große Mann ist ein öffentliches Unglück, schreibt Edo Reents. Der Verlust dieses großen Mannes ist ein Unglück für unsere Zeit, der das Phänomen des Phantomschmerzes fehlt, um ermessen zu können, was ihr durch Schirrmachers Tod abhanden gekommen ist: ein Spieler und Gegenspieler, ein Spurenleser, ein Seismograph mit einem Gespür, das auch feinsten Schwingungen den Schritt voraus war, der erst Verstehen in dem umfassenden Sinn dieses Wortes ermöglicht.

Egal zu welcher Tages-, Abend- oder Nachtzeit man ihn erreichte, er glühte auf, weil er das Elektrisierbarsein verkörperte, für Themen und Anregungen offen war, die in der versäulten deutschsprachigen Medienwelt auf dem Weg durch zuständige Ressorts fast unrettbar verloren gegangen wären.

Um sich herum hatte er ein weltweites Netzwerk feinster Verknüpfungen ins Leben gerufen, das wie eine Galaxie mit ihm als jungem Braunen Zwerg verstanden werden könnte, kein Zentralgestirn mit geordneten Umlaufbahnen, kein Trabant, sondern eine verkörperte Fusionsenergie, die ihn nährte, weshalb es aus dieser Logik Ehre bezeugte, von ihm als Oberkonfusionsrat bezeichnet zu werden.

Was wird nun aus dem nicht mehr durch seine Präsenz geordneten Versprechen der um ihn versammelten Talente? Gehen sie verloren, mit ihm dahin? Wer fängt sie auf und bindet sie ein in ein neues Kraftzentrum, das den von ihm eingeschlagenen Kurs auf die dazugehörige unvorhersagbare Weise weiter führt?

Ich habe Frank Schirrmacher mehr zu verdanken, als die schmale Sichtbarkeit einiger Beiträge im Blatt dokumentieren kann. Es begann mit einem späten Debüt in einer für mich sehr schwierigen Zeit.

Dafür danke ich ihm, bestürzt, traurig und erschüttert.

Die Ikonographie der Schutzweste

Dieses Photo hat über Pfingsten Schlagzeilen gemacht. Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt ist in Kontrolle der Ruder. Seine Gäste sind ihm ausgeliefert. Es sind bisher keine Bilder bekannt geworden, die die Gäste dabei zeigen, wie sie in das Ruderboot gelangt sind. Frau Baumann, wenn nicht die Kanzlerin höchstselbst, wird darauf geachtet haben, dass das Verlassen festen Grundes unbeobachtbar bleibt. Weiterlesen

Höchste Eisenbahn

Der amerikanische Secret Service hat ein Projekt ausgeschrieben, das so seltsam anmutet, dass ich nicht umhin komme, hier, an dieser abgelegenen Stelle, darauf hinzuweisen. Heute endet übrigens die Abgabefrist für Angebote.

Gäbe es schon Teleportation, würde ich mich als inkarniertes Tool gleich selbst rüberbeamen. Aber mit ihren hauseigenen false positive Ressourcen würden sie mich als nicht zulässiges Angebot aussortieren. Dabei täte ich das sogar umsonst. Denn was könnte es Schöneres auf der Welt geben, was wäre für den eigenen Seelenfrieden und beste Unterhaltung zuträglicher, als täglich die neuesten Sarkasmen – frisch aus aller Welt –  zum Müsli serviert zu bekommen? Okay, ich würde das nicht gerade auf der Basis des Internet Explorers 6 machen wollen, aber wenn sie mir eine Dienststelle dafür im schönen Colorado einrichteten, könnte ich mich auch damit anfreunden. Weiterlesen

Die Stadt und der Tod

Auf dem Weg von der Grand Central Station zum Columbus Circle. Ende März. New York ist in diesen Tagen warm und sonnig. Überall blühen die Zierbirnen, um sie der bittere Geruch in der Luft. Im Village heißen sie Cum Trees. Taxis werben für die Ausstellung „Real Human Bodies“. Lebensechte Tote. Alle paar Meter steckt zwischen den Coffeeshops und Imbissläden ein kleiner Kosmetik- oder Nagelsalon, der makellose Oberflächen anpreist. Unter dem Mikroskop verwandeln sich die geglätteten Oberflächen in Krater und Abgründe. Da hält schon wieder einer dieser Transporter mit den Schießschartenfenstern, gepanzerte Putzerfische für den Cash, der für jeden Quadratzentimeter in dieser Lage pro Sekunde fällig ist. Weiterlesen

Galgenhumor

Wir befinden uns in der zehnten Woche von Barack Obamas Präsidentschaft. Heute wird Finanzminister Geithner seinen Plan vorstellen, wie die toxischen Papiere aus den Bilanzen der Banken verschwinden. Über die bisher bekannten Details urteilt Nobelpreisträger Paul Krugman vernichtend. Geithners Plan sei die Neuauflage einer Idee seines Vorgängers Paulson. Der Fehler liege in der Annahme, dass die Banken an sich gesund seien und ihre toxischen Papiere einen höheren Wert besäßen, als der Markt jetzt dafür zahlen will. Weiterlesen

Go West, Young Man!

