© Gerard van Smirren

Der Wanderfalke als Metapher

Ich habe mich immer danach gesehnt, Teil dieses Lebens, dieses Außen zu sein, dort draußen am Rande der Dinge zu stehen, den menschlichen Firnis mit Leere und Stille von mir abzuspülen, so wie der Fuchs sich in der kalten Weltlosigkeit des Wassers seines Geruchs entledigt, um als Unbekannter in die Stadt zurückzukehren. Das Wandern hat einen Glanz, der mit der Ankunft verblasst.

 

Am Anfang steht die Sehnsucht danach, teilzuhaben, im beobachtenden Teilhaben Teil des Beobachteten zu werden. Er markiert zugleich Distanz zu dem, was er menschlichen Firnis nennt. Mit dem Firnis streift der Autor die Identität, den Schutz des bürgerlichen Lebens ab, so wie der Fuchs sich des Aasgeruchs entledigt, um im Beobachten fast ununterscheidbar eins mit der Natur zu werden, aus ihr als ein Fremder zurückzukehren, als ein erzählender Fremder.

Als J. A. Baker – vermutlich im Herbst 1962 – an der ostenglischen Küste seine Aufzeichnungen beginnt, ist gerade die erste Single der Beatles erschienen. Im kältesten Winter des 20. Jahrhunderts gehen sie mehrere Monate später auf ihre erste Tournee. Der Kontrast dazu könnte kaum größer sein. Nicht Love Me Do, sondern das Kri-kri-kri des Wanderfalken an der Küste von Essex lockt den 36jährigen Baker auf die Pirsch, auf eine Versenkungs-Tournee in die Einsamkeit, anfangs noch spätsommerlich vergoldet, später in Schlamm, Nebel, Sturm, Schnee und Eis.

Die Menschen, die hier im Lehm geboren wurden, sind grimmig und mürrisch, fangen nicht schnell Feuer, schwelen wie Erlenholz, sind wortkarg, schwer und ernst wie das Land selbst.

 

Er ist ein anderer als die im Lehm geborenen. Er ist entflammt, glüht ohne Rauch und findet für das Beobachten der Beutegreifer eine strahlend ausdrucksstarke Sprache.

Der Wanderfalke lebt in einer zerfließenden Welt ohne Halt, einer Welt der Wellen und Wogen, aus versinkenden Flächen von Land und Wasser.

 

Der bird-gazer versenkt sich in dieser zerfließenden Welt in eine Monate lange contemplatio. Sie kann nur selten beschaulich gewesen sein. Erst ist er bloß Blick, notierend vergleichender Blick.

Erst spät lernte ich die Vögel lieben. Jahrelang hab ich sie nur als ein Huschen am Rande des Blickfelds wahrgenommen. Sie kennen Leid und Freude in einer Schlichtheit, die uns verwehrt ist. Ihr Leben wallt auf in einem Puls, den unsere Herzen niemals erreichen könnten. Sie rasen ins Vergessen. Sie sind alt, noch ehe wir erwachsen sind.

 

Als Nachfahren der Raubdinosaurier sind sie älter als wir. „Sie rasen ins Vergessen“ beschreibt ein Dasein jenseits der Geschichte. Für die eigene Position des Beobachters wählt er die „Perspektive des Kundschafterblicks, der Göttern, Vögeln und Bergsteigern vorbehalten bleibt“, die Allschau, das Fliegen, die Beschwerlichkeit. Als Kundschafter handelt er in eigenem Auftrag, gibt kund, was er in Hingabe beobachtet und notiert.

Es ist keine Idylle, kein Eiapopeia fürs Poesiealbum, auch kein höherer in die Natur projizierter Daseinszweck, keine Botanisiertrommel des Systematisierers. Nüchtern und sarkastisch hält er fest:

Ich will auch verdeutlichen, wie blutig das Töten vonstatten geht. Allzu oft wurde von Falkenschützern darüber hinweggegangen. Der fleischessende Mensch ist in keiner Weise besser. Es fällt uns so leicht, Totes zu mögen. Das Wort ‚Raubtier‘ ist ausgeleiert von missbräuchlicher Verwendung. Alle Vögel fressen irgendwann in ihrem Leben lebendiges Fleisch. Man denke an die kaltäugige Drossel, diesen drollig hüpfenden Fleischfresser aus dem Vorgarten, der Würmer aufspießt und Schnecken totschlägt. Wir sollten über ihrem Gesang nicht in Sentimentalität versinken und darüber das Töten vergessen, das ihn erst ermöglicht.

