Tuntenstreit – revisited

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Vereinbart waren fünf Vorträge, nach dem Zweiten wurde die Reißleine gezogen, die Gründe sind plausibel. Hier folgt nun das ausgearbeitete Manuskript meines ersten Vortrags anlässlich eines runden Geburtstages. Im Herbst 1975 wurde der Verlag rosa Winkel gegründet, ein später Geburtstagsgruß. Der erste Vortrag widmet sich einer Broschüre unter dem Titel Tuntenstreit. Mit in Gang gebracht wurde dieser Streit durch den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim. Der Regisseur Rosa von Praunheim ist am 17. Dezember dieses zu Ende gehenden Jahres gestorben.

Erfahrungshunger – 50 Jahre Tuntenstreit

Von Hans Hütt

Am Anfang steht der Dank.

An Peter von Hedenström, ihr nick Gesine Mehl, unser Apostel des Buchhandels, Mutter Gründerin des Verlags, über dessen Geschichte ich heute berichte. Seit jeher dem Berliner Buchhandel verbunden, bei Marga Schoeller und bei Hans Brockmann, dem Propheten der Heinrich-Heine-Bücherhöhle am Bahnhof Zoo, der seinen Kunden die Chance gab, auf der Suche nach seltenen Büchern alpinistisch klettern zu lernen, er selbst immer treffsicher mit dem Gesuchten abrakadabra bei der Hand. Für Peter gibt es immer etwas zu tnn, was den in die Irre führenden Eindruck erweckt, er wirke irgendwie gehetzt, unvorstellbar wäre es für ihn auch heute noch immer, nichts zu tun zu haben.

Ich komme nun zur Vorgeschichte des Büchleins. Der erste Teil des Tuntenstreits dokumentiert den Austausch einer Selbsterfahrungsgruppe aus der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Wer über Selbsterfahrung anderer Auskunft gibt, tut gut daran offenzulegen, um wen es sich bei ihm selber handelt.

Ich bin der Sohn eines reformierten Pfarrers, geboren 1953 am Niederrhein, viertes von sieben Kindern. Mein Vater, geboren 1913 in Wuppertal-Elberfeld, war ein Vertreter der skeptischen Generation (Helmut Schelsky), von der Realgeschichte gehäutet, theologisch wieder zusammengesetzt durch seine Lehrer Karl Barth in Bonn und Rudolf Bultmann in Marburg. Im Krieg war er Flakbatteriechef, nach 1945 drei Jahre als Pfarrer und prisonnier de guerre in französischer Kriegsgefangenschaft: der unwahrscheinliche familiäre Beginn deutsch-französischer Freundschaft. Zwei Geschwister wurden Französischlehrer. Die Mutter ein sonnig musikalisch gesegnetes Mädchen vom Niederrhein, Lehrerstochter, hochbegabt, eine Menschenfreundin. Mit ihrer Freundin Ilse Neuberger betreute sie die Zeugen und Zeuginnen der Anklage im Düsseldorfer Maidanek-Prozess. Das sind die elterlichen Zutaten meiner Entwicklung zu einem (meist) stillen Grübler.

Im Jahr 1977 liegt etwas in der Luft. Technisch/ökonomisch: Bill Gates gründet Microsoft. Die elektronische Revolution nimmt an Fahrt auf. In der Herstellung von Büchern gibt es neue Maschinen: Composer und Lichtsatz, die teuren Schriftsetzer werden entbehrlich. Bücher herzustellen wird deutlich billiger. Es entstehen Vertriebe für alternative Literatur: Maulwurf in Berlin, prolit in Gießen.

