Schwule Lyrik – Schwule Prosa

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Den Vortrag zu der von Elmar Kraushaar herausgegebenen Anthologie hielt ich am 20. November 2025 im Schwulen Museum Berlin.

Die Anthologie markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Verlags rosa Winkel. Zwei Jahre nach Gründung des Verlags ist ein mehrfacher Paradigmenwechsel wahrzunehmen. Erstmals erscheint – neben den eher an Flugschriften auf Mensa-Büchertischen erinnernden Broschüren – ein literarisch ambitioniertes umfangreiches Buch, das auch in seiner Gestaltung einen eigenen ästhetischen Anspruch erhebt (Dank an den Graphik-Designer von Fach-Werk, der das Cover des Buchs gestaltet hat!).

Die 256 Seiten in schmalem Hochformat entsprechen 16 Druckbögen, das optimiert auch drucktechnisch den Nutzen und mindert Materialkosten durch nicht genutzte Seiten. Der Titel erhebt einen Anspruch: Gelten die versammelten Beiträge als repräsentativ für das, wofür es im Bereich deutschsprachiger Literatur und Kritik noch keine etablierte Kategorie gab? Gibt es in der sich ausbildenden schwulen Subkultur überhaupt einen akzeptablen – oder gar akzeptierten – Begriff für das Repräsentative?
Sind die ästhetisch, rechtlich und kulturell Marginalisierten willens oder vielleicht auch gar nicht erpicht darauf, auf diesen Begriff Wert zu legen? Mit welchem Recht? Der Zufall, wir könnten auch vom Glück des Gelingens sprechen, gelangt zu eigenem Recht.

Der Titel markiert zugleich auch eine kulturelle Wegscheide. Er markiert mit dem „schwul“ einen Anspruch, der das mehr oder weniger ausgeprägte individuelle Triebschicksal einer bedauernswerten Minderheit zu einer literaturästhetischen Kategorie erhebt. Damit wendet sich das Buch an ein noch informelles ästhetisch und literarisch interessiertes Publikum, das weit über die sogenannten Betroffenen hinausreicht. Es gehört nicht viel Phantasie zu der stöhnenden – als Frage camouflierten – Feststellung: „Muss das denn sein?“ – Ja. Es muss sein!

Schließlich stellt das Buch auch für den stationären Buchhandel eine Herausforderung dar. Gehört es ins Schaufenster oder wird es als Bückware dem Blick des Publikums entzogen? Wie werden die VertreterInnen von Maulwurf und Prolit die ihnen zugetanen BuchhändlerInnen dazu bewegen, eine oder mehrere Partien des Buches (11/10 oder 12/20) zu ordern?

Wer hätte in der quasi halbamtlichen deutschsprachigen Literaturkritik es gewagt, Jean Genet, Hubert Fichte, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Zeit, der „akzente“ und der „Manuskripte“, als „schwule Autoren“ vorzustellen, galt es doch schon als kaum überschreitbare Barriere, die sexuelle Identität von AutorInnen überhaupt zu erwähnen – als verstünde sich das unausgesprochen wie von selbst?

Es galt zwar nicht als irrelevant, aber verdiente keine explizite Kategorie, galt es doch noch als Zumutung, „das Thema“ überhaupt zur Sprache zu bringen. Zwar hupften die männlichen Hippies in hautengen Hosen mit unübersehbaren Beulen und strammen Hintern im wiegenden Schritt durch die Innenstädte, aber ihnen einen eigenen Begriff zu widmen – über die naserümpfende eingefleischte Verachtung hinaus, das ging doch irgendwie zu weit. Und zudem: wie kamen sie überhaupt dazu, ein Wort auf ihre literarischen Produkte anzuwenden oder anzukleben, das damals bestenfalls als Schimpfwort galt? Stolz konnte man das doch nicht nennen.

Oder?

Am ehesten wäre es Fritz „Jöthe“ Raddatz bei der Zeit zuzutrauen gewesen, wenn die Verlegerin – Gräfin Dönhoff – das zugelassen hätte. Raddatz war blümerant genug, um „erkannt“ zu werden, was für ein schönes Wort aus der Genesis (Adam erkannte Eva)! In der Kultur des schwulen Alltags galt das Erkennen schon früh nicht nur ästhetisch als Passepartout für das Tor zum Glück. Selbst Rosa von Praunheim hatte für den Titel des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ noch darauf verzichtet. Vermutlich hatte der produzierende WDR darauf bestanden.