 

Darauf muss man erst einmal kommen: das Töten vom Toten zu unterscheiden. Das Totschlagen in den Vorgärten bezeugt für das Genre naturkundlicher Textsorten einen Humor, der nicht darauf aus ist, sich in Idylle zu verirren. Der Text steht in einer Tradition, die zu Epikur und Lukrez zurückführt, nach Verbindendem in den Unterschieden der Natur:

Man muss lernen, zu fürchten. Gemeinsam etwas zu fürchten, ist das stärkste Band, das es gibt. Der Jäger muss das werden, was er jagt.

 

Er beschreibt eine Metamorphose, die über die Falken und die von ihm gejagten Tiere hinaus auch ihn selbst, den Beobachter, einbezieht; als Falkenbeobachter lernt er, die Topographie wie aus dem Blick des Falken wahrzunehmen, auf diesen Blick komme ich gleich zurück. Jetzt aber gilt es erst einmal, die Idee der Furcht als Band genauer zu verstehen:

Das Feld war erfüllt von Stille, Dunst, lauernder Bewegung (…) Durch den Himmel, über die Felder, entlang der Wälder, Hecken und Flüsse hatte der Wanderfalke eine unverkennbare Spur der Angst gelegt (…) Kurz nachdem ein Falke außer Sichtweite geflogen ist, lohnt es sich, in den Himmel zu schauen; sein Spiegelbild steigt in den Vögeln auf, die ihn fürchten.

 

Doch bevor Baker  zu den Gründen des Schreckens gelangt, gibt er eine Idee von der zwischeneiszeitlichen Topographie,  von dem Habitat des Wanderfalken, „so nah wie irgend möglich der Permafrostgrenze“ (…) in den „Tundraregionen der unteren Themse“. Nun befinden wir uns im Südosten Englands, nicht ganz so idyllisch wie das golfstromumspülte Cornwall, aber auch nicht Sibirien. Die Grafschaft Essex als Tundra wahrzunehmen, nimmt Bezug auf die politische Geographie des kalten Kriegs, hier erklingt ein lakonischer Sarkasmus, der das Genre der bird-gazer-Prosa diskret auf Abstand setzt.

Der Schrecken, der vom Wanderfalken ausgeht, liegt nicht nur in seiner Tötungstechnik:

Wanderfalken perfektionieren ihre Tötungstechnik durch endloses Training, wie Ritter oder Sportler. (…)  wenn Blut fließt, frisst er sofort (…) Keine fleischfressende Kreatur tötet so schnell oder zeigt sich so gnädig wie der Wanderfalke. Hinter seiner Gnade steckt keine Absicht; er tut einfach nur, wozu er bestimmt ist (…) Auffällige Tiere werden immer gleich herausgegriffen. Die Albinos, die Kranken, die Entstellten, die Einzelgänger, die Dummen, die Alten, die Jüngsten; für sie ist die Gefahr am größten (…) Ein Vogel am falschen Platz ist immer die erste Beute. Der Schrecken holt sich die Auffälligen, die Kranken, die Verirrten.

 

Die Selektion der Beute zeichnet ein Bild höherer Vernunft in die Ordnungspolitik der Natur. Die Augen des Falken sind ein Zielerfassungsinstrument.

Stünden unsere Augen im selben Verhältnis zum Körper wie beim Wanderfalken, hätte ein 75 kg schwerer Mann Augen mit einem Durchmesser von 7,5 cm und einem Gewicht von 2 kg.

 

So begibt sich das Schicksal eines Eichelhähers:

Die Häher waren verstummt. Schwerfällig flog einer von ihnen mit einer Eichel im Schnabel auf. Er verließ den Schutz der Bäume, stieg hoch über die Wiesen und flog auf den 400Meter entfernten Waldrand zu. Die große Eichel in seinem sperrangelweit geöffneten Schnabel sah aus wie eine Zitrone im Maul eines gebratenen Ebers. Ich hörte ein zischendes, schnurrendes Geräusch, das wie das ferne Trommeln einer Schnepfe klang. Etwas sauste hinter dem Häher vorbei, der plötzlich in der Luft zu stolpern schien. Wie ein Korken ploppte die Eichel aus seinem Schnabel. Der Häher geriet seitlich ins Fallen und schlug nieder, als hätte er einen Anfall. Der Boden brachte ihm den Tod. Zugleich schoss auch der Falke herab und trug den toten Vogel zu einer Eiche. Dort rupfte und fraß er ihn, schlang hastig das Fleisch herunter, bis nur noch die Flügel, Brustbein und Schwanz übrig waren.

