© Gerard van Smirren

Liebeserklärung aus dem Archiv

Den Anlass zum Griff ins Archiv gab ein Hinweis Goncourts. Das Feature ist noch bis zum 18. Februar in der Mediathek zu sehen.

Das Dokument umfasst drei leicht vergilbte Seiten. Ausweislich des Briefkopfes wurde es am 15. Oktober 1980 verfasst. Das Briefpapier gibt als Absender die rosa Winkel Verlags- und Versand GmbH an. Das Dokument scheint schlecht archiviert. Gelocht, maschinengeschrieben mit zahlreichen handschriftlich korrigierten Fehlern. Da es erkennbar mit einer kraftvoll durchschlagenden Schreibmaschine geschrieben worden sein muss, besteht Grund zu der Annahme, dass es sich bei diesem Brief an Ronald M. Schernikau um das offenbar nie abgesandte Original des Briefs handelt. Wäre der Brief abgeschickt worden, befände sich an der Stelle in der Akte nur die verblasste Kopie des Durchschlagpapiers. Die handschriftliche Aufforderung „bitte zurück!“ dokumentiert, dass der Brief – wem auch immer! – leihweise überlassen wurde.

Der Wortlaut erweckt den Eindruck, als sei der Brief in rasender Eile verfasst worden. Die Syntax ist verworren (nicht fehlerhaft), wirkt etwas überbordend,  eruptiv, kontrastiert mit anderen Passagen, die eher bürokratisch, wie ein juristischer Vorhalt verfasst klingen. In dem Verfasser muss sich etwas angestaut haben, ohne dass er – jenseits der vorgebrachten Argumente – selbst im Bilde darüber gewesen sein dürfte, was ihn tatsächlich dazu bewogen hatte, den Brief zu verfassen und sodann ihn nie abzuschicken. Als Dokument bezeugt der Brief den Akt einer Selbstzensur, den Versuch einer Affektkontrolle. Der Versuch ist gescheitert. Läsen wir den Brief in ähnlich rasender Eile, wie er verfasst worden ist, fiele uns nur der Suada-Sound auf, infolge des Sounds und der verstiegenen Syntax legten wir ihn vermutlich etwas angewidert beiseite und er wäre schon bald wieder vergessen.

Fast 35 Jahre, nachdem ich diesen Brief geschrieben und nie abgesandt hatte, lese ich ihn wieder und erkenne im Sound und Vortrieb den Versuch einer Liebeserklärung, die so erfolgreich verdrängt worden sein muss, dass sie erst auf dem Umweg der erneuten Lektüre endlich ins eigene Bewusstsein gelangt.

Ich weiß natürlich noch (oder glaube es zu wissen), was den Anstoß gegeben hat, den Brief zu schreiben. Es war nicht der Besuch Ronalds auf unserem Verlagsstand, auch nicht der rasende Zorn, die verlegerische Kränkung darüber, dass nicht wir Ronalds Buch „kleinstadtnovelle“ verlegt hatten, sondern Rotbuch. Tatsächlich war es der Zorn über Ronalds Auftritt in der Talkshow Club 2 des Österreichischen Fernsehens, der Zorn darüber, dass die kommunistische Tunte es nicht vermocht hatte, dem apodiktischen Satz Armin Mohlers „Es gibt nichts Neurotisierenderes als die Idee der Gleichheit“ so zu antworten, wie es dieser Satz verdient hätte: schwesterlich auf die namenlose Angst eines 40 Jahre älteren Zwillings vor dem großen Gleichmacher einzugehen. Mein Zorn rührte auch daher, dass ich nur wenige Monate vorher den Zürcher Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler kennengelernt und infolge dieser Begegnung einen Kubikmeter Psychoanalyse mir einverleibt hatte, was mir erkennbar, jedenfalls damals noch, nicht gut getan hat.

Der erste Absatz erinnert an Ödön von Horváths drohendes „meiner Liebe entkommst du nicht“: Ich drohe mit „einer Auseinandersetzung, von der ich mir im Moment noch sehr viel verspreche“. In dem „Moment noch“ das „verweile doch“ als Echo des Affekts und seiner unzureichenden Unterdrückung, als Sehnsuchtsschrei nach dem Zusammensetzen.

Die folgende Passage des Briefs ist urkomisch. Ich war offenkundig unendlich erbost darüber, dass Ronald beim Besuch unseres Verlagsstands mit einem Rollgriff die Neuerscheinungen des Herbsts 1980 mitnehmen wollte (Walter Foelskes „Anatomie eines Gettos“ und die aus dem Französischen übersetzten Essays „Drei Milliarden Perverse“). Ihm lag die Welt zu Füßen. Die Diva nahm mit, was immer sie verlockte. Sein „versprichst du mir das“ eine kaum maskierte Anmache, bis dass der Tod uns scheide! Der Versuch, der Erregung nicht zu erliegen, atmet die steilste Vertikalspannung meines Lebens. Ach, wäre ich doch an diesem Tag der Hippie gewesen, der ich noch im Sommer 1980 gewesen war! Aber in diesem Sommer kamen die langen Haare ab und ich wurde ein Punk, introvertiert in ein nicht endendes postadoleszentes Cocooning verstrickt, eine Sprechmaschine, die um sich herum ihre Unsicherheitszone markierte, ein Schreckensmännchen.

 

Hier das Dokument aus dem Archiv und zwei Bilder:

brief an rms seite 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

brief an rms seite 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

brief an rms seite 3

hippie sommer1980

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