Nun steht das Wort gleich zweimal untereinander auf dem Umschlag eines Buches, findet seinen Weg in die Buchhandlungen (auch in die Schaufenster?) und in die Bibliotheken, zehn Jahre später auch in die literaturwissenschaftliche Praxis dank des „Forums Homosexualität und Literatur“ (1987-2008). Das Buch kann daher als Setzling und Wegbereiter für die noch latente literaturwissenschaftliche Spezialisierung und Institutionalisierung von gender studies gelten.

Die schwulen Pfingsttreffen hatten seit den frühen siebziger Jahren zudem Gelegenheit gegeben, nicht nur „sich zu erkennen“, sondern auch literarische Interessen und Talente wahrzunehmen. Wie ein Schneeball sich zu einer Lawine vergrößert, wenn er nur lange und steil genug bergab bewegt wird, fand die Nachricht von Elmar Kraushaars Plan zu diesem Buch weite Verbreitung, das ging auch ohne Internet und Mailverteiler: Flüsterpost, sich ausbildende Netzwerke, Telefonnummern, Briefe, Flugblätter, Büchertische. Die noch informelle Infrastruktur einer alternativen schwulen Alltagskultur hat zu dem Gelingen des Projekts maßgeblich beigetragen. So sieht ein Rhizom in the making aus.

Die Projektakte zum Buch befindet sich nicht im Archiv des Verlags, sondern bei dem Herausgeber Elmar Kraushaar. Er hatte an der FU Romanistik und Germanistik studiert, zeitweise im Jahr vor der Gründung des Verlags rosa Winkel auch in Lille als professeur assistant gearbeitet.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die indignierten Reaktionen vorzustellen, mit denen „einschlägig“ interessierte Akteure in den akademischen und medialen Zirkeln auf das Ansinnen reagierten. Was ist denn – bitteschön – schwule Lyrik, was schwule Prosa, was unterscheidet sie von der Literatur der Hundefreunde, Baseballschläger, Luftwurzler? Eine abwegige Nische, um die das kritische Personal einen Bogen des Wegschauens vollzieht.

Die irgendwie auch sexuelle Lebensgeschichte von AutorInnen – gilt das nun als literarische Kategorie? Mit welchem Recht? Mit welchen Folgen für den ehrenwerten Beruf von Bibliothekaren (wie werden sie durch Schlagworteinträge in ihren Sachkatalogen etwas auffindbar machen oder das so lange wie möglich nach Kräften behindern), was es bisher angeblich gar nicht gab?

Gibt es hinreichend akzeptierte Nachweise (welcher Art?), die einen Autor als schwul markieren oder die ihn dazu bewegen, sich selbst so zu klassifizieren? Mit den schneebällchengleichen (Lawinen wäre zu hoch gegriffen!) Einladungen, Beiträge für das Buch zu schreiben und nach Berlin zu schicken, erlebten die beteiligten Autoren am eigenen Leib diese Frage und versuchten das ihnen Mögliche, mit ihren Beiträgen darauf vielfältige Antworten zu geben.

Die Auswahlentscheidung lag beim Herausgeber. Die im Buch versammelten lebenden Autoren gehörten infolge der seit einigen Jahren jährlich stattfindenden Pfingsttreffen zu seinem persönlichen Netzwerk, soweit es sich um Autoren handelte, die bereits das Zeitliche gesegnet hatten, fanden sie sich in Elmar Kraushaars heimischem Olymp, nennen wir etwa Klaus Mann.

Noch gab es keine komparatistischen Literaturanalysen, sie entstanden fast zeitgleich – aber noch sozusagen unter der Erdoberfläche – als Keimlinge, gut verborgen vor dem tödlichen Licht der Missgunst oder Zensur.

Epitaph

Das verdienstvolle Buch wirkt 48 Jahre nach Erscheinen wie ein zeitlich vorweg genommener Epitaph: elf von 21 Autoren leben nicht mehr. Der älteste Autor, Bruno Vogel, starb 1987, zehn Jahre nach Erscheinen des Buches, in London, der Stadt seines Exils. Klaus Mann hatte sich 1949 das Leben genommen.

Der Schnitter Tod (vulgo: die HIV-Pandemie, 1977 noch latent unterwegs) hat die Sense geschwungen. Manche Autoren haben sich umgebracht. Wer – wie etwa ich selber – davon Kenntnis hatte, wie vernichtend der Weg in den Tod angelegt sein konnte, kann bezeugen, wie die Bestürzung darüber auch nach Jahrzehnten nicht abgeklungen ist. Das Wissen um den Sprung durch das geschlossene Fenster aus dem vierten Stock eines Hinterhauses in die Tiefe des Hofes schmerzt lebenslänglich.