 

Im Revier des Wanderfalken wird sein Beobachter zu einer vertrauten Erscheinung, ein erdgebundener Vogelmensch.

Ich vermute, er betrachtet mich inzwischen als halb Falke, halb Mensch; ich war es würdig, dass er von Zeit zu Zeit über mich hinwegflog, um auf mich herabzuschauen, ganz vertrauenswürdig war ich aber nie; ein verkrüppelter Falke vielleicht, der weder fliegen noch richtig töten kann, unsicher und von sauertöpfischem Gemüt.

 

Nach monatelangem Lauern wird der bird-gazer neuer sensorischer Signale gewahr:

Um drei Uhr spürte ich ein leichtes Stechen im Nacken, was bedeutete, dass mich jemand in meinem Rücken beobachtete. Dieses Gefühl muss beim Urmenschen sehr stark ausgeprägt gewesen sein. Ohne den Oberkörper zu wenden, schaute ich über meine linke Schulter. 200 Meter hinter mir saß der Falke auf dem tiefen, waagerechten Ast einer Eiche.

 

Das Einswerden mit der Natur schürt die Wut des Beobachters auf ihre Zerstörer. Unter dem Datum des 24. Dezember verzeichnet er einen Tag des Zorns, das dies irae eines Heiligabend-Requiems.

Alles war tot bis auf die Furcht vor dem Menschen (…) Wir sind die Mörder. Wir stinken nach Tod. Wir tragen ihn in uns. Er haftet an uns wie Reif. Wir kriegen ihn nicht vom Leibe.

 

Neben der Wut über die Zerstörung der Natur, zehn Jahre vor dem Bericht des Club of Rome, bleibt die Angst ein Leitmotiv des scharfen Beobachters:

Hätte auch ich Angst, würde ich ihn sicher häufiger sehen. Angst verleiht Fähigkeiten. Der Mensch wäre vielleicht erträglicher, weniger zänkisch und selbstgefällig, wenn er mehr zu fürchten hätte. Ich meine nicht die Furcht vor dem Unsagbaren, das stille Ersticken der Introvertierten, sondern körperliche Angst, Angstschweißangst um das nackte Leben, Angst vor dem unsichtbar dräuenden Untier, der nahenden, struppigen, stoßzähnigen, fürchterlichen Bestie, die einem nach dem warmen, salzigen Blut trachtet.

 

Das Buch, von Andreas Jandl und Frank Sievers hervorragend übersetzt, ist mehr nur als ein Klassiker der Naturkunde. Baker überträgt durch seinen bewegenden Stil Surrealismus und Synästhesie in die Naturkunde und findet dafür einen atemberaubenden Expressionismus der Genauigkeit.

Der Wanderfalke als Metapher, um den NSA-Spähskandal besser zu verstehen

Der Falke ist Späher und Greifer. Das ist der Ausgangspunkt dafür, über die Kulturtechnik des Spähens nachzudenken. Es gibt in so beglückenden Fällen des Lesens eine mitlaufende luzide oder auch mild paranoide Leseerfahrung. Ich verstehe sie als Versuch, Bilder als Übersetzungshilfe zu benutzen. So ging es mir gestern, als ich las, wie Baker den Sehsinn des Falkens beschrieb. Der Wanderfalke überschaut und analysiert Bewegtbilder in seinem Revier. Der Blick des Beutegreifers erfasst bewegte Ziele. Ihr Aufscheuchen, Schnattern und Flügelschlagen verwandelt sie in Beute.

Das Spähen im globalen Maßstab verwandelt die Welt in das Jagdrevier elektronischer Falken. Trevor Paglen hat beim 30C3-Kongress einen erstaunlichen Vortrag gehalten. An diesen Vortrag erinnerte ich mich beim Lesen des Wanderfalken. Plötzlich war das Bild klar. Paglen hat die NSA beobachtet wie ein bird-gazer die Vögel, genauer: wie J.A. Baker die Wanderfalken.