Barack Obama war in Kalifornien. Für Town Hall Meetings. Für die Late Night Show mit Jay Leno. Für einen Besuch in einer Elektrofirma. Weiterlesen

Der Opel-Podcast der Bundeskanzlerin

Der Opel-Podcast von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist ein historisches Dokument. Die Guerilla-Kampagne der SPD kann damit beginnen, Merkels Opel-Rap zu komponieren. Weiterlesen

Paradoxon

Wir kennen das: Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen. Nun geht es um das kunstvolle Paradoxon, wie ein Insider der Macht und des Powerplay in Washington den Eindruck zu beglaubigen versucht, dass er wirklich eine Wende herbeiführt. In einem Namensbeitrag in der heutigen Ausgabe der Washington Post schreibt Obama: “So we have a choice to make. We can once again let Washington’s bad habits stand in the way of progress. Or we can pull together and say that in America, our destiny isn’t written for us but by us. We can place good ideas ahead of old ideological battles, and a sense of purpose above the same narrow partisanship. We can act boldly to turn crisis into opportunity and, together, write the next great chapter in our history and meet the test of our time.”

Also: bad habits adieu – and meet the test of our time. Er liebt Alliterationen.

Der scharfe Blick von Lothar Baier fehlt. Wie hätte er von Montreal aus die neuen Masken des nonkonformistischen Konformismus gegeißelt. Bis auf weiteres hat Obama den Vertrauensvorschuss seiner Wähler noch nicht verspielt, wenngleich die Personalien der letzten Tage ihn nicht gut aussehen ließen. In fünf Fernsehinterviews räumte er selbstkritisch ein, die Chose vermasselt zu haben. Nach acht Jahren einer Präsidentschaft, die in tiefster Selbstgerechtigkeit nie bereit gewesen ist, auch nur den kleinsten Fehler einzugestehen, ein neuer Ton: mea culpa zu sagen.

So weit ist der Papst nicht gegangen. Vom Stuhle Petri hat er den Schwarzen Peter weiter gereicht. Wir sind nicht mehr Papst!

Punchline

Als Obama in Berlin sprach, saß ich mit ein paar Freunden aus mehreren Ländern ziemlich nahe an der Siegessäule. Bei uns eine Finnin, die gerade von einem längeren Aufenthalt am MIT zurück nach Europa gekommen war. Als Obama anfing, von seinem Vater zu erzählen, flüsterte ich ihr zu:  “Gleich kommt seine punchline.” Leises savvy weises Lächeln, dann kam diese Anspielung auf Ernst Reuters “Völker der Welt, schaut auf Berlin” und Obamas punchline: “We are a people of improbable hope.”

Eines seiner rhetorischen Geheimnisse verdankt Obama einer dramaturgischen Idee von Bertolt Brecht: dass man etwas nur gut genug verstecken müsse, um sicherzustellen, dass es entdeckt werde. Obamas List besteht darin, sich später als historisch erweisende Sätze in seine Reden einzuschmuggeln, beiläufig, ohne dieses dröhnende “Tear down this wall!”

Nehmen wir die bisher dokumentierten Reden in die Wiedervorlage – und suchen inzwischen nach weiteren Inspirationsquellen. Noch fehlen mir die Belege, aber dafür ist ein Blog ja genau das richtige Format: ein bisschen spekulieren, einen Kiesel über das Wasser tanzen lassen und sehen, was passiert.

Hat David Axelrod auch mal mit Ross Thomas zusammen gearbeitet? Wenn Peer Steinbrück das nächste Mal nach Washington fährt, sollte er einen Termin mit David Axelrod in einer kleinen Bar am Dupont Circle ausmachen und mit ihm über Padillo und McCorkle reden, oder eine kleine schmutzige Wahl in Westafrika. Unwahrscheinliche Hoffnung ist dieses unauslöschbare Licht hinter dem Pathos der Lakonie in den Romanen von Ross Thomas. Schade, dass er nicht mehr lebt; wie er wohl Obamas Wahlkampf beschrieben hätte – oder welche Winkelzüge während der transition von No 43 zu No 44 er zu einem Roman verarbeitet hätte.

Thomas hätte auch Jonathan Rabans Feature in der letzten Wochenendausgabe des Guardian genossen: “Obama did it by stealth – so much stealth that most of the red meat of the speech has so far passed largely unnoticed. The most astonishing visual moment of the inauguration came after the speech (…) when Obama and his wife Michelle walked George W and Laura Bush to the US Marine helicopter parked beside the Capitol’s west portico. The two couples joked, then hugged, before the Bushes climbed aboard, on their way to Midland, Texas. It was like seeing Mark Antony and Brutus locked in a warm embrace after “Friends, Romans, countrymen . . .”

So viel zum Thema punchline. Die Inaugural Address bedarf dichterer Lektüre, als bloß das Offensichtliche zu rezitieren.

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