© Gerard van Smirren

Der Wanderfalke als Metapher

Ich habe mich immer danach gesehnt, Teil dieses Lebens, dieses Außen zu sein, dort draußen am Rande der Dinge zu stehen, den menschlichen Firnis mit Leere und Stille von mir abzuspülen, so wie der Fuchs sich in der kalten Weltlosigkeit des Wassers seines Geruchs entledigt, um als Unbekannter in die Stadt zurückzukehren. Das Wandern hat einen Glanz, der mit der Ankunft verblasst.

 

Am Anfang steht die Sehnsucht danach, teilzuhaben, im beobachtenden Teilhaben Teil des Beobachteten zu werden. Er markiert zugleich Distanz zu dem, was er menschlichen Firnis nennt. Mit dem Firnis streift der Autor die Identität, den Schutz des bürgerlichen Lebens ab, so wie der Fuchs sich des Aasgeruchs entledigt, um im Beobachten fast ununterscheidbar eins mit der Natur zu werden, aus ihr als ein Fremder zurückzukehren, als ein erzählender Fremder.

Als J. A. Baker – vermutlich im Herbst 1962 – an der ostenglischen Küste seine Aufzeichnungen beginnt, ist gerade die erste Single der Beatles erschienen. Im kältesten Winter des 20. Jahrhunderts gehen sie mehrere Monate später auf ihre erste Tournee. Der Kontrast dazu könnte kaum größer sein. Nicht Love Me Do, sondern das Kri-kri-kri des Wanderfalken an der Küste von Essex lockt den 36jährigen Baker auf die Pirsch, auf eine Versenkungs-Tournee in die Einsamkeit, anfangs noch spätsommerlich vergoldet, später in Schlamm, Nebel, Sturm, Schnee und Eis.

Die Menschen, die hier im Lehm geboren wurden, sind grimmig und mürrisch, fangen nicht schnell Feuer, schwelen wie Erlenholz, sind wortkarg, schwer und ernst wie das Land selbst.

 

Er ist ein anderer als die im Lehm geborenen. Er ist entflammt, glüht ohne Rauch und findet für das Beobachten der Beutegreifer eine strahlend ausdrucksstarke Sprache.

Der Wanderfalke lebt in einer zerfließenden Welt ohne Halt, einer Welt der Wellen und Wogen, aus versinkenden Flächen von Land und Wasser.

 

Der bird-gazer versenkt sich in dieser zerfließenden Welt in eine Monate lange contemplatio. Sie kann nur selten beschaulich gewesen sein. Erst ist er bloß Blick, notierend vergleichender Blick.

Erst spät lernte ich die Vögel lieben. Jahrelang hab ich sie nur als ein Huschen am Rande des Blickfelds wahrgenommen. Sie kennen Leid und Freude in einer Schlichtheit, die uns verwehrt ist. Ihr Leben wallt auf in einem Puls, den unsere Herzen niemals erreichen könnten. Sie rasen ins Vergessen. Sie sind alt, noch ehe wir erwachsen sind.

 

Als Nachfahren der Raubdinosaurier sind sie älter als wir. „Sie rasen ins Vergessen“ beschreibt ein Dasein jenseits der Geschichte. Für die eigene Position des Beobachters wählt er die „Perspektive des Kundschafterblicks, der Göttern, Vögeln und Bergsteigern vorbehalten bleibt“, die Allschau, das Fliegen, die Beschwerlichkeit. Als Kundschafter handelt er in eigenem Auftrag, gibt kund, was er in Hingabe beobachtet und notiert.

Es ist keine Idylle, kein Eiapopeia fürs Poesiealbum, auch kein höherer in die Natur projizierter Daseinszweck, keine Botanisiertrommel des Systematisierers. Nüchtern und sarkastisch hält er fest:

Ich will auch verdeutlichen, wie blutig das Töten vonstatten geht. Allzu oft wurde von Falkenschützern darüber hinweggegangen. Der fleischessende Mensch ist in keiner Weise besser. Es fällt uns so leicht, Totes zu mögen. Das Wort ‚Raubtier‘ ist ausgeleiert von missbräuchlicher Verwendung. Alle Vögel fressen irgendwann in ihrem Leben lebendiges Fleisch. Man denke an die kaltäugige Drossel, diesen drollig hüpfenden Fleischfresser aus dem Vorgarten, der Würmer aufspießt und Schnecken totschlägt. Wir sollten über ihrem Gesang nicht in Sentimentalität versinken und darüber das Töten vergessen, das ihn erst ermöglicht.

 

Darauf muss man erst einmal kommen: das Töten vom Toten zu unterscheiden. Das Totschlagen in den Vorgärten bezeugt für das Genre naturkundlicher Textsorten einen Humor, der nicht darauf aus ist, sich in Idylle zu verirren. Der Text steht in einer Tradition, die zu Epikur und Lukrez zurückführt, nach Verbindendem in den Unterschieden der Natur:

Man muss lernen, zu fürchten. Gemeinsam etwas zu fürchten, ist das stärkste Band, das es gibt. Der Jäger muss das werden, was er jagt.

