© Gerard van Smirren

Merkur

Das lange Schweigen hat sein Ende. Manche Gründe gab es, gute, schlechte. Ein Ergebnis ist anfang März in der von Jo Lendle und Clemens Setz herausgegebenen neuen Ausgabe der akzente zu besichtigen. Darin schreibe ich über das Lebenswerk des japanischen Autors Shozo Numa, den Roman Yapou, menschliches Vieh.

Anlasslos zu schreiben erfordert übrigens auch einen Widerstand gegen Anlässe, zu denen meistens schon mehrfach alles von fast allen gesagt worden zu sein scheint.  Mir geht es eher um Interventionen, die unerwartet, aus einem schrägen Blickwinkel oder als Zwischenruf die eigenen Widerstände gegen das Schreiben durchlässig machen, einer begeisternden Lektüre folgen oder eigene Anlässe herbeiführen.

Seit einiger Zeit beobachte ich mich dabei, mir auf die Finger zu hauen, wenn ein elektrischer Schreibimpuls durchbricht, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Das gilt für unterbliebene Reaktionen auf die Zeitschrift Cicero, ein Magazin (einschließlich seines Ablegers im Netz), das sich dazu entschlossen hat, provokativ seicht im Trüben zu fischen, in wahlverwandtschaftlicher Nähe zu Titeln, die man nicht mal mehr nennen mag. Nur noch krawallgebürstet, in der Syntax verludert, im Denken einer Lagerlogik zugetan, die abstößt. Fast müsste man in Verteidigung ihres Namensgebers eine Titelschutzklage erwägen, um den zweifelhaften Missbrauch Ciceros nicht weiter durchgehen zu lassen. Nur wer wäre dazu klageberechtigt? Vielleicht Winfried Stroh.

Ganz anders geht es mir mit dem Merkur. Gerade rechtzeitig bevor die Februarausgabe erscheint, ein paar Anmerkungen zum Januarheft. Die Zeitschrift hat seit 1947 nun zum dritten Mal ihr Erscheinungsbild überarbeitet. Behutsam, aber auch folgenreich. Der Umschlag besteht nunmehr aus offenporigem Karton, was sich angenehm anfühlt, allerdings in der Tat verletzlich ist. Die Lesbarkeit verdankt sich vor allem der Auswahl der Autoren. manchen von ihnen folge ich nun schon geraume Zeit via Twitter: Dirk Baecker, Günter Hack, Stephan Herczeg.

Von Dirk Baecker der Essay Zur Nullzinspolitik der Notenbanken. An der Schwelle zur nächsten Gesellschaft. Gerade rechtzeitig vor der neu geschürten Hysterie der deutschen Kleinsparer, über die Graf Lambsdorff anlässlich der Währungseinheit im Jahr 1990 mokant bemerkte, er wisse nicht, wie ein deutscher Kleinsparer aus der lichten Höhe von Einmeterdreiundneunzig aussehe. Der Essay hätte nicht besser platziert werden können als in dem Monat, in dem der Generalanwalt am EuGH zu der Frage Stellung nahm, ob die Europäische Zentralbank, wie ihr Präsident angekündigt hatte, Staatsanleihen von Krisenländern kaufen darf, in dem Monat, in dem Mario Draghi das Ankaufprogramm des facto in Gang setzte, und in dem Monat, in dem die griechischen Wähler zum ersten Mal nach Jahrzehnten einer neuen politischen Formation zur Regierungsmacht verhalfen.

Es sind Koinzidenzen, die diesen Beitrag als Gegengift lesenswert machen, wie etwa das Titelblatt der FAZ vom Freitag der vergangenen Woche, auf dem als Aufmacher ein riesenhaft vergrößerter Ausschnitt von Mario Draghis Gesicht unentscheidbar machte, ob für die Auswahl des Bildes Graf Zahl oder Graf Dracula Modell gestanden hatten. Das gilt ebenso für die Reaktionen auf das Gutachten des Generalanwalts wie für die Resonanz auf den Ausgang der griechischen Wahlen.

Was kann noch zu Recht Geltung beanspruchen? In welcher symbolischen Beziehung dazu steht die Geldpolitik, über deren Auswirkungen bis hin zu finanzieller Repression die amerikanischen Autoren schon vor fünf Jahren geschrieben haben, was ihre deutschen Kollegen undenkbar abwegig fanden? Insofern scheint es folgerichtig, über den Bedeutungsverlust des Geldes nachzudenken und der fixen deutschen Inflationsangst (dem blinden Fleck in der Zeitgeschichte: der Brüningschen Deflationspolitik), ihrem Horrorbild der Notenpresse, die unbegrenzte Kopierbarkeit digitaler Produkte entgegenzusetzen. Fälschungssicher ist heute nichts mehr. Kopiersperren werden umgangen.

Den Weg zur nächsten Gesellschaft bahnen neue Verbindungen, die alte Geltungsansprüche aushebeln. Unvorstellbar für den politischen Mainstream in Deutschland, die politische Macht und das Geld einfach so, durch die Kraft eines luziden Gedankens, ins zweite oder dritte Glied zu rücken. Wichtig ist nicht mehr die bilanzielle Übersicht (die Furcht vor der Wertberichtigung), sondern eine Form des Wissens, das sich korrekturbereit zeigt, dazu fähige Gedanken mit den Metaphern der Infektiologie für ansteckend erklärt und so zu der Einsicht gelangt, dass heterogene Sachverhalte wahrscheinlicher werden als einst so ehern unzweideutige Institutionen wie etwa die Deutsche Bundesbank.

Ich lese Baecker aufgrund seiner Metaphern wie einen Ebola-Epidemiologen. Nicht nur die deutsche Geld-Politik steht vor der Frage, wie sie mit neuen Formen politischer Ansteckung umgehen soll, ohne dass dagegen eine taugliche Immunisierung bereitstünde.