© Gerard van Smirren

Das Menschenmögliche

Angesprochen auf die Vorhersage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der frühen Phase der Pandemie, dass man sich später einiges zu verzeihen haben werde, und gefragt, ob sie bei der Impfstoffbestellung etwas falsch gemacht habe und sich bei den Deutschen entschuldigen müsse, sagte Merkel: „Jeden Tag macht niemand hundert Prozent alles richtig.“ Dann aber sagte sie, bei der Impfstoffbestellung habe man das „Menschenmögliche“ getan. Eckart Lohse, FAZ vom 22. Januar 2021 Seite 2.

Ein seltsames Wort. Oft wird es um ein „alles“ ergänzt, um nur ja den Verdacht zu ersticken, dass möglicherweise etwas durchaus Menschen Mögliches unterlassen worden sein könnte. In einem solchen Falle wäre das Menschenmögliche eine Schutzbehauptung, die Verstand und Tatkraft bloß für den Versuch einsetzte, etwas zu entschuldigen. So aber fiele etwas in dem Wort Enthaltenes schmerzhaft hinter seinen Bedeutungsreichtum zurück. Wäre das der Fall, könnte es auch mit der Bemerkung getan sein „Sorry, wir haben das versemmelt.“

Beim Entschuldigen, genauer gesagt: bei der Bitte darum, etwas zu entschuldigen, versuchen diejenigen, die Anlass dazu haben, sich aufmunternd auf die eigenen verzweifelten Schultern zu klopfen, so zu tun, als hätten sie alles nur Menschenmögliche getan. Dann aber wären sie miniaturisierte Übermenschen, sozusagen sich selbst ausbremsende klitzekleine Kraftpakete.

Das Menschenmögliche wird unternommen, gemacht, getan, ermöglicht, versucht oder zumindest gewollt. Ohne bestimmten Artikel ist DAS Menschenmögliche nicht zu haben. Benutzten wir einen unbestimmten Artikel, hieße es also „ein Menschenmögliches“, gäbe es das Menschenmögliche plötzlich in unvorstellbarer Mehrzahl, es wäre so unendlich, wie es tatsächlich ist: das Menschen Mögliche.

Es bleibt aus pragmatischen Gründen im Singular, obschon inzwischen fast acht Milliarden Menschen auf der Welt leben, die mit vereinten Kräften bisher absolut Unvorstellbares möglich machen könnten. So kommen wir einer Besonderheit des Wortes näher, die sich in ihm verbirgt, als trüge es ein Unsichtbarkeitswams: in ihm steckt der Sinn für das Mögliche, in der Literatur heißt er Möglichkeitssinn. Dieser Sinn ist eine der schönsten Eigenschaften des menschlichen Denkens und Handelns. Er überschreitet jede zuvor für unüberschreitbar gehaltene Grenze.

Der Möglichkeitssinn ist Schwester oder Bruder des Wirklichkeitssinns. Er fasst ins Auge, was es schon gibt, ohne es vollkommen zu finden, findet und kartiert sozusagen Lücken in dem, was ist. Vermutlich denkt er oder sie noch gar nicht darüber nach, wie Galaxien zu besiedeln seien, weil Lücken im menschlichen Leben auf der Erde dringlicher zu schließen sind. Der Möglichkeitssinn ersinnt Minisonden und schickt sie durch unsere Leiber. Er denkt über den Frieden auch dort nach, wo Nachbarn sich seit der Steinzeit massakrieren. Er fasst die Gefahr des Krieges unter aufeinander angewiesenen Nachbarn ins Auge. Der Möglichkeitssinn träumt in uns. Er wird von der Wirklichkeit geweckt, wenn seine Zeit gekommen ist.

Altersbedingt wohltemperierten Wesen, die sich auf das Schreiben von großartigen Biographien verlegt haben, gilt das Denken über das Menschenmögliche als Hang zum Extremismus.

Hier gibt es einige Redebeispiele aus der jüngsten Zeit, um zu horchen, welche Rolle das Menschenmögliche in der politischen Prosa spielt, zum Beispiel in der vorletzten Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin:

„Die Erwärmung unserer Erde ist real. Sie ist bedrohlich. Sie und die aus der Erderwärmung erwachsenden Krisen sind von Menschen verursacht. Also müssen wir auch alles Menschenmögliche unternehmen, um diese Menschheitsherausforderung zu bewältigen. Noch ist das möglich.“ Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin vom 1. Januar 2020

Die Bundeskanzlerin schickt dem Menschenmöglichen ein „auch“ voraus. Sind andere Kräfte im Spiel? Welche? Sind sie dem Menschenmöglichen überlegen? Wie und warum? Ein bisschen Endzeitbeschwörung kommt in dem „noch ist das möglich“ zum Ausdruck. Fünf nach zwölf ist noch Zeit.

Fast unsichtbar bleibt ein anderer Aspekt, der in der rhetorischen Wiedervorlage von Innenministern schlummert, wenn das Menschenmögliche als Entschuldigung dienen muss, weil etwas schief gegangen ist. „Wir haben alles Menschenmögliche getan.“

So bleibt in uns ein stiller Grusel, wenn Leute, die für die Daseinsvorsorge verantwortlich sind, den Blues vom Menschenmöglichen anstimmen, Sie haben alles getan, aber das war nicht genug.

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