© Gerard van Smirren

Das Menschenmögliche

Angesprochen auf die Vorhersage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der frühen Phase der Pandemie, dass man sich später einiges zu verzeihen haben werde, und gefragt, ob sie bei der Impfstoffbestellung etwas falsch gemacht habe und sich bei den Deutschen entschuldigen müsse, sagte Merkel: „Jeden Tag macht niemand hundert Prozent alles richtig.“ Dann aber sagte sie, bei der Impfstoffbestellung habe man das „Menschenmögliche“ getan. Eckart Lohse, FAZ vom 22. Januar 2021 Seite 2.

Ein seltsames Wort. Oft wird es um ein „alles“ ergänzt, um nur ja den Verdacht zu ersticken, dass möglicherweise etwas durchaus Menschen Mögliches unterlassen worden sein könnte. In einem solchen Falle wäre das Menschenmögliche eine Schutzbehauptung, die Verstand und Tatkraft bloß für den Versuch einsetzte, etwas zu entschuldigen. So aber fiele etwas in dem Wort Enthaltenes schmerzhaft hinter seinen Bedeutungsreichtum zurück. Wäre das der Fall, könnte es auch mit der Bemerkung getan sein „Sorry, wir haben das versemmelt.“ Weiterlesen

Instant biographer

Im Unterschied zu Pulverkaffee ist die Arbeit einer Nachrufautorin, zumal dann, wenn sie für die letzte Seite des Economist schreibt, für die Nachwelt voller Wunder.

Routinen, mithin also auch die Wechselfälle eines schlecht gewählten Todeszeitpunkts, entscheiden darüber, welcher liebe Tote es ins Blatt schafft. Das entscheidet man montags. Dienstags wird poliert. Ich versuche mir vorzustellen, welcher Reiz für einen Autor wie Rüdiger Safranski darin läge, in zwei Tagen zu schreiben, wofür er sonst Jahre braucht, welche ungeheure Erleichterung darin läge, wie mit einem Federmesser wegzuschneiden, was den klaren letzten Blick auf die verstorbene Person trüben könnte. Nicht 752 Seiten, wie über Goethe, sondern maximal  5.200 Zeichen, nicht Jahre über Jahre, sondern ein Tag, eine Nacht und noch einen halben Tag. Dann kannst Du Dich von diesem Tod erholen und den nächsten auf Dich zukommen lassen. Weiterlesen