© Gerard van Smirren

Der nächste Situationismus

Die Zeitenwende hat uns im Griff. Schon jetzt lassen sich, mit der gebotenen selbstironischen Distanz, einige Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt für die Dauer einer Trump-Präsidentschaft Sonderkonjunkturen für den Buch- und Qualitätsmedienmarkt. Autoren wie Günther Anders, Emile Cioran, Albert Camus, Eugène Ionesco, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno werden mit neuer Begeisterung, hoffentlich auch tieferem Verständnis gelesen. Minima Moralia und  Negative Dialektik brauchen alsbald Sonderauflagen. Weiterlesen

Punchline

Als Obama in Berlin sprach, saß ich mit ein paar Freunden aus mehreren Ländern ziemlich nahe an der Siegessäule. Bei uns eine Finnin, die gerade von einem längeren Aufenthalt am MIT zurück nach Europa gekommen war. Als Obama anfing, von seinem Vater zu erzählen, flüsterte ich ihr zu:  “Gleich kommt seine punchline.” Leises savvy weises Lächeln, dann kam diese Anspielung auf Ernst Reuters “Völker der Welt, schaut auf Berlin” und Obamas punchline: “We are a people of improbable hope.”

Eines seiner rhetorischen Geheimnisse verdankt Obama einer dramaturgischen Idee von Bertolt Brecht: dass man etwas nur gut genug verstecken müsse, um sicherzustellen, dass es entdeckt werde. Obamas List besteht darin, sich später als historisch erweisende Sätze in seine Reden einzuschmuggeln, beiläufig, ohne dieses dröhnende “Tear down this wall!”

Nehmen wir die bisher dokumentierten Reden in die Wiedervorlage – und suchen inzwischen nach weiteren Inspirationsquellen. Noch fehlen mir die Belege, aber dafür ist ein Blog ja genau das richtige Format: ein bisschen spekulieren, einen Kiesel über das Wasser tanzen lassen und sehen, was passiert.

Hat David Axelrod auch mal mit Ross Thomas zusammen gearbeitet? Wenn Peer Steinbrück das nächste Mal nach Washington fährt, sollte er einen Termin mit David Axelrod in einer kleinen Bar am Dupont Circle ausmachen und mit ihm über Padillo und McCorkle reden, oder eine kleine schmutzige Wahl in Westafrika. Unwahrscheinliche Hoffnung ist dieses unauslöschbare Licht hinter dem Pathos der Lakonie in den Romanen von Ross Thomas. Schade, dass er nicht mehr lebt; wie er wohl Obamas Wahlkampf beschrieben hätte – oder welche Winkelzüge während der transition von No 43 zu No 44 er zu einem Roman verarbeitet hätte.

Thomas hätte auch Jonathan Rabans Feature in der letzten Wochenendausgabe des Guardian genossen: “Obama did it by stealth – so much stealth that most of the red meat of the speech has so far passed largely unnoticed. The most astonishing visual moment of the inauguration came after the speech (…) when Obama and his wife Michelle walked George W and Laura Bush to the US Marine helicopter parked beside the Capitol’s west portico. The two couples joked, then hugged, before the Bushes climbed aboard, on their way to Midland, Texas. It was like seeing Mark Antony and Brutus locked in a warm embrace after “Friends, Romans, countrymen . . .”

So viel zum Thema punchline. Die Inaugural Address bedarf dichterer Lektüre, als bloß das Offensichtliche zu rezitieren.