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We Are Not Quitters

Das politische Protokoll sieht eine Rede zur Lage der Nation nicht vor. Fällig wäre sie erst nächstes Jahr. Der community organizer in chief nutzte dennoch die Gelegenheit, über den Zustand und die Perspektiven seines Landes zu reden. Wann wenn nicht jetzt?

Die Syntax, die Worte, ihre Intonation, die Argumente folgen der Logik einer klassischen großen politischen Rede. Unpolitische Philologen könnten einwenden, dass Obama auf zu viele Details eingeht, als eine wirklich große Rede zuließe. Das Gegenteil ist der Fall. In den letzten Tagen hat Bill Clinton es für nötig gehalten, seinen Nachnachfolger zu belehren. Er solle das Land nicht herunter reden, sondern erheben. Obama tat gut daran, nicht darauf zu hören.

Der Bauplan dieser Rede ist nicht weniger als die Wiedergeburt der Gegenwart als politischen Handlungsraums. Ohne göttliche Empfängnis. Ohne Beschwörung der Geister. Ohne den in der amerikanischen oratorischen Tradition oft so unerträglichen Predigerton. Mit unverstelltem Blick auf die Trümmer, die beiseite geräumt werden müssen. Mit normativer Strenge die Fehler der letzten Jahrzehnte benennend.

Das alles ohne Rechthaberei, ohne parteipolitische Winkelzüge, ohne eine Sekunde zu vergessen, dass nur gemeinsame Tatkraft den Weg aus der Misere bahnt – als Appell an seine Zuhörer, die beiden Häuser des Kongresses, die politische Öffentlichkeit des Landes.

Wir können die vor uns liegenden Aufgaben lösen. Dafür brauchen wir einen anderen Blick, müssen wir verstehen, welche Folgen eine Politik hat, die nur kurzfristige Ziele verfolgt. Nicht Angst essen Seele auf. Zu kurzer Atem frisst Zukunft.

“Der Tag der Abrechnung ist da.” Das ist der eine der beiden Predigersätze in dieser Rede.

Den anderen zitiert Obama aus einem Brief von Ty´ Sheoma Bettea (gestern saß sie an der Seite von FLOTUS) aus Dillon, South Carolina, die an den Kongress geschrieben hat, wie es in ihrer Schule aussieht. Verheerend. Zum Davonlaufen. Ihr Brief aber endet mit dem Satz: We are not quitters.

Zu Recht beschwört Obama mit diesem Zitat die Inspiration, die Tatkraft und Entschlossenheit der Amerikaner. Keine noch so polierte politische Phrase hätte besser auf den Punkt bringen können, worum es geht. In diesem Satz berührt uns der Atem der Geschichte, ja, wächst das Rettende auch.

In der deutschen Politischen Theologie des letzten Jahrhunderts gab es zwei Denker, die über den Katechon, den Aufhalter des Untergangs, nachgedacht haben, Carl Schmitt und Dietrich Bonhoeffer.

An gedanklicher Tiefe fehlt es hier nicht. Leider aber an der Bereitschaft, den Ernst der Lage politisch deutlich zu machen.