Betriebswirtschaftlich gesprochen: Markteintrittsbarrieren für newcomer sinken, man braucht nicht mehr Unsummen an Kapital, um einen Verlag zu gründen. In London entsteht 1979 Gay Men´s Press, in Paris im selben Jahr LES EDITIONS DU TRIANGLE ROSE. 1975 gründet Winston Leyland Gay Sunshine Press, in Arles gründet Hubert Nyssen 1978 Actes Sud, dort sind die Bücher des pied-noir Jean Sénac erschienen, um nur eins zu nennen: Le mythe du sperme – Méditerranée. Es geht in dieser Reihe um Bücher, alle haben ihre Vorgeschichte, manchmal mögen sie entlegen klingen, aber hier gehört es hin: Jean Sénac wurde 1973 in Algier ermordet, Pier Paolo Pasolini 1975 in Ostia.

Es gibt in der verlegerischen Vorgeschichte Wegbereiter: in Düsseldorf die bibliophile Eremitenpresse, in Köln/Darmstadt der Melzer Verlag. Das Verbot der Romane von Jean Genet war vor kurzem erst aufgehoben. Genet sympathisierte mit der „Roten Armee Fraktion“ und schrieb ein Vorwort zur französischen Ausgabe von Schriften der Baader-Meinhof-Gruppe, das am 2. September 1977 auf der Titelseite von Le Monde erschien. Zehn Tage später erschien der Text im „Spiegel“, das geschah zu einer Zeit, als die Entführung von Hanns Martin Schleyer und die Ermordung von drei Polizisten erst eine Woche zurücklag. Gleichzeitigkeit erzeugt eine auch politisch-kulturell relevante Atmosphäre, um einen verwegenen Gründungsakt angemessen einzuordnen.

Die BRD liberalisierte sich – und es begann im „Kampf gegen den Terror“ zugleich eine unfassbar weit reichende Gegenbewegung und Überwachungskultur. Sozialwissenschaftlich rückt eine neue Perspektive in den Blick. Der „skeptischen Generation“ (Helmut Schelsky 1957) folgt mit ihren Kindern und Enkeln eine erfahrungshungrige Generation. In der politischen Soziologie spricht Claus Offe von einer „horizontalen Disparität“, es zählten nicht mehr vor allem die verteilungspolitischen Konflikte zwischen Kapital und Arbeit: immerhin zwei Lager, die mit erheblichen Machtmitteln (Aussperrung/Streik) ihre Interessen durchsetzen konnten. Mit den neuen sozialen Bewegungen entsteht eine alternative Öffentlichkeit, die sich kommunikativ erfolgreich bemerkbar macht. Wenige Jahre vorher hatte der „Club of Rome“ die Studie „Grenzen des Wachstums“ vorgestellt, noch eine Keimzelle für das Entstehen neuer sozialer Bewegungen.

Der altväterliche „Klassenkampf“ wird überlagert von neuen Konfliktlinien. Claus Offe nennt sie „horizontale Disparität“. Es geht nicht mehr um die Drohung mit Streiks. Der Hunger nach Erfahrung lässt sich nicht mit falschem Futter oder Ersatzangeboten abspeisen. Sehnsucht nach Gleichheit kann nun mit Ungleichheit begründet werden. Bob Dylan hatte schon 1964 gesungen The Times They are a-changing:

What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command

Das Lied markiert eine Zäsur in der Zeitgeschichte. Kommandos hatten ausgedient. Die skeptische Generation von Helmut Schelsky entlässt ihre Kinder und Enkel in den Erfahrungshunger – Alexander Kluge und Oskar Negt haben mit ihrem Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung“ (1972, s.o.) den 70er Jahren zu einem sich weit öffnenden Resonanzraum verholfen. Das charakterisiert den ersten großen Abschnitt im „Tuntenstreit“: er umfasst den Austausch und Abgleich von Erfahrungen auf dem windungsreichen Weg zum Coming Out. Roland Barthes hatte schon 1957 weitsichtig die „Mythen des Alltags“ analysiert.