Dann erinnerte ich mich an eine story, die im Winter die Runde machte: ein Logo für ein Spähprogramm. Welche Überlegungen führen zu einem solchen Design? Welche Botschaft verbindet sich mit einem Beutegreifer oder einem die Erde umspannenden Kraken? Der Rückgriff auf Naturmetaphern illustriert ein politisches Denken, das Herrschaft überführt in einen Naturzustand beyond democracy. Der Schrecken ist Teil des Spiels. Die Übernahme solcher Bilder betrachtet, natürlich weit entfernt von der naturkundlichen Ästhetik Bakers, die Muster der ikonographischen Vorbilder wie eine Handlungsanleitung: Bewegtbilder, Metadaten, Zielerfassung, Abschuss durch die Falken-Drohne. Natürlich gibt es auch Hersteller, die ihre Drohnen in völliger Unschuld mit dem Typennamen Falcon versehen.

“We kill people based on metadata.” Hätte das Wanderfalkenpaar aus der Grafschaft Essex ein Informatik-Studium abgeschlossen (mit einem Aufbauprogramm in Vergleichender Literaturwissenschaft) würden sie durch lange Kri-Kri-Kri-Schreie zu verstehen geben, dass ihr Jagdinstinkt auf den gleichen Grundlagen beruht: die zeitgleiche Erfassung und Auswertung von Daten gekoppelt an einen Tötungsbefehl.

Die Geschichte des Spähskandals ließe sich noch eine Umdrehung weiter treiben. Dann wären die Enthüllungen durch Edward Snowden dem Auftauchen eines neuen Falkenpaars vergleichbar. Schrecken, Schimpfen, Wegducken, Fluchtbewegungen – alles Murmurationen der Beuteschar. Dann hätte das Theater seit dem Juni 2013 seinen Zweck erfüllt. Die Zielerfassung ist präziser geeicht. Der Protest hat die Logik nicht verstanden.

Es geht um Mimesis von Natur als Herrschaftstechnik.

29 Responses to Der Wanderfalke als Metapher
  1. ruby Antworten

    Konnotiere mit dem Falkenbuch Friedrichs II.
    http://www.br-faksimile.de/Falken.jpg
    vielleicht inspiriert der Rückblick in die Geschichte http://www.wcurrlin.de/links/basiswissen/basiswissen_staufer.htm
    für aktuelle Ideen von heute?

  2. Peter Glaser Antworten

    Das Posting hat mich 30 Euro gekostet.
    Danke.

  3. Peter Glaser Antworten

    By the way, eine Nummer kleiner, auch aus England (Es gibt da großartige Naturbeobachter):

    Nigel Hinton, „Im Herzen des Tals“.
    Ein Jahr im Leben einer Braunelle.

    http://www.dtv-dasjungebuch.de/buecher/im_herzen_des_tals_62080.html

    • Hans Hütt Antworten

      Vielen Dank für den Hinweis. Die Naturbeobachter des Vereinigten Königreichs sind ein eigenes Völkchen. Egal wo Du Dich bewegst, sie sind schon da, und manchmal haben sie schon wieder leise vor sich hinfluchend einige Notate über Dich eingetragen, ehe Du sie zum ersten Mal wahrnimmst. Es gibt bestimmt Tumblr, die ihre Bilder in Tarnung sammeln.

      • Regine Heidorn Antworten

        James Bond hat seinen Namen von einem Vogelbeobachter bekommen. Es gibt eine Reminiszenz in „Day another Day“, in der Bond mit einem Fernglas in der Hand nach dem Buch des Vogelbeobachters James Bond greift.

        • Hans Hütt Antworten

          Regine Heidorn
          Hihi, das kommt verbösernd hinzu, eine schier endlose Kette von Spiegelungen einschließlich der damit verbundenen Blendungen und Täuschungen.

    • Hans Hütt Antworten

      Peter Glaser
      Ganz zu schweigen von den englischen Reiseschriftstellern. Letztens las ich mit ähnlichem Vergnügen von Eric Newby „A Short Walk in the Hindu Kush“, ein Tip von Carolin Emcke, den ich hiermit weiterreiche.

  4. Regine Heidorn Antworten

    Inspirierend – ich werfe ein paar Gedankenfetzen hin:

    Zuletzt kommt der Rabe von Italo Calvino – der schiessende Junge (der ein präziser bird gazer sein könnte in seiner vom Schiessen besessenen Durchdringung) würde zum mimetischen Wanderfalken, der einen Raben benutzt, um den Menschen in einem Nervenkrieg zur Beute zu machen.

