© Gerard van Smirren

Distanz als Lernprozess

Ein Gastbeitrag von Tilo Jung

Der Titel dieses Blogeintrags verwundert, wenn man „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“ kennt. In meiner Rolle spiele ich einen jungen Journalisten, der einen Journalisten spielt. Das versteht nicht jeder. Das könnte mir egal sein, wenn mir nicht in jüngster Zeit Vorwürfe gemacht worden wären, die ich so nicht stehen lassen kann. Was die Gäste meiner Show sagen und wie sie dazu kommen, etwas zu sagen, das macht meine Rolle so spannend und das ermöglicht erstaunliche Augenblicke der Wahrheit. Es erfordert von mir ein spielerisches Verhalten, das mit dem, was ich selbst für politisch richtig oder falsch halte, nichts zu tun hat.

In den letzten Tagen hat ein Gesprächsgast auf seinem eigenen Blog einige Aussagen veröffentlicht, die mich zum ersten Mal als Macher von Jung & Naiv dazu veranlassen, mich zu distanzieren. Ich habe auf meiner Israel- und Palästina-Reise unter anderem auch mit Martin Lejeune gesprochen. Mich interessierte Mehreres: Was für Erfahrungen hat er als Journalist in Gaza gemacht? Wie beschreibt er seine eigene Rolle als Journalist auf einem Kriegsschauplatz? Wie publiziert er seine Beiträge? Welche Resonanz erzielen sie? Welche Folgen hat das für sein Rollenverständnis?

Seine Behauptung, er sei der einzige deutsche Journalist, der während der israelischen Bombardierungen im Gazastreifen gewesen ist, hat sich als unzutreffend erwiesen. Auch andere deutsche Journalisten waren zumindest für ein paar Tage während der Bombardierungen vor Ort. Unser besonderes Interesse an Lejeune weckte ein Interview von ihm, das er BBC World gegeben hat. Seither hat er in seinem eigenen Blog mehrere Einträge veröffentlicht, die nach meinem Verständnis mit dem professionellen Rollenverständnis eines Journalisten nicht zu vereinbaren sind. Aus einem Beobachter hat er sich offenbar in einen Parteigänger der Hamas verwandelt. Er berichtet nicht mehr unabhängig, lässt journalistische Ethik vermissen und scheint sich stattdessen instrumentalisieren zu lassen.

Für Jung & Naiv habe ich in drei Wochen 23 Folgen in Israel und Palästina produziert. Wir haben viele Stimmen und Positionen zum Konflikt hörbar gemacht, die ein anderes Bild davon vermitteln, worum es in dem Krieg tatsächlich geht. Diesen journalistischen Ertrag will ich durch Martin Lejeune nicht kompromittieren. Ich lasse die Folge mit ihm in meinem YouTube-Kanal stehen. Aber ich mache auch hiermit klar, dass ich seine Positionen nicht teile und seine neuesten Veröffentlichungen furchtbar finde.