© Gerard van Smirren

Der nächste Situationismus

Die Zeitenwende hat uns im Griff. Schon jetzt lassen sich, mit der gebotenen selbstironischen Distanz, einige Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt für die Dauer einer Trump-Präsidentschaft Sonderkonjunkturen für den Buch- und Qualitätsmedienmarkt. Autoren wie Günther Anders, Emile Cioran, Albert Camus, Eugène Ionesco, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno werden mit neuer Begeisterung, hoffentlich auch tieferem Verständnis gelesen. Minima Moralia und  Negative Dialektik brauchen alsbald Sonderauflagen.

Zeithistoriker könnten das Werk Thomas Pynchons als eminente Quelle mit anderen Augen zu lesen beginnen.

Die Forensik steht – noch fassungslos – vor neuen crime scene-Bildern von Lustmordsuiziden.

Im 25. Jahrhundert entdeckt ein Althistoriker in einem auf Long Island ausgegrabenen Safe die Legenda aurea Trumpeana. Sie lösen eine Welle von Studien aus zur Neorenaissance des Crony-Kapitalismus. Who had been going short (or long) on what? Das Wort „Warum“ wurde in den Zeiten des Umbruchs so erfolgreich auf den Index gesetzt, dass es der Menschheit auf Dauer abhanden gekommen sein könnte.

Das Fach der Vergleichenden Literaturwissenschaft wird unerbittlich von einer Sonderbehörde verfolgt. In Berlin-Lichterfelde entsteht als Zeltdorf die New School for Comparatism. Hans Ulrich Gumbrecht wird Gründungspräsident des Zeltlagers.

Peter Thiel wird als erste Maßnahme die Auflösung von Stanford verfügen. Der Singularismus ersetzt alle Weltreligionen.

Der Dieter Kunzelmann Preis für zeitgemäßen Situationismus zeichnet Witze aus, die dazu geführt haben, dass Menschen sich totgelacht haben.

Der Preis wird im März 2017 von der Schwedischen Akademie gestiftet. Der König muss sich bei der Preisverleihung immer die Ohren zuhalten. Ihm hilft dabei ein taubblinder Diener.

Netflix produziert ab Mitte 2017 exterritorial auf dem Tempelhofer Feld (h/t an den weitsichtigen Martin Burckhardt!)

Sollte der Spuk 2027 schon vorbei sein,verfügt die Vollversammlung der Vereinten Nationen, dass der Satz „Believe me!“ nie wieder gesagt werden darf.

Wenn im Frühjahr 2017 amerikanische Ermittlungen gegen die Deutsche Bank eingestellt worden sind, wird die Lage wirklich ernst.

Wenn Snyders Befund zutrifft, wird der Posse Comitatus Act schon 2017 außer Kraft gesetzt.

Auf die Liste der Pflichtlektüre (zu lesen vor dem 20. Januar 2017) gehört der Roman „Ah, Treachery!“ von Ross Thomas. Der Roman schildert mehr oder weniger fiktive Versuche der aus dem Amt scheidenden Bush I.-Administration sowie der bald darauf einziehenden Clinton-Administration, Kompromate zu vernichten. Vielleicht haben wir – mit diesem fiktionalisierten Wissen – eine letzte Hoffnung, dass Loretta Lynch einen Sonderermittler in Gang setzt, der der Welt noch vor dem 20. Januar 2017 einen Präsidenten erspart, dessen mutmaßlicher Außenminister den Russen das Baltikum als Hinterhof von Sankt Petersburg spendiert.

I´m so sorry, guys!

 

One Response to Der nächste Situationismus
  1. Sus scr. Antworten

    Man könnte sich auch an einen Text von Benjamin Barber von vor 20 Jahren erinnern: „Jihad vs. McWorld. How globalism and tribalism are reshaping the world.“
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    Barber sah im „McWorld“ der Großkorporationen und intransparenten globalen Eliten keine geringere Gefahr für die liberale Demokratie als in der tribalistischen, „identitären“ Gegenreaktion.
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    Der vergangene amerikanische Präsidentschaftswahlkampf lässt sich wohl auch so modellieren. Tribalismus vs. Globalismus. Die zwei Seiten der Postdemokratie. Man muss als Demokrat keine der beiden Seiten gegen die andere bevorzugen, tät ich jedenfalls meinen.
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    Für Deutschland und Europa kann man das mit einem weinenden und einem lachenden Auge sehen.
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    So tribalistisches und sonstiges reaktionäres Zeug wird nun sicher auch hierzulande noch mehr salonfähig werden, als es das ohnehin schon ist. Das ein Minus.
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    Von Amerika werden aber, wenn die Anzeichen nicht trügen, weniger Versuche zur Errichtung einer monopolaren globalen Ordnung ausgehen. Unser Verhältnis u.a. zu Russland sollte sich damit hoffentlich künftig einfacher gestalten, wenn die antirussischen Falken in D und EU nicht selbstverständlich auf transatlantische Rückendeckung hoffen können. Das vielleicht ein Plus.

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