    Die Enthüllungen Snowdens als 2. Wanderfalkenpaar – da fällt mir das Mitgehen schwer. Ich verweile in der Metapher und sehe in Snowden den Häher, der kalkuliert aus der Deckung kommt, dabei so geschickt den Schwarm mitreisst, daß er alleine nicht mehr als kranke Beute in Frage kommt. Geschickte Taktik der Falkenverwirrung – schau, so viel Beute für Dich. Wanderfalken-Tilt durch Überforderung. (Denke dabei auch an den Wirres-Vortrag #rp14 „Wie ich lernte, die Überwachung zu lieben“)

    Mir schwirrt noch mehr im Kopf herum, aber das muß sich erst setzen.

    • Regine Heidorn Antworten

      Korrigiere „Wanderfalken-Tilt durch Überforderung“ in DDOS-Attacke auf Wanderfalken.

  5. Marcus Anhäuser Antworten

    In diesem Zusammenhang vielleicht ein Tipp auf ein wenig bekanntes Buch von Horst Stern (der Dokumentarfilmer und Gründer der Zeitschrift natur):
    „Jagdnovelle“. Eine gleichberechtigte Beschreibung eines Großwildjägers und eines Bären. Ist Jahrzehnte her, dass ich das gelesen habe, blieb mir aber in starker Erinnerung, gibts sogar noch bei amazon http://www.amazon.de/Jagdnovelle-Horst-Stern/dp/3463401193

    • Hans Hütt Antworten

      Marcus Anhäuser
      Danke für den Tip, ich sehe schon eine wachsende Unterabteilung Naturkunde.

    • Gregor Keuschnig Antworten

      Der Hinweis auf Horst Sterns „Jagdnovelle“ ist sehr gut (und richtig). Stern hatte übrigens vorher ein fiktionales Buch über Friedrich II. geschrieben: „Mann aus Apulien“. Hier ist ausgiebig von der Falknerei die Rede. (Das nur am Rande.)

      • Hans Hütt Antworten

        Keuschnig
        Ja, Stern ist unvergessen.
        Ein anderer Hinweis fällt mir bei der Gelegenheit ein: die Hundekunde-Serie Bazon Brocks, angefangen beim ZKM und seither in seiner Berliner Denkerei fortgesetzt.
        Brock hatte anfang der 60er Jahre an Grzimek geschrieben mit der Bitte, ihm im Frankfurter Zoo einen Käfig bereitzustellen unter der Auflage, dass sein Kot täglich entfernt würde, ein weitsichtiger Vordenker der Species Diskussion.

        Wer ebenfalls zu erinnern ist, ist Hans Henny Jahnn und wie er über Natur und Tiere geschrieben hat.

  6. goncourt Antworten

    Mit dem Gnadenmotiv und der Auslese durch den Falken kann ich mich nicht anfreunden: ist nicht gerade hier ein Verwenden politischer Metaphern (und umgekehrt: das Beobachten von Naturbeobachtungen als Metapher für den politischen Diskurs) eine unzulässige Vermengung? Bzw. ist die darin liegende Archaik (das Beschwören von Urinstinkten) nicht ein Remedium für die, die sich mit der Säkularisierung nicht anfreunden konnten? (Ich weiß: das ist jetzt etwas grob verkürzend angerissen.)

    Folge/Ursache-Umkehr: indem der Falke die abgesonderten Tiere zur Beute macht, folgt er da einem «Sinn» der Auslese (wie Du bzgl. Baker anzudeuten scheinst), oder ist es nicht vielmehr eine Gelegenheit, die sich ihm bietet, und die er ergreift? Das Auffällige ist das, was sich innerhalb des Patterns absetzt und dadurch sichtbar wird, «zum Bild» und damit zum Ziel wird. (Wir sprechen also erst mal von Folgen, noch nicht gleich von Zielen. Und bei den Zielen erst mal nur von Zielen des Falken-Appetits.)

    Nochmal die Frage der Archaik: es ist leicht, von Vorgeschichtlichkeit und von Urinstinkten etc. zu sprechen (Geschichte, natürlich, ist immer eine konstruierte Annäherung an das, was sich ihr entzieht — man denke an Vico: man erkennt nur, was man selbst erschaffen hat) — aber: ist das, was menschlichen Geschichtsbegriffen zunächst inkommensurabel ist, deshalb gleich eine höhere Wahrheit? Ist es gleich Archaik und Unveränderlichkeit? (Abgesehen davon sind auch «Sinn» und «Ziel» menschliche Begriffe.)