Nun wird in machtgeschützter Innerlichkeit Westberlins eine Gruppe von schwulen Männern über einen längeren Zeitraum sich mit den Mythen und der Entmythologisierung ihres Coming outs befassen, über Gleichheit und Ungleichheit nachdenken. Eine heruntergekommene Fabriketage im still gelegten Bülowbogen dient als Heimathafen für diesen Prozess, der sich über Monate hinzieht. Die im Buch dokumentierten Protokolle geben ausschnitthaft Einblick in den Prozess. (Nebenbei bemerkt: unter den damaligen technischen Bedingungen war die Transkription und die editorische Auswahl der Mitschnitte ein bemerkenswerter zeitfressender Kraftakt.)

Bildlich gesprochen, re-mythologisiert: Odysseus grüßt! Wie kommen wir durch das stürmische Meer, das uns nicht wohlgesonnen scheint? An welchen Klippen drohen wir zu zerschellen? Wo macht uns wer die Tür auf? Wer schlägt sie zu? Wer sackt uns ein? Wer öffnet uns das Tor zu unserer Zukunft, wenn nicht wir uns selbst? Wie war es gelungen, suizidalen Anwandlungen zu widerstehen? Wie ließen sich brutalste Interventionen („ich schlag dich tot“) und ähnliche verstörende Reaktionen verarbeiten? Traumatherapien gab es fast gar nicht. Es blieb dabei, sich am eigenen Schopf aus dem Morast des Traumas herauszuziehen. Manchmal gab es kollegiale oder freundschaftliche Hilfe, manchmal wurde man vor die Tür gesetzt. Manchmal gab es brutale Reaktionen.

In dem Jahr, von dem heute die Rede ist, 1977, kam Peter Lilienthals Film „Es herrscht Ruhe im Land“ in die Kinos. Ein Satz aus dem Film kann in einen Gedenkstein geritzt werden: „Wenn einer sich immer wieder nur auf seine Erfahrungen beruft, kommt er mir vor wie ein Glatzkopf, der die letzten Haare in seinem Kamm zählt, ohne je zu einem anderen Ergebnis zu kommen.“

Wir aber (und das „wir“ schließt die Brüder und Schwestern ein, die ihren Erfahrungsaustausch protokollierten und verschriftlichten – oder ihn 50 Jahre später erneut und verwundert zur Kenntnis nehmen können) zeigen uns neugierig nicht allein auf die Zahl der Haare, nein, auf alles, auch wenn es weh tut, auch wenn die Tür vor unserer Nase nicht aufgeht oder wieder zugeschlagen wird. Wir sind erfahrungshungrig, auch verdrossen oder gar verstört. Das resümiert das erste Kapitel im „Tuntenstreit“. Das macht die Lektüre mitunter zäh. Der Leser stöhnt mit. Erfahrungen der Niedertracht auszusprechen, ermöglicht es, die Last abzuschütteln, ermöglicht es, Respekt zu zeigen, Mitgefühl, Solidarität, ein Stöhnen über die Rückschläge auf diesem Weg anzustimmen, keinen Hohn. Den gibt es auch ohne unser Zutun.

Ehe ich darauf im Detail eingehe, gehört es zur vergleichenden und vergleichbar machenden Hygiene, den Blick auf meine eigenen Erfahrungen zu ermöglichen. 1972 ist das Jahr meines Abiturs in Düsseldorf. Im Jahr zuvor verunglückten zwei Klassenkameraden bei einem Autounfall. Ob es ein Suizidversuch war? Er ist nicht gelungen. Das vergisst man nicht. Von September bis Dezember 1972 arbeite ich als Erntehelfer in dem Kibbutz Givath Chaim Ichud. Meinen Anspruch auf freie Tage löse ich in Jerusalem ein. Mein erster schwuler Sex begann in der Grabeskirche und wurde im Turm der von Kaiser Wilhelm gespendeten Erlöserkirche erfolgreich beendet. Benny Ziffer, Kulturredakteur bei Ha´aretz, schreibt später, dass schon Magnus Hirscheld Jahrzehnte vor mir den geheimen Charme rund um die Grabeskirche entdeckt hatte. Cruising. Das Wort war mir 1972 noch unbekannt.

