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Weltscherz: @NeinQuarterly im Gespräch

Am 18. März redete ich mit @NeinQuarterly [1] im Roten Salon der Volksbühne. Anlass war die Premiere des E-Books “Über 140 Zeichen [2]“, herausgegeben von Stephan Porombka [3] im Frohmann Verlag.

Vier Tage vor dem Abend im Roten Salon hatten wir während Tilo Jungs Gespräch mit @NeinQuarterly im Schulhof der Joan Miró Schule gesessen. Sie hieß zu Walter Benjamins Zeiten Kaiser Friedrich Schule. Wir saßen auf einer Wippeninsel mit kleinen Affenskulpturen. Im Hintergrund sah ich in die Turnhalle. Von ihrer sehr hohen Decke hingen Kletterseile. Sie bewegten sich. Es gab offenbar Sportunterricht. Ein paar Schüler, für mich unsichtbar, hingen in den Seilen und ich überließ mich der Phantasie, dass der kleine Benjamin an diesem letzten sonnigen, aber so kalten Nachmittag des Vorfrühlings da drinnen heimlich hin und her schwang, unbeobachtet von der Geschichte, die auf ihn wartete.

Vielen Dank an Alexander Theiler [4] für Aufnahme und Schnitt. (Der Ton wird nach drei Minuten besser.)

10 Kommentare (Öffnen | Schließen)

10 Kommentare Empfänger "Weltscherz: @NeinQuarterly im Gespräch"

#1 Kommentar von Jochen Venus am 25. März 2014 @ 20:39

Ich habe mir jetzt die ersten zehn, zwölf Minuten angeschaut. Mehr schaffe ich gerade nicht. Sondern muss das wegen einer diffusen Fremdscham abbrechen.

Da ist einerseits die Ebene der Texte, die ‘man’ gelesen hat, von Karacauer bis Heinrich ff.

Andererseits die Ebene der Selbstvermarktungsreflexion: Wir sind – bestenfalls – Marken.

Das passt auf eine Weise zusammen, die weder Du noch Eric in diesem Moment realisieren. – Aber gut, ich habe noch nicht alles gesehen.

Super Stoff, jedenfalls!

(Und mein Unbehagen ist immer fitty-fitty pro domo)

#2 Kommentar von Hans Hütt am 25. März 2014 @ 20:46

Eric kriegt die Kurve weg von der Insinuation des Markenbegriffs, indem er von der Kraft der no name Marke ja im Land der kritischen Theorie spricht. Die Unvereinnahmbarkeit ist ausdrücklicher Bezugspunkt des Gesprächs. Sieh weiter!

#3 Kommentar von Jochen Venus am 25. März 2014 @ 21:00

ja, mache ich. Morgen. Wie gesagt, super Stoff. “Was war es, was wir wissen wollten?” – Darüber können nur Abbrecher Auskunft geben. Die müssen das dann aber auch tun.

#4 Kommentar von Jochen Venus am 26. März 2014 @ 9:19

Eric Jarosinski wehrt sich ja im Verlauf des Gesprächs immer deutlicher gegen Deine Interpretationen (“Hans!”). Da liegt er, glaube ich, insofern richtig, als ein Tweet eben kein wirklich stabiles Argument mitteilen kann, wie Du das insinuierst. Die überquellende Sinnfülle, die Du z.B. in dem Gottestod-Tweet erkennst, ist eben auch eine Sinnarmut, ein Mangel an manifester Bedeutung. Das kann man dann natürlich als ein Sprungbrett für hermeneutische Salti und Schrauben benutzen. Nur tut das eben in Wirklichkeit keiner. Tweets funktionieren wie ein geistiges Mundspray. Man gibt sich und anderen einen Frischekick.

Andererseits bringt Dein Versuch, Neinquarterly auf einer Ebene mit den Heroen der Kritischen Theorie zu verhandeln, die Differenz zwischen der Kritischen Theorie und ihrer Verballhornung durch Neinquarterly erst richtig zur Geltung. Und zwar in dem körperlichen Unwohlsein, das diese Gleichsetzung bei Eric ganz offenkundig auslöst.

Neinquarterly hat mit Kritischer Theorie ungefähr soviel zu tun wie die Prosa Borges’ mit den Problemen der Metaphysik. Die Referenzen werden jeweils so aufgerufen, dass man sich als Leser in dem falschen Bewusstsein aalen kann, etwas verstanden zu haben. Aber in Wirklichkeit hat man sich nur durch die Anspielungskompetenz eines Autors unterhalten lassen.

