- anlasslos.de - https://www.anlasslos.de -

Small Town Boy

Am Morgen haust du ab
Mit allem was du hast
In einem kleinen schwarzen Koffer
Stehst auf dem Bahnsteig
Wind und Regen
Auf dem traurigen verlorenen Gesicht.

Mutter wird nie verstehen
Warum du gehen musstest
Die Antworten, nach denen du suchst
Sind nicht zuhause zu finden.
Die Liebe die du brauchst
Gibt es zuhause nicht. Nie.

//Lauf weg, hau ab//

Rumgeschubst und getreten
Immer so ein Verlorener
Warst du der
Über den sie tuschelten
Wie sie dich herabsetzten.

Wie hart sie auch versuchten
Dich zu verletzen, bis du weintest
Schriest du nicht zurück
Nur zu dir selbst.
Nur zu dir selbst.

//Lauf weg, hau ab//

Cry, boy, cry.

Am Morgen haust du ab
Mit allem was du hast
In einem kleinen schwarzen Koffer
Stehst auf dem Bahnsteig
Wind und Regen
Auf dem traurigen verlorenen Gesicht.

//Lauf weg, hau ab//

Ihr kennt das Lied von Jimmy Somerville [1].

Was passiert in Falk Richters Stück [2]? Reicht es aus, es unter der Rubrik “Homophobie” zu vergrieneisen? Die Kritiker machen es sich zu einfach, wenn sie das Stück als sozial- oder postrealistisches Theater kategorisieren. Was irritiert sie so?

Der Auftakt scheint zu bekannt, um noch als Szene durchzugehen. Es ist eher eine Post-Ur-Szene, ein Versagen der Sprache gegenüber einem Symptom, das sich verselbständigt hat. Sucht die schnelle Suche nach Lust nach Worten? Das nun gerade nicht. Die Sprache bleibt inkongruent zum Akt, trivialisiert die Lust, bauscht die schnelle Nummer in etwas fragil-bezweifelbar Grandioses auf. Die Autosuggestion bezeugt einen nicht auf seine Kosten kommenden Narziss als enttäuschten Voyeur seiner selbst. Das Spiegelbild bringts ihm nicht mehr.

Warum wirkt es so trivial, für das Verlangen nach Worten zu suchen? Nach Vollzug vergreist. Ok, legen wir Prosa und Poesie des Verlangens beiseite, an diesem Tage lasen sie nicht weiter usw. Das Verlangen gewinnt unter dem Druck des Sexualkapitalismus etwas Ikonoclustriges. Immer funkt ein Bild dazwischen, das noch grandioser scheint als das, was gerade der Fall ist. Auch der Regenbogen nur noch ein Abklatsch.

Die Sehnsucht (als triviale Maske des Wiederholungszwangs) erzwingt eine performative Kraft, der keiner genügt. Was passiert, wenn die Suche nach Glück ihr Ziel aus den Augen verliert? Was passiert, wenn sie sich verselbständigt? Wenn du Untertitel und Regieanweisungen auf den Film projizierst, in dem du dich beobachtest, weil dir das, was du gerade erlebst, nicht grandios genug erscheint?

Was erzählt dieser Auftakt über eine Welt, in der Suchanzeigen nach dem nächsten Glück mit Sätzen enden wie „Tunten, Rechtswichser, Linkshänder, Brillenträger, Opas, Bären, Kleine, Große, Kiwi-Esser und Abba-Fans zwecklos?“ Was entziffern wir in der Aufzählung dessen, wonach wir nicht suchen? Die Suche sucht die Suche. Sie verselbständigt sich in ein monströses Symptom. So geht die Chose los.

Es folgt ein Zwischenakt über das kleine Glück, den dreckigen Spatz in der Hand. Die Welt verwandelt sich in eine schräge Drehscheibe. Das normgerecht inszenierte kleine Glück erzählt von der vergeblichen Sehnsucht nach Gleichheit. Jede Differenz wirkt unerträglich. Mich erinnert die Szene an Bernard-Marie Koltès [3]´Stück “In der Einsamkeit der Baumwollfelder”, an Patrice Chéreaus und Hervé Guiberts Film “L´Homme blessé [4]“, an das röhrende Saxophon Alber Aylers über einer schwülen Sommernacht in der Banlieue.

Social Media grundieren die Lage wie eine Rhythmusmaschine (Falk Richters Lotte-Kotte-Augenblick [5]), wie die unentwegte Replikation der Suche nach der Suche, instant gratification garantiert. Deadlines (als Ersatz für den verwaisten Werkbegriff) verwandeln sich in Straßensperren deiner Traumpfade. Das kleine Aufwachen hütet den tiefen Schlaf, bewahrt vor der Einsicht, was tatsächlich Autonomie [6] bedrängt. Die Suche nach dem richtigen Leben arrangiert sich irgendwie. Warum tut Liebe so weh? Welche vertraglich nicht festgehaltenen Nebenabsprachen funken dazwischen? Was erzählt die Postadoleszenz greiser Boys, die nach strengen jungen Daddies suchen? Das beschreibt die Lage. Sie schreit nach Rebellion. Wenn nur andere den Kopf dafür hinhielten!

