Ein Abend in der Villa Heinrich

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Kürzlich trug Sandro Huber, der erste Stipendiat der Klaus und Renate Heinrich-Stiftung, die Ergebnisse seiner Heinrich-Forschung vor. Der Referent hatte drei Monate Gelegenheit, in dem Haus der Heinrichs und ihrem dort konservierten Nachlass sich ein Bild vom Leben und der Arbeit des Stifterehepaares zu machen.

Hubers Leitfrage lautete: Wie kann das Denken Heinrichs fortgeführt werden, ohne es zu musealisieren? Was macht das hinterlassene Werk, nun nach dem Stroemfeld-Konkurs bei ça ira in Freiburg verlegt, auch für die nächste Generation von Geisteswissenschaftlern so interessant? Was macht sein Verständnis der Universität (Heinrich gehörte als Student 1947 zu den Gründern der Freien Universität Berlin) so fruchtbar, besonders für die Geisteswissenschaften?

Seinen Ausgangspunkt findet Huber in der Materialität von Buch, Bild und Raum. Den eigenen Akzent setzt er in kritischer Distanz zu den Formen akademischer Erinnerungskultur. Archive, Museen und Sammlungen erfüllen die Funktion der Bewahrung, aber neigen dazu, ihre Gegenstände stillzustellen. Dem Stifterehepaar aber war nicht daran gelegen, dass sich eine metaphorische Grabplatte über ihr Werk und sein Nachleben legt. Akademische Routinen sind Rituale des Betriebs. Ihre Formate (Dissertationen, Monographien und Tagungen) reproduzieren und umkreisen den Gegenstand, ohne ihn den Zumutungen der Gegenwart auszusetzen. Sind die Fragen Klaus Heinrichs an die Welt, in der er forschte und lehrte, mit seinem Tode verstummt oder wie ließen sie sich weiterführen?

Der Bruch mit der Universität Unter den Linden wurde unvermeidlich, nachdem der Theaterregisseur Jürgen Fehling am Hebbel-Theater Jean-Paul Sartres Stück „Die Fliegen“ inszeniert hatte. Die Studierenden der Friedrich-Wilhelms-Universität verstanden die Inszenierung und die von ihr ausgehende Provokation als Herausforderung, das Statut der Besatzung als Freiheitshindernis zu verstehen. Als nach ihren „Rädelsführern“ mit Haftbefehl gefahndet wurde, war es so weit, im Westen der besetzten Stadt eine wahrhaft freie Universität zu gründen.

Mit ihrer Gründung galt es, der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben. Besonders anschaulich manifestierte sich dieses Ziel im Institut für Religionswissenschaft. Es war als Erfahrungszusammenhang konzipiert. Kunstwerke, Faksimiles, Fotografien und Bücher bildeten ein Ensemble, das historische Gleichzeitigkeit erfahrbar machte. Die bewusste Anordnung der Bibliothek – nicht alphabetisch, sondern nach Geburtsdaten der Autoren – zielte darauf, Zeitgenossenschaft und Traditionslinien anders sicht- und interpretierbar zu machen. Universität galt nicht als funktionale Organisation, sondern als ästhetisch-intellektueller Erfahrungsraum. Wissenschaft sei untrennbar mit Wahrnehmung, Anschauung und historischer Reflexion verbunden. Erklingt in dieser Erinnerung ein Weckruf an die Universitäten unserer Zeit? Darf oder muss er verstanden werden? Utopie ist zumutbar, das ist kein Werbeslogan, sondern die Herausforderung, vor die der Heinrich-Nachlass die academia unserer Zeit stellt.

Mit einem Abstand von über 40 Jahren stellt Klaus Heinrichs Vorlesung über Lukrez (De rerum natura) aus den 80er Jahren seine Nachwelt vor die Herausforderung, den Verlust an Erfahrungsdichte durch Digitalisate kritisch zu reflektieren. Lukrez´ Wahrnehmungshäutchen galten für Heinrich als Grundlage einer sozusagen ophtalmologischen sehen machenden Philologie, den Dingen begrifflich mit differenziertem Besteck nahe zu kommen. Digitale Surrogate lassen sich als Verlust an Erfahrungsdichte verstehen. In den Digitalisaten löst sich das Denken von seinen Gegenständen. Das ist keine Nostalgie oder Maschinenstürmerei, sondern eine freundliche Einladung darüber nachzudenken, wie intellektuelle Erfahrungsintensität ersetzen oder kompensieren kann, was in Digitalisaten zu verschwinden droht.

Wer darin nur eine betrübliche, aber hinnehmbare Nostalgie sieht, geht in das beträchtliche Risiko, dass wesentliche Elemente geisteswissenschaftlicher Erfahrung von den Körpern ihres Wissens abgetrennt werden. In Anlehnung an Jakob von Uexküll wäre handwerklich von „Merkzeugen“ zu sprechen: so lassen sich Gegenstände als Speicher historischer Erfahrung begreifen. Der 17jährige Flakhelfer Heinrich entging wegen „Wehrkraftzersetzung“ der NS-Justiz nur um Haaresbreite und ließ es sich nicht nehmen, nach dem Ende des NS-Regimes jedes Hakenkreuz in seinem Wehrpass durchzustreichen.

Nun liegt in der Villa Heinrich der riesige Nachlass des Stifterehepaares. Sandro Huber, ihr erster Stipendiat, lädt dazu ein, das Gehäuse und seinen Inhalt als Ort einer universitas invisibilis zu verstehen, einer unsichtbaren Universität jenseits institutioneller Bürokratie. Sie wäre kein Museum, sondern ein Raum für ein Weiterarbeiten, in dem ästhetische Erfahrung, historische Reflexion und intellektuelle Selbstprüfung zusammenfinden, ohne zu musealisieren.

Die Distanz zu den Formaten der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften ließe sich daher als genuine Herausforderung verstehen, wie deren Potentiale mit einer Kultur der Aufmerksamkeit und der Erfahrung verbunden werden können. Das wäre keine Konservierung oder gar ein Restaurationsprojekt, sondern böte die Chance, Heinrichs Denken – Wissenschaft als Ort gesellschaftlicher Selbstaufklärung – unter veränderten Bedingungen fortzusetzen.

PS: Gestern erschien auf der Seite Geisteswissenschaften der FAZ ein Bericht von mir über den Abend. Für diesen Blogeintrag nutzte ich die Freiheit, dem Bericht über den Abend mehr Raum zu verschaffen.