#5 Kommentar von Hans Hütt am 26. März 2014 @ 9:43

In meiner Interpretation des Twitterns geht es ausdrücklich nicht um dingfest gemachte manifeste Bedeutung, sondern das Spielen mit Latenz, das Andeuten, die Dialektik des ungesagt Mitgesagten. Im Tweet “I´d link to think that God died an unbeliever” schwingt auch die Idee mit, was davon zu halten wäre, wenn Gott gläubig gestorben wäre. In dem Tweet ist die Idee, Gott sei tot, so was wie die Capote im Stierkampf, eine Andeutung, eine Täuschung, die den Stier in Bewegung setzt, die Gläubigen auf die Palme bringt. Erst die Langzeitwirkung der Latenz eines Tweets (der ungläubig lebende Gott, der gläubig gestorbene) entfaltet ihren besonderen Reiz.

Langer Abgang. Sozusagen.

#6 Kommentar von Jochen Venus am 26. März 2014 @ 17:16

Das Spielen mit Latenz, von dem Du sprichst, lässt sich aber so und so sehen. Wenn Du Erics Rendezvous mit dem westlichen Machtzentrum auf Herbert Marcuses Arbeit beim OSS beziehst, dann spielst Du in der Tat eine Latenz aus und erzielst einen Verblüffungseffekt. Das lockert die Bewusstseinskräfte und schickt die Phantasie auf Reisen. Sehr schön. Und ganz in der Tradition einer poststrukturalistischen ‘intertextuellen’ Realitäts-‘Lektüre’.

Ich glaube, dieses interpretative Spiel mit Latenzen (so sinnvoll es ist, um schwache Beziehungen sehen zu lernen) sollte seine Grenzen reflektieren und wieder mehr ernsthafte Faktizität ‘ins Spiel’ bringen.

Die gegenwartsdiagnostische Twitterei ist keine Wiederauferstehung der klassisch-modernen Intellektualität im digitalen Zeitalter. Jedenfalls nicht in der politischen Dimension, für die Namen wie Sartre, Marcuse, Chomsky u.a. stehen.

#7 Kommentar von Hans Hütt am 26. März 2014 @ 21:42

JV
Ernsthafte Faktizität gibts auch ohne mich mehr als genug. An dem Abend habe ich ja vorgerechnet, was das ewige Aufschieben des Werks bedeutet: NeinQuarterlys Tweets ergeben auf Normmanuskriptseiten umgerechnet ein Brikett mit 2.400 Seiten.

Die Kehrseite ewiger Prokrastination mit instant gratification: ohne Sublimation durch ein Werk ist nix los. E=mc² könntest Du auch als Tweet betrachten.

#8 Kommentar von Jochen Venus am 27. März 2014 @ 10:22

“Ernsthafte Faktizität gibts auch ohne mich mehr als genug.”

Das ist auch immer Thomas Gottschalks Argument gewesen 😉

“NeinQuarterlys Tweets ergeben auf Normmanuskriptseiten umgerechnet ein Brikett mit 2.400 Seiten.”

Mit geschätzt 2100 Seiten Redundanz.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bewundere seine Aphoristik sehr. Aber es ist und bleibt Aphoristik. Die ästhetische Kraft eines Romans, einer Symphonie oder einer Theorie ist nicht die Summe ihrer ‘schönen Stellen’.

#9 Kommentar von Hans Hütt am 27. März 2014 @ 10:39

Naja, Gottschalks Welt (und die von Mario Barth) gehören trotz des tu quoques nicht zu meiner.

Die schönsten Stellen werden schal, wenn sie aus ihren Kontexten verschwinden. Und darin liegt NeinQuarterlys Schwäche & Stärke zugleich. Twitter als Abwurfstelle für Aphorismen hieße, die Interdependenz dessen zu unterschätzen, was da geschehen kann. Surreale Referenzialität, sozusagen. Du merkst das sofort bei Leuten, die nur Katzengoldaphos klöppeln, tödliche Langeweile die unmittelbare Folge.

#10 Kommentar von ruby am 27. März 2014 @ 19:42

Ihr wisst wie die Verschachtelung endet:

a
b
c
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