 

Er beschreibt eine Metamorphose, die über die Falken und die von ihm gejagten Tiere hinaus auch ihn selbst, den Beobachter, einbezieht; als Falkenbeobachter lernt er, die Topographie wie aus dem Blick des Falken wahrzunehmen, auf diesen Blick komme ich gleich zurück. Jetzt aber gilt es erst einmal, die Idee der Furcht als Band genauer zu verstehen:

Das Feld war erfüllt von Stille, Dunst, lauernder Bewegung (…) Durch den Himmel, über die Felder, entlang der Wälder, Hecken und Flüsse hatte der Wanderfalke eine unverkennbare Spur der Angst gelegt (…) Kurz nachdem ein Falke außer Sichtweite geflogen ist, lohnt es sich, in den Himmel zu schauen; sein Spiegelbild steigt in den Vögeln auf, die ihn fürchten.

 

Doch bevor Baker  zu den Gründen des Schreckens gelangt, gibt er eine Idee von der zwischeneiszeitlichen Topographie,  von dem Habitat des Wanderfalken, „so nah wie irgend möglich der Permafrostgrenze“ (…) in den „Tundraregionen der unteren Themse“. Nun befinden wir uns im Südosten Englands, nicht ganz so idyllisch wie das golfstromumspülte Cornwall, aber auch nicht Sibirien. Die Grafschaft Essex als Tundra wahrzunehmen, nimmt Bezug auf die politische Geographie des kalten Kriegs, hier erklingt ein lakonischer Sarkasmus, der das Genre der bird-gazer-Prosa diskret auf Abstand setzt.

Der Schrecken, der vom Wanderfalken ausgeht, liegt nicht nur in seiner Tötungstechnik:

Wanderfalken perfektionieren ihre Tötungstechnik durch endloses Training, wie Ritter oder Sportler. (…)  wenn Blut fließt, frisst er sofort (…) Keine fleischfressende Kreatur tötet so schnell oder zeigt sich so gnädig wie der Wanderfalke. Hinter seiner Gnade steckt keine Absicht; er tut einfach nur, wozu er bestimmt ist (…) Auffällige Tiere werden immer gleich herausgegriffen. Die Albinos, die Kranken, die Entstellten, die Einzelgänger, die Dummen, die Alten, die Jüngsten; für sie ist die Gefahr am größten (…) Ein Vogel am falschen Platz ist immer die erste Beute. Der Schrecken holt sich die Auffälligen, die Kranken, die Verirrten.

 

Die Selektion der Beute zeichnet ein Bild höherer Vernunft in die Ordnungspolitik der Natur. Die Augen des Falken sind ein Zielerfassungsinstrument.

Stünden unsere Augen im selben Verhältnis zum Körper wie beim Wanderfalken, hätte ein 75 kg schwerer Mann Augen mit einem Durchmesser von 7,5 cm und einem Gewicht von 2 kg.

 

So begibt sich das Schicksal eines Eichelhähers:

Die Häher waren verstummt. Schwerfällig flog einer von ihnen mit einer Eichel im Schnabel auf. Er verließ den Schutz der Bäume, stieg hoch über die Wiesen und flog auf den 400Meter entfernten Waldrand zu. Die große Eichel in seinem sperrangelweit geöffneten Schnabel sah aus wie eine Zitrone im Maul eines gebratenen Ebers. Ich hörte ein zischendes, schnurrendes Geräusch, das wie das ferne Trommeln einer Schnepfe klang. Etwas sauste hinter dem Häher vorbei, der plötzlich in der Luft zu stolpern schien. Wie ein Korken ploppte die Eichel aus seinem Schnabel. Der Häher geriet seitlich ins Fallen und schlug nieder, als hätte er einen Anfall. Der Boden brachte ihm den Tod. Zugleich schoss auch der Falke herab und trug den toten Vogel zu einer Eiche. Dort rupfte und fraß er ihn, schlang hastig das Fleisch herunter, bis nur noch die Flügel, Brustbein und Schwanz übrig waren.

 

Im Revier des Wanderfalken wird sein Beobachter zu einer vertrauten Erscheinung, ein erdgebundener Vogelmensch.

Ich vermute, er betrachtet mich inzwischen als halb Falke, halb Mensch; ich war es würdig, dass er von Zeit zu Zeit über mich hinwegflog, um auf mich herabzuschauen, ganz vertrauenswürdig war ich aber nie; ein verkrüppelter Falke vielleicht, der weder fliegen noch richtig töten kann, unsicher und von sauertöpfischem Gemüt.

 

Nach monatelangem Lauern wird der bird-gazer neuer sensorischer Signale gewahr:

Um drei Uhr spürte ich ein leichtes Stechen im Nacken, was bedeutete, dass mich jemand in meinem Rücken beobachtete. Dieses Gefühl muss beim Urmenschen sehr stark ausgeprägt gewesen sein. Ohne den Oberkörper zu wenden, schaute ich über meine linke Schulter. 200 Meter hinter mir saß der Falke auf dem tiefen, waagerechten Ast einer Eiche.