Resonanz

Die anfängliche Resonanz auf das Buch zeigte Ausweichversuche: substanzielle Kritik (was
kennzeichnet „schwule Lyrik“ im Unterschied zu nicht-schwuler) gab Auskunft über den
beschränkten begrifflichen Kanon der Kritik. Scheuklappen galten noch unhinterfragt als selbstverständlich. Es gab zwar einen informellen schwulen Literatur-Kanon – um nur einige wenige Namen zu nennen: André Gide, Oscar Wilde, Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Jean Sénac, Allen Ginsberg, Pierre Guyotat (1970 erschien von ihm Eden Eden Eden mit Vorworten von Michel Leiris, Roland Barthes und Philippe Sollers, die trotz ihrer literarischen Heiligkeit das Buch in den ersten Jahren nicht vor der Zensur schützten), Jean Genet, Hanns Henny Jahnn, Hubert Fichte, Klaus Mann (im Schrank auch sein Vater) uva. Erst wenige Jahre vorher wurde das gerichtlich bestätigte Verbot der Romane von Jean Genet in der Bundesrepublik endlich aufgehoben.

Wegbereiter für kritische Resonanz waren informelle Meinungsführer in den örtlichen Schwulengruppen wie zB Grete in Berlin, sie konnte besser adornisch als T.W. Adorno himself. Früh zeigen sich in der Vorgeschichte dieses Buches wurzelwerkverflechtete (rhizomatische) Formen der Selbstorganisation, da es noch keine etablierten Kanäle für das Genre, keinen Kanon, aber schon jede Menge informeller Geheimtipps gab. Flüsterpropaganda of its best, sotosay.

Zaghafte erste Versuche an dafür aufgeschlossenen Lehrstühlen waren vor 1987 verdeckte
Keimzellen für das „Forum Homosexualität und Literatur“. Man kannte und schätzte sich. Dirck
Linck könnte darüber Auskunft geben. Gert Mattenklott gehört zu den aufgeschlossenen Paten.

Wegbereiter und kritische Begleiter in den Medien waren Fritz J. Raddatz bei der Zeit, Karsten
Witte bei der FR, Arno Widmann bei der taz. Es gab auch Kontrahenten, aber sie waren fachlich
durchaus in der Lage, neue Töne, Sicht- und Schreibweisen mit kaltem, manchmal auch freundlichem Interesse wahrzunehmen.

Ein Beispiel unter vielen: Mathias Döpfner in der Welt 2009 im Gespräch mit Marcel Reich-
Ranicki. Ich zitiere:

WELT ONLINE (Döpfner): 1986 haben Sie mich in der FAZ-Redaktion, als wir über Erotik in der Musik und Tschaikowsky diskutierten, mal mit der Frage verunsichert: „Gibt es homosexuelle Musik?“ Reich-Ranicki: Eine gute Frage! WELT ONLINE: Ich wusste damals und bis heute keine Antwort. Deshalb möchte ich die Frage heute zurück stellen: Gibt es sie? Reich-Ranicki: Ich glaube daran, dass bei der Entstehung mancher musikalischer Werke homosexuelle Gedanken eine Rolle gespielt haben können. Aber ob Musik vom Publikum als homosexuell verstanden werden kann, das weiß ich nicht. Mir hat mal jemand gesagt, die Vierte Symphonie von Tschaikowsky sei homosexuell. Ich glaube das nicht.

„Homosexuelle Gedanken“ (MRR) sind eine Fundsache sondergleichen, kein Fundbüro könnte über sie Auskunft geben, wer wollte sie wo und wie verwahren – oder dem Blick entziehen? Nun finden sie ihren Ausdruck zwischen Buchdeckeln und sind auffindbar, ohne sich dafür bücken zu müssen oder anonyme Bestellungen über Postfächer aufzugeben!

In den Kinos sahen wir früh mit klopfenden Herzen Ken Russells Film über Tschaikowsky (Genie und Wahn 1970), Pier Paolo Pasolinis Teorema (1968), Decameron (1971) Die 120 Tage von Sodom (1975), Die Gärten der Finzi Contini. Ich hatte schon vor meinem Abitur 1972 das große Glück, im Düsseldorfer Filmforum von Klaus G. Jaeger andernorts noch verpönte Filme sehen zu können, früh erstmals auch Warhols „Flesh“ mit Joe Dalessandro.