1974 ziehe ich nach Tübingen und stoße nach manchem Zögern zur iht: Initiative Homosexualität Tübingen, eine Gruppe, in welcher die meisten Männer Theologie studieren, was dem Erfahrungstausch gleichermaßen förderlich als auch hinderlich war. Seelsorge suchte ich nicht. Früh gehöre ich durch Freunde aus dem SZ zum AStA und gründete den Kulturbeirat, was es uns ermöglichte, 1976 Brühwarm nach Tübingen zu holen. Unser Tagblatt-Chef Christoph Müller, ruhe er in Frieden! bringt das an prominenter Stelle ins Tübinger Blättle. Im gleichen Jahr besuche ich meine Eltern am Chiemsee und schließe dieses Kapitel meines Coming Outs ab. Die Reaktion meiner Mutter: von allen meinen sieben Kindern verstehe ich mich mit dir am besten. Darauf trocken mein Vater: Dabei könntest du dich besser mit mir verstehen. Nach seinem Tod finde ich in einem seiner Photoalben eine Doppelseite: links mein Vater in Paradeuniform, rechts ein mediterran anmutendes Gesicht unter dem Stahlhelm, glücklicherweise nicht eingeklebt, sondern in Laschen gesteckt: auf der Rückseite steht „in Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden und Tage von deinem Freund und Kameraden Emil“, ungesättigter Erfahrungshunger aus dem Jahr 1942. Ein Schatten, der nicht vergeht.

Mit meinem iranischen Freund Hamid Shobeyri, den ich 1976 in München bei der HAM kennenlernte, fahre ich zum ersten Mal nach Berlin, gleich nach der Ankunft landen wir in dem kleinen Pfad neben der Bahntrasse vor der S-Bahnquelle am Savignyplatz, so lerne ich die Verleger Peter Hedenström und Volker Bruns kennen. Fast schließt sich nun schon der Kreis. Diese Begegnung führt ein Jahr darauf, als ich nach Berlin gezogen war, zu Peters Frage, ob ich bereit sei, an der Seite von Egmont Fassbinder die Nachfolge der Gründer des Verlags anzutreten. Mein Studium unterbreche ich für vier Jahre und es beginnt ein Fegefeuer des täglichen Zusammenraufens mit Egmont Fassbinder, der – was den Erfahrungshunger betrifft – im späten 19. Jahrhundert bis zu den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts seine Heimat suchte, aber zugleich auch durch das Kapital seiner Familie dem Verlag zu einer leidlich hinreichenden Kapitalbasis verhilft.

Nun aber zu dem ersten Kapitel des Tuntenstreits, um den es heute Abend geht: dem Erfahrungsaustausch einer Gruppe von Männern, die in der HAW den Versuch unternahmen, Traumata erzählbar zu machen, Versehrtheit zu überwinden, Gleichheit und Ungleichheit auszuhalten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen. Die psychotherapeutische Praxis des Copings war gerade erst dabei, sich als therapeutisches Angebot zu etablieren.

Den Auftakt zu dem Prozess hatte Rosa von Praunheims (und Martin Danneckers) Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« gegeben. Nach der Uraufführung im Sommer 1971 gründete sich die HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Kontakte zu Gruppen in den Niederlanden, Frankreich und Italien sorgten für erstaunliche Glücksaugenblicke: wie divers (das Wort war damals noch nicht modisch), Schwestern und Brüder sich in Szene setzen konnten. In der HAW kam eine Selbsterfahrungsgruppe zustande, deren Sitzungen protokolliert wurden und in Auszügen im „Tuntenstreit“ (erst in Kursbuch, später in ProKla veröffentlicht wurden). Die Gruppenprotokolle sind Helmut Ahrens, Volker Bruns, Peter von Hedenström, Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz zu verdanken.