 

Das Einswerden mit der Natur schürt die Wut des Beobachters auf ihre Zerstörer. Unter dem Datum des 24. Dezember verzeichnet er einen Tag des Zorns, das dies irae eines Heiligabend-Requiems.

Alles war tot bis auf die Furcht vor dem Menschen (…) Wir sind die Mörder. Wir stinken nach Tod. Wir tragen ihn in uns. Er haftet an uns wie Reif. Wir kriegen ihn nicht vom Leibe.

 

Neben der Wut über die Zerstörung der Natur, zehn Jahre vor dem Bericht des Club of Rome, bleibt die Angst ein Leitmotiv des scharfen Beobachters:

Hätte auch ich Angst, würde ich ihn sicher häufiger sehen. Angst verleiht Fähigkeiten. Der Mensch wäre vielleicht erträglicher, weniger zänkisch und selbstgefällig, wenn er mehr zu fürchten hätte. Ich meine nicht die Furcht vor dem Unsagbaren, das stille Ersticken der Introvertierten, sondern körperliche Angst, Angstschweißangst um das nackte Leben, Angst vor dem unsichtbar dräuenden Untier, der nahenden, struppigen, stoßzähnigen, fürchterlichen Bestie, die einem nach dem warmen, salzigen Blut trachtet.

 

Das Buch, von Andreas Jandl und Frank Sievers hervorragend übersetzt, ist mehr nur als ein Klassiker der Naturkunde. Baker überträgt durch seinen bewegenden Stil Surrealismus und Synästhesie in die Naturkunde und findet dafür einen atemberaubenden Expressionismus der Genauigkeit.

Der Wanderfalke als Metapher, um den NSA-Spähskandal besser zu verstehen

Der Falke ist Späher und Greifer. Das ist der Ausgangspunkt dafür, über die Kulturtechnik des Spähens nachzudenken. Es gibt in so beglückenden Fällen des Lesens eine mitlaufende luzide oder auch mild paranoide Leseerfahrung. Ich verstehe sie als Versuch, Bilder als Übersetzungshilfe zu benutzen. So ging es mir gestern, als ich las, wie Baker den Sehsinn des Falkens beschrieb. Der Wanderfalke überschaut und analysiert Bewegtbilder in seinem Revier. Der Blick des Beutegreifers erfasst bewegte Ziele. Ihr Aufscheuchen, Schnattern und Flügelschlagen verwandelt sie in Beute.

Das Spähen im globalen Maßstab verwandelt die Welt in das Jagdrevier elektronischer Falken. Trevor Paglen hat beim 30C3-Kongress einen erstaunlichen Vortrag gehalten. An diesen Vortrag erinnerte ich mich beim Lesen des Wanderfalken. Plötzlich war das Bild klar. Paglen hat die NSA beobachtet wie ein bird-gazer die Vögel, genauer: wie J.A. Baker die Wanderfalken.

Dann erinnerte ich mich an eine story, die im Winter die Runde machte: ein Logo für ein Spähprogramm. Welche Überlegungen führen zu einem solchen Design? Welche Botschaft verbindet sich mit einem Beutegreifer oder einem die Erde umspannenden Kraken? Der Rückgriff auf Naturmetaphern illustriert ein politisches Denken, das Herrschaft überführt in einen Naturzustand beyond democracy. Der Schrecken ist Teil des Spiels. Die Übernahme solcher Bilder betrachtet, natürlich weit entfernt von der naturkundlichen Ästhetik Bakers, die Muster der ikonographischen Vorbilder wie eine Handlungsanleitung: Bewegtbilder, Metadaten, Zielerfassung, Abschuss durch die Falken-Drohne. Natürlich gibt es auch Hersteller, die ihre Drohnen in völliger Unschuld mit dem Typennamen Falcon versehen.

“We kill people based on metadata.” Hätte das Wanderfalkenpaar aus der Grafschaft Essex ein Informatik-Studium abgeschlossen (mit einem Aufbauprogramm in Vergleichender Literaturwissenschaft) würden sie durch lange Kri-Kri-Kri-Schreie zu verstehen geben, dass ihr Jagdinstinkt auf den gleichen Grundlagen beruht: die zeitgleiche Erfassung und Auswertung von Daten gekoppelt an einen Tötungsbefehl.

Die Geschichte des Spähskandals ließe sich noch eine Umdrehung weiter treiben. Dann wären die Enthüllungen durch Edward Snowden dem Auftauchen eines neuen Falkenpaars vergleichbar. Schrecken, Schimpfen, Wegducken, Fluchtbewegungen – alles Murmurationen der Beuteschar. Dann hätte das Theater seit dem Juni 2013 seinen Zweck erfüllt. Die Zielerfassung ist präziser geeicht. Der Protest hat die Logik nicht verstanden.

Es geht um Mimesis von Natur als Herrschaftstechnik.