    Denke an Krähen, die gelernt haben, Butterbrottüten herumzuschleudern, damit die aufreißen, und sie an die Brotreste rankommen. Man könnte jetzt, auch wenn man dann die Begriffe wieder vermengt, von einer «Krähen-Moderne» sprechen.

    Die Veränderung der Landschaft durch die Geschichte des Menschen verändert das Verhalten der Tiere; man könnte das verurteilen — zugunsten auch wieder konstruierter Naturbegriffe, einer ziemlich konservativen Sichtweise. Muss man nicht aufpassen, dass der «Natur»-Begriff nicht undifferenziert als «alles, was nicht vom Menschen kommt» gestempelt wird? (Mit allen weiteren daraus sich ergebenden Diskursen: die Echtheit der Natur, die Unechtheit und Entfremdung durch den Menschen etc.) Das scheint mir bei Baker, wenn ich dieser Rezension folge, der Fall.

    Am Ende kann man Vogelbeobachtung natürlich nur mittels menschlicher, historischer Begriffe, mittels Interpretationen. Das ist zunächst auch legitim. Aber wieviel Spielraum gesteht man in der Interpretation zu, welche Grenzen setzt man sich wo? — Und welchen politischen Weg geht man dabei? Dass ein NSA-Stratege sich bei pattern recognition an Naturbeispielen entlang hangelt, kann ich mir lebhaft vorstellen. Wird er bei Verhaltensabweichungen an Auslese denken oder an die Fraglichkeit des Verhältnisses von Bewegung, Folge, Richtung, Ziel? Wo sind die Brüche in diesem Denken, die Vereinnahmungen, die Irrtümer, die Ideologien?

    • Hans Hütt Antworten

      Goncourt
      „Mit dem Gnadenmotiv und der Auslese durch den Falken kann ich mich nicht anfreunden: ist nicht gerade hier ein Verwenden politischer Metaphern (und umgekehrt: das Beobachten von Naturbeobachtungen als Metapher für den politischen Diskurs) eine unzulässige Vermengung? Bzw. ist die darin liegende Archaik (das Beschwören von Urinstinkten) nicht ein Remedium für die, die sich mit der Säkularisierung nicht anfreunden konnten? (Ich weiß: das ist jetzt etwas grob verkürzend angerissen.)“

      Baker würde darauf lakonisch, matter-of-factly antworten: die Auswahl der Beute und der Todesstoß durch den Falken führen zu einer Zahlenreihe, in welcher die Ungeschickten, Kranken, Auffälligen eine größere Trefferzahl erreichen. Der Begriff der Gnade hat mich auch verwundert, ich bin darüber hinweg gegangen, weil er so schräg im Kontext des Buchs steht. Ich kann es mir allenfalls so erklären, dass darin eine implizite Ableitungskette steckt: von der uneingeschränkten Macht des Tötens den schnellsten vorstellbaren Gebrauch zu machen (sorry, dass ich in dem Zusammenhang auf die 45 Minuten Todeskampf in einer amerikanischen Hinrichtungszelle komme), aber das wäre eine weitere Spekulation im Kontext impliziter politischer Haltungen, die man bei Baker findet. Dadurch stilisiert er sich zu einem edlen Wilden in einer verrotteten Welt. Als ich 1967 das erste Mal in England war, in einem Landhaus in der Nähe von Hastings, verwunderte mich die ungeheure Hässlichkeit und Schäbigkeit, die sie offenbar pragmatisch in Kauf nehmen. Meine Möbelpacker, die 1995 meinen Umzug vom Frankfurter Westend nach Tooting-Broadway übernommen hatten, erklärten mich für verrückt, als sie das terraced Häuschen mit 30qm Gärtchen sahen, in das ich da zog (es war eine schäbige Idylle).

      Beim Falken-Appetit spielt auch das spielerische Einüben und Perfektionieren des Tötens eine Rolle, deshalb das Zitat mit dem Hinweis auf das fließende Blut, das ihn sofort zum Verzehr an Ort und Stelle bewegt. Baker zählt die Kadaver und beschreibt ihren Zustand bis hin zu Details, was der Falke übrig ließ, wie das Aas, frisch erlegt, riecht, stellt sich sogar vor, selbst in Nachfolge des Falken eine Kostprobe zu nehmen.