Die Gespräche kreisen um die Erfahrungen ersten (widerstrebenden) Verlangens, Befremdung durch das Wort „schwul“ – wie gehe ich damit um, ein Wort der Verachtung für mich selbst zu gebrauchen – und um glückliche Zufälle durch nächtliche Spaziergänge in städtischen Parkanlagen und zielgerichtete Besuche in öffentlichen Toiletten. Gelegenheit macht Liebe. Erste Besuche in Schwulenkneipen (damals hinter geschlossener Tür mit Spion, Gardinen oder Jalousien dem Einblick verborgen), Glücksaugenblicke auf der einen Seite, Befremdung durch das Verborgensein auf der anderen. Das „Andere Ufer“ (* 1. April 1977 von Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz) hatte keine Vorhänge, es gab auch keine Türkontrollen. Zwei Häuser weiter wohnte David Bowie mit Iggy Pop. Glückliche Fügungen auf der einen Seite, auseinander strebende Erfahrungen in Gruppen der Linken und nächtlichen Eskapaden ohne politische Vorzeichen auf der anderen Seite. Die Erfahrung, „nachts plötzlich ein anderer zu sein“ bleibt lange Zeit prägend. Dafür muss nicht Rimbaud („denn ich ist ein anderer“) zitiert werden, das ist eingefleischt. Two worlds apart, über die außerhalb der Subkultur so gut wie gar nicht gesprochen werden konnte. Unstillbare Sehnsucht paarte sich mit Verschwiegenheit im betrieblichen, familiären und / oder universitären Milieu. In der Psychiatrie käme man mit solchen Erfahrungen zu unguten und in die Irre führenden Diagnosen. Das wird besonders dann traumatisierend, wenn suizidale Phantasien oder gar Versuche zum Gegenstand von Therapieangeboten werden. Das Abgespaltensein lädt ein zu erstaunlichen Maskeradeversuchen. Dass sie kaum tauglich sind, vielleicht vorübergehend, ermöglicht einen zaghaft zögerlichen springprozessionshaften Weg, vor und zurück zur Akzeptanz. Ausgelacht und verspottet zu werden lädt nicht gerade dazu ein, Stolz auf das eigene Verlangen zu entwickeln. Familiäre Milieus, auch berufliche oder auch andere peer groups erweisen sich im Prozess des Coming Outs als kaum zu überwindende Barrieren.

Im zweiten Abschnitt geht es um pragmatische Erfahrungen auf dem Weg zur Gründung eigener Organisationen wie etwa der HAW. Interne Konflikte schienen gelöst, indem man ihnen auswich. Das Format eines eigenen Organisationsverständnisses war aus zuvor erfahrenen linken Zusammenhängen durchaus nicht übertragbar. Auch hier zeigte sich, dass Hindernisse mitunter auch einfach umgangen werden können. Wie aber ließ sich ein Sachverhalt umgehen, der in den meisten Fällen aus psychiatrischer oder psychologischer Perspektive mit seltsamen Diagnosen oder gar Therapieangeboten einen offenen und akzeptierenden Umgang mit dem eigenen Schwulsein erschwerte? Weil diese Erfahrung damals prägend schien, war die Gründung einer eigenen Gruppe für die Selbsterfahrung schwuler Männer ein elementarer Akt der Emanzipation. Die Entscheidung, ein Symbol aus der NS-Geschichte – den rosa Winkel – in die Gegenwart zu holen, das Zeichen der Diskriminierung in ein Abzeichen des Stolzes zu verwandeln, beleuchtet diese Phase der Selbstorganisation.

Es werden auch die alten Texte wieder gelesen: Magnus Hirschfeld etwa, Sigmund Freud, Wilhelm Reich. Wo eine Idee grüßt, kann ein Treib/Trieb-Anker gesetzt werden. Nicht einfach, wenn das in Organisationen der alten Linken angedockt werden soll, die Erfahrung, von „GenossInnen“ ausgelacht oder hinter vorgehaltener Hand verspottet zu werden, lädt nicht gerade dazu ein, Solidarität einzuüben. Dennoch sind Auszüge aus dem Büchlein in den Zeitschriften „Kursbuch“ und „Probleme des Klassenkampfs“ veröffentlicht worden. Das beleuchtet einen organisatorischen Schulterschluss, der sich angesichts vorangegangener linker Organisationen nicht gerade als selbstverständlich bezeichnen ließ.