Das ist der historisch umrissene kritische Resonanzraum (einschließlich seines schmerzlich bewussten Mangels) im Jahr des Erscheinens von „Schwule Lyrik – Schwule Prosa“, ohne den die fulminante, aber anfangs noch im Verborgen keimende Resonanz auf das Buch kaum verstanden werden kann. In den Buchhandlungen, in denen das Buch auslag, waren leicht nach unten schielende Augen wahrzunehmen, die zu sagen schienen: WAS IST DAS DENN???

Nun kommen wir zu einer exemplarischen Sichtung des Buchs. Zahlreiche Beiträge folgen dem erst Jahrzehnte später literaturwissenschaftlich und -kritisch eingeführten Format der Autofiktion, gebrauchen dafür Formen von Tagebuchnotizen bis zu ersten vorsichtig fiktiven Formaten, kein großer Wurf darunter, dem eine Agentin etwa dazu geraten hätte, nun aus dem Stoff einen Roman zu schnitzen.

Es sind Proben der Selbstbeobachtung, gemischt mit Resonanzen darauf. Was davon Tagebucheinträge oder protokollierter Tagtraum ist, kann kaum beantwortet werden. Die Ambivalenz der Texte hält eine unausgesprochene Frage unbeantwortet in der Schwebe: ist es nun eine gute oder schlechte Zeit? Psychotherapeutisch ließen sich die Texte auch als Resonanzraum von Erfahrungen, Phantasien und den Übergängen zwischen beiden Ebenen begreifen. Literarisches Coping, mithin auch therapeutisch nützlich: das Leitmotiv dafür: Miss dich an dem, was hinter dir liegt, um dich auf das vorzubereiten, was vor dir liegen könnte. Wege werden gebahnt, was Abwege sein könnten, umsichtig zugeschüttet oder umgangen.

Die oft und daher meist falsch für abschätzig gehaltene Figur des „Möchtegerns“ kommt in den Sinn und beschreibt phänomenologisch präzise, was da los ist. Das Verlangen bahnt sich Wege – erst in die Sprache, dann in die Welt. Sehnsucht liefert das Futter. Erfahrung wird in Texte verwandelt. Literarische Dreisatz-Praktik.

Die Gliederung des Buchs erfolgt alphabetisch den Nachnamen bzw. Pseudonymen der Autoren.
Die Formenvielfalt ist erstaunlich: von der Lyrik über das Tagebuch bis zu ersten vorsichtig fiktiven
Texten. Die Perspektiven sind vielfältig: im Vordergrund steht die Selbstbeobachtung, das reflektierte Tagebuchformat.

Lyrik folgte nicht altmodischen Mustern, die Autoren erprobten auch neue Formen, die bald Eingang in das subkulturelle Liedgut fanden, wenn etwa Mechthild Sperrmüll, am Klavier begleitet von Oskar Klappenberger, dem Ehemann meiner Zahnärztin, ihre Lieder darbot.

Eine kuriose Einzelbeobachtung gilt einem Autor, der beruflich Steuerfachmann war, aber in seiner Prosa am radikalsten wirkte, eine von mir sehr verehrte Tunte aus der HAW. Doris Night ist ihr Nick, der Nachname öffnet den Blick auf das, was vermeintlich hinter ihr liegt. Sieben Jahre zuvor hat Erika Runge in den Bottroper Protokollen die Formatvorlage geliefert. „Warum ist Frau B. glücklich?“

Doris´ Nächtle haben es in sich. Sehnsucht mischt sich mit zart-subtilem Spott. Müde bin ich, geh zur Ruh´- aber vorher muss nun endlich was passieren.

Reinhard von der Marwitz: Ein weiteres etabliertes Format sind mehr oder weniger lyrische Tagebuchnotizen, die auch a capella im Chor vorgetragen werden könnten: in lyrischer Form erklingt ein Solo, in das alle einstimmen können.

Manfred Semmelbauer: Sein Text illustriert die innige Verbindung zwischen der Beschreibung von schnellem Sex – also mutmaßlich Lust und anschließendem Verdruss, bei Lichte betrachtet kokettiert der Autor mit dieser Einschätzung: man gehe ihm bitte nicht in die Falle, er verurteilt nicht, wonach er sucht, auch wenn das, was er findet, nicht ideal gewesen sein wird. Die vollendete Zukunft wiehert spöttisch leise aus dem Hintergrund.