      In Südfrankreich erlebte ich vor ein paar Jahren einen Beutegreifer auf Abwegen, der sich ähnlich wie die Butterbrotpapierkrähen verhielt. Er saß auf einem Baum und hatte irgendetwas ziemlich Großes in den Klauen, was er – durch uns gestört – fallen ließ: ein noch gefrorenes Tiefkühlhuhn. Selten habe ich so angewidert gelacht.

      Zum Naturbegriff: Die Reversibilität von Eingriffen des Menschen in die Natur kann ja ihrerseits als Eingriff gelesen werden, die Idee der Wiederherstellung eines Ausgangszustandes (die Natur sich selbst zu überlassen) trägt aussparende Zeichen des unterbliebenen oder in den Randzonen kenntlichen Eingriffs. Insoweit ist das einerseits eine unendliche Diskussion, andererseits ein Unterscheidungsmerkmal für die Bewertung von Textqualitäten, die ohne Sentimentalität beobachten, notieren, beschreiben. In der Hinsicht ist Baker gewiss jemand, der sich am Rand der damaligen Gesellschaft befand und diese Randlage wie eine inverse Phänomenologie seiner Präsenz in der Natur kenntlich macht.

      Zur paranoiden NSA-Phantasie bewegte mich vor allem die Parallele zum verlinkten 30c3-Vortrag von Trevor Paglen. Dass in dem sich absolut setzenden Verhalten der Dienste pattern recognition eine entscheidende Rolle spielt, ist dokumentiert: Das berühmte Zitat, dass man einen Heuhaufen brauche, um eine Nadel zu entdecken, belegt die globalen Maßstäbe. Im Sinne der Selbstrechtfertigung (man denke an Eichmanns Einlassungen vor Gericht) ist alles willkommen, das jenseits von Recht und Gesetz erlaubt, sich auf die Seite der Guten zu stellen, zumal wenn es eine so erhabene Metaphernquelle wie die Natur gibt. Die Irrtumstoleranz ist fast mit Null gleichzusetzen, sonst gäbe es nicht die Figur der in Kauf genommenen Kollateralschäden. Die Auslese wirkt vermutlich nur in einer sehr zynischen Ableitung, wenn man an die von den Diensten selbst in Verkehr gesetzten Bösewichter denkt, die eines Tages zu weit gehen. Da kommt dann wieder „Heart of Darkness“ ins Spiel, worüber ich übrigens demnächst etwas schreiben werde.

      In meiner finstersten Phantasie sah ich Snowdens Offenbarung selbst als Schachzug in einem Spiel, in dem er kein gezogener Bauer, sondern mindestens so etwas wie ein Springer ist. Auch dazu gibt es demnächst mehr, an anderer Stelle.

      Danke für die Beobachtungen!

  7. Doktor D Antworten

    Ich dachte ja immer – bis zu Matthes & Seitz Großtat der Naturkunden – ich bin der einzige Mensch in DE, der deutsche Natur- und Umweltschützerleidenschaft und Natural History-/Nature writing-Leidenschaft verbindet. Halleluja, wir sind doch mehr.
    Danke für den Tipp Horst Stern! In meinem Kopf bastelt es schon länger an einer quasi „völkerpsychologischen“ Theorie zu Großbritannien und Deutschland basierend auf dem Befund, dass es in DE keine guten Nature Writer gibt, sondern alle, die auch nur annähernd was von Beobachten, Tieren und Schreiben verstehen auch übelste Sozialdarwinisten bis BluBoBrausi-Nazis sind (Löns, Jünger, Bonsels, Lorenz). Vielleicht habe ich aber auch die falschen gelesen.

    • Hans Hütt Antworten

      Doktor D
      Es gibt mehr davon, kein Wunder, dass Günter Hack Baker zu seinen ewigen Top Ten zählt. Was er im Merkur schreibt, steht in der Tradition.

  8. Doktor D Antworten

    @goncourt: Wenn ich Baker richtig erinnere, verfällt er ziemlich selten in Sozialdarwinismen, sondern versucht deutlich zu machen, dass Tiere nicht im Auftrag eines höheren Zieles unterwegs sind.
    Was ich von der von HH vorgenommenen Metaphorisierung halten soll, weiß ich noch nicht. Da muss ich noch ein bissche drüber nachdenken.

    • goncourt Antworten

      Okay. Auch ich kann übrigens sehr die Texte von Günter Hack im Merkur empfehlen: auch hier werden Vergleiche gezogen, aber in aller Diskretion; was ich an sowas mag, ist diese Haltung, die Vögel um ihrer selbst willen zu beobachten. (Ich glaube Euch schon, dass das bei Blake auch der Fall ist.)