Der Rückgriff auf Standardwerke (McKinsey, Freud, Reich) beleuchtet den Versuch, die eigenen Bewusstwerdungsprozesse mit Standardwerken des 20. Jahrhunderts abzugleichen. Im ersten Kapitel wird damit kein Schulterschluss, auch keine Unterwerfung unter die Organisationskultur linker Bewegungen oder Parteien vollzogen, sondern es zeigt eindrucksvoll durch den Verlauf der Diskussion, was Fritz Morgenthaler später in der Zeitschrift „Psyche“ als wesentliches Merkmal in der Ausbildung einer homosexuellen Identität beschrieben hat: die hohe Wertschätzung der Autonomie.

Die aber wird in dem zweiten Kapitel des Bändchens durch zwei pseudonyme Autoren unfeierlich (und voreilig) zu Grabe getragen. Wäre es nach Thorsten Graf und Mimi Steglitz gegangen, zwei Pseudonyme, die auf der einen Seite sich nobilitieren, auf der anderen bezweifelbar verorten, dann hätte die von neuem entstandene Schwulenbewegung in Westberlin ihren angeblich natürlichen Bündnispartner in der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin zu finden gehabt, ein Ableger der Ostberliner SED, der die Methoden aus dem Osten durch freiwillige Unterordnung unter die Regie der Partei der Arbeiterklasse favorisierte. Rhetorisch ist das eines der peinlichsten Dokumente der jüngeren Zeitgeschichte, weil die Autoren quasi von selbst sich den Parteiauftrag der Unterordnung unter die Partei der Arbeiterklasse erteilen und alles andere als Sektierertum verteufeln, das sich ihrem Kommandoversuch entzieht.

Der dritte Teil von Reinhard von der Marwitz, Gerhard Hoffmann und Dieter Runze zeigt den beiden pseudonymen SED-Ablegern im Westberliner Öffentlichen Dienst, wie der intellektuelle Stand marxistischer Diskurse aussehen könnte, die sich nicht dem Führungsanspruch einer Staatspartei unterwirft. In dem Dokument zeigen die drei Autoren intrikate rhetorische Argumentationsmuster der MG (Marxistische Gruppe), die in jenen Jahren vor allem in München und in Marburg diskursiv tonangebend zu sein versuchten. Sie taten das im Stil von Hohenpriestern der marxistischen Basistexte und hauen den selbsternannten Dienern der SEW die mangelnden Kenntnisse in den theoretischen Grundlagen des Marxismus um die Ohren.

Im Stil kalt, mitunter höhnisch, geben die drei Autoren einen beeindruckenden Einblick in das rhetorische Potenzial eines zeitgenössischen Marxismus, der sich der gedanklichen Herkunft und Stringenz von Marx und Engels gewachsen zeigt. Mehr wäre dazu fast nicht zu sagen, denn dieser Streit ist mit Wegfall der Organisationsgefäße erledigt. Nachgetragen sei nur noch, welch unvergesslichen Hass einer der beiden pseudonymen Autoren mir gegenüber persönlich an den Tag legte.

Trefflich entblättern die Autoren die insuffiziente Prosa von Graf und Steglitz, sie sei unbeholfen, kriecherisch und herrisch zugleich und gibt einen Eindruck davon, wie die Autoren sich mit dem irdischen Elysium an der Seite der kämpfenden Genoss-Innen und -außen arrangieren.

Ein O-Ton aus der Fußzeile auf Seite 35 verleiht dem ganzen seinen Ausdruck: „Wir veröffentlichen diesen Aufsatz unter Pseudonymen, nicht, weil wir ein eventuelles Berufsverbot für Schwule fürchten, sondern weil wir uns der entscheidenderen Bedrohung durch das Berufsverbot für ,Radikale“ im öffentlichen Dienst aussetzen würden.“ So legen sie ihren Kopf unter das drohende Schafott des Berufsverbots und drehen sich zugleich um Beifall heischend zu den sie verachtenden GenossInnen auf die Seite, bevor das Beil der proletarischen Verachtung auf sie heruntersaust.

Hoppla!

Coda

Sehr viel beeindruckender sind die transkribierten Gespräche des ersten Teils, besonders die Erinnerung an Auftritte von Tunten aus Frankreich, Italien und den Niederlanden. Es gibt in dem Kampf gegen Unterdrückung und um Emanzipation Vorbilder, die bezeugen, wie und DASS es möglich ist, sich von der Unterdrückung und auch von der Selbstunterdrückung zu befreien. Entscheidend für diese Einsicht ist nicht das Bühnenhafte, die Verkleidung, sondern das Ablegen der Camouflage im Biedernis-Kostüm der damaligen Gegenwart. Die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling braucht Zeit – das gibt Zeugnis für das Sichentfalten als Gegenbild zum Wegducken unter den grauen verschwitzten Tuchhimmel der Arbeiterklasse.

Immer wieder erklingt in dem ersten Teil auch ein Echo auf den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Ethnographisch und psychoanalytisch gesprochen (Reverenz an meinen verehrten Freund Fritz Morgenthaler) erleichtert das Re-Arrangement den Prozess der Befreiung von repressiven Normen, das ist eine never ending story, sie kehrt immer mal wieder auf uns zu und stellt uns auf die Probe. Seid bereit, fürchtet euch nicht! Vorwärts und – bitte! – nicht vergessen!

Nebenbei sei schließlich auch noch bemerkt, dass „Graf & Steglitz“ sich in einem Nebenkrieg gegen Martin Dannecker und Reimut Reiche befinden, den beiden Autoren des Buches „Der gewöhnliche Homosexuelle“. Ihr vehementester Vorwurf könnte kaum alberner sein: die freudsche Theorie sei für Dannecker/Reiche offenbar Marxismusersatz. Das Manna der Engel aber ist unersetzbar, ein erstaunlicher Befund aus einer Zeit, in welcher die Alltagskultur auf der anderen Seite der Mauer durch alle nur denkbaren Formen des mangelhaften Ersatzes geprägt war.

Auf dem Weg in die Seligkeit an der Seite der sich befreienden Arbeiterklasse gibt es nichts Gewöhnliches, so viel Eskapismus sei doch bitte erlaubt. Graf/Steglitz scheinen mit dem Adjektiv des „Gewöhnlichen“ nicht zurande zu kommen. Halten sie sich für erwählt? Verirren sie sich lieber an die Seite von Thomas Mann? Ist der proletarische Inzest etwa die Insel ihrer Seligkeit, ihre Endstation Sehnsucht?

In der Trias des Büchleins erweist sich das abschließende Kapitel in dem historischen Abstand von nunmehr 50 Jahren als höhnisches Echo auf Graf/Steglitz. Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz hatten sich an der Diskussion im ersten Teil des Büchleins beteiligt und fuhren mit ihrem Teil (zusammen mit Dieter Runze) aus theoretisch gut begründetem Verdruss noch einmal die gut geschärften Katzenkrallen der Marx-Exegese aus, um dem einfältigen Fußvolk der SED auf der Westberliner Seite der Mauer zu zeigen, wie eine wahrhaft marxistische Harke aussieht. Eine rhetorische Fingerübung, an deren Ende die ausgefahrenen Krallen fein poliert sich in das hohle Fleisch der tumben Parteisoldaten graben.

Die Kränkung hat gesessen und ward nicht vergessen.