      Für die Vergleichbarkeit fällt mir eine Diskussion um Antonio Gramsci ein (was wirklich nicht das Gleiche ist, aber:) — alle Begriffe aus seinen Schriften sind eng in ihrer Zeit und Entstehung und politischen Funktion verflochten (z.B. sind Begriffe, die er verwendet hat, Chiffrierungen, um die Gefängniszensur zu umgehen, statt nur Ausdruck von Konzepten zu sein); um überhaupt irgendetwas von ihnen sich aneignen zu können, muss diese Differenz genau aufgespürt werden. Erst wenn man ihn sozusagen «historisiert», ihn zu einem Fremdtext macht (wenngleich nicht ohne Verhältnis zu mir), kommt man auf einen Weg, ihn zu sich selbst in Relation zu setzen, was natürlich etwas anderes, vielleicht Behutsameres ist als ein Vergleich: eben eine Relation, eine Koordinatenbeziehung.

  9. goncourt Antworten

    Ähnlich wie Hack übrigens wohl Cord Riechelmann auf den Spuren von Baker (räusper, nicht Blake 😉 )

  10. Doktor D Antworten

    Cord Riechelmann gefällt mir auch sehr gut. Auf meiner Leseliste außerdem Bernhard Kegel, Tiere in der Stadt. Ich hab‘ ein bisschen drin rum geblättert bisher, schlägt mehr in die journalistische Richtung als die phänomenologische einfühlende Tierbeobachtung.

    • Hans Hütt Antworten

      Übrigens vergaß ich, auf den Reißer KILL DECISION von Daniel Suarez hinzuweisen, dessen plot von dem Transfer neuester entomologischer Forschung in die Drohnenkriegspraxis handelt.

  11. Gerard van Smirren Antworten

    Die ganze Matthes und Seitz reihe ist sehr empfehlenswert. Cord Riechelman hörte ich auf einer Vorlesung über sein Buch hier im Wohnort. Ein leidenschaftlicher Verhaltensforscher, der sein nächstes Buch wohl über Spatzen schreibt so hörte ich.

    —-

    In der Vulgata über Alexander der Große kann man lesen, daß er nachdem er alles erobert hat nun auch das Himmelsreich erforschen will. Er läßt einen Korb bauen der gezogen wird von fleischfressende Vögel, die er ein stock mit Pferdeleber vor der Nase hält. So fliegen die davon und lassen sich lenken. Oben angekommen sieht er, und das schien mir im Kontext interessant, die ganze Welt so wie sie umgeben wird von dem Okeanos. Der Weltüberblick scheint seit Menschengedächtniss nur Eroberer vorbehalten.

    Und dann sowas:
    http://www.ustream.tv/channel/iss-hdev-payload

  12. Soldat Schwejk Antworten

    Es schuf der Herr am fünften Tage
    die Vögel samt der Taubenplage
    Der Schöpfung kam etwas dazwischen
    schon bei Vögeln und bei Fischen
    Vögel die den Englein gleichen
    fliegen dennoch über Leichen
    Bevor Kain erschlägt den Abel
    tötet schon der Vogelschnabel
    Lang bevor im Paradiese
    jenen Menschen auf der Wiese
    eine Schlange Freundschaft heuchelt
    hat der Piepmatz schon gemeuchelt
    Amsel Drossel Fink und Star
    morden mit so manches Jahr
    Und daran – oh Weh! oh Weh!
    scheitert die Theodizee

    • Hans Hütt Antworten

      Schwejk
      Danke!

  13. Hans Hütt Antworten

    Jan Küveler schreibt in der Welt eine wunderbare Eloge auf J. A. Bakers Buch http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131071161/Wie-ein-Mann-zum-Falken-wurde.html

  14. Thor Antworten

    Das ist doch bestimmt was für dich?
    https://www.youtube.com/watch?v=prjhQcqiGQc

    Kam gestern auf Sat 1(DCPT), Thema Ameisengesellschaften.

    • Hans Hütt Antworten

      Danke!

  15. […] HKW. Der Vietnam-Veteran hat 30 Jahre an diesem Roman gearbeitet. Und kürzlich von J. A. Baker, Der... christoph-koch.net/2014/06/13/hans-huett-mein-medien-menue-folge-82-krautreporter-spezial

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