Pier Paolo Pasolini am Horizont, seine Freibeuterschriften, seine Warnungen vor dem Konsumismus. Die erneut idolisierten 60er und 70er Jahre wirken wie ein höhnisches Echo aus der Vergangenheit auf das, was heute der Fall ist. Vollendete Gegenwart, unentfliehbares Perfekt. Warum auch schwule Kritiker nur von Homophobie schwafeln? Weil sie diesen Blick auf die eigene Lage sogleich verdrängt haben.

Die Kartographie der Lage zeichnet sich auch dadurch aus, dass feine Unterschiede (Bourdieu) ins Kraut schießen, emblematisch wie Katzengoldvermögen in Szene gesetzt werden müssen: als Sehnsucht danach, feine Unterschiede aufzubauschen, weil die groben so unaushaltbar scheinen. Dachstühle, Tauchen hier, morgen da, Fischessen bei Jens Spahn oder David Berger: Indizien für eine schöne heile Welt, deren Bewohner, mangels tatsächlicher Autonomie, wie die fremde Besatzung des eigenen Lebensraums wirken. Du bist Alien in deinem eigenen Wohnzimmer. Merkst du was? Der Rückbezug auf eine conditio humana, die vielen Gemeinsamkeiten auf dem bedrohten Planeten, wirkt wie eine Schutzbehauptung im Kontrast zu der Zumutung, Unterschiede ins Auge zu fassen, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Die Kritik an der Homophobie der anderen wird so plötzlich als Denkfaulheit gegenüber den Nötigungen der eigenen Lage lesbar.

Richter hält mit diesen Passagen des Stücks eine paulinische Predigt. Kehrt um! Haltet ein! Oder lernt wenigstens, mit den Augen zu hören, wenns die Ohren nicht mehr vermögen. Das Leben der Anderen schnurrt zu einer unablässig dem Vergleich unterworfenen Großübung zusammen. Aber erinnert Euch an das Lied, an den Titel des Stücks: Small Town Boy. Es gibt kein Entkommen. Die kleine Stadt, der du eben erst entkommen bist, trägst du in dir selbst. Mach dich darauf gefasst, dass auch dein nächster Traum in die Binsen geht.

„ich bin irgendwie eingefroren in diesem teenagerkörper der immer älter wird aber sich auf der zeitachse nicht so richtig nach vorne bewegen will“

 

Was meine Generation noch als Utopie-Idee ernst genommen haben mag, verwandelt sich in der konformistischen Konsumgesellschaft in einen „Waswärewenn-Irrealis. Die Wahrnehmung des Anderen regrediert zu einem psychiatrischen Diagnoseschlüssel. Immer wieder funken Traum und Trivialität des Alltags durcheinander. Die Figur des Möchtegerns, das Sichselbsterheben der Erniedrigten, die sich die Position, in der sie sich tatsächlich befinden, nicht eingestehen, sie wirkt auf mich wie eine thick description of a sick condition.

Aber es kommt etwas Neues hinzu: die Omnipräsenz der Pornographie, die einen endlosen Strom von Bildern in den Alltag hineinmorpht, eine Autosuggestion und wie ein höhnisches Echo der instant gratification. Triebaufschub und Sublimation werden utopisch. Die große Freiheit erscheint aus diesem Blickwinkel, inspiriert durch Freud und Canetti, wie der Rückfall in eine nicht mehr endende Barbarei. Etwas Thanatoides gelangt in den Blick, so wie Thomas Pynchon es in Vineland beschrieb, wenn du den geilen Sex erlebst, als wärst Du selbst Jeff Stryker oder Joe Dalessandro, als Replikation des Lebens der Anderen, du agierst als Golem deiner selbst.

In die hermetisch abgedichtet scheinende neue heile Welt wehen manchmal Realpartikel aus dem Anthropozän, ob es der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien oder das Menschenabschlachten in Ruanda oder das nächste Menschenschlachten in der Ukraine ist, tut kaum etwas zur Sache.

Wie sieht es aber tatsächlich aus, wenn der Punkt gekommen ist, an dem deine inneren Widerstände geschliffen sind und du keine Nachrichtensendung mehr sehen kannst, ohne in Weinkrämpfe zu verfallen? Was muss passieren, dass du die Welt wieder wahr-nimmst?

Episoden der Rückkehr in Familienverbände wirken wie einst der Aufbruch von Reisenden in unbekannte Welten: Hic sunt leones! Welche Normen gelten da? Welche Rücksichten? Welche Vorbehalte? Auf welche abgelegten Bilder und Selbstbilder stoßen die Rückreisenden? Was versteht euer wilder Vater nicht, was ihr zu verstehen glaubt? Oder ist das bloß ein Vorwand des nicht Verstehenwollens, des Nichtverstandenwerdenwollens?

Weil diese Konfrontation so unaushaltbar scheint, bricht wieder diese Exotik durch, dieser Eskapismus, diese Maskerade: dass der Jahresabschluss der Buchhaltung, die Schraubenlieferung an den Klempner deines Vertrauens, überkomplex chiffriert wird:

„ich muss jetzt zum Probeshooting“ oder „ich muss doch morgen früh schon mit dem ersten flieger nach wales und araberhengste zureiten.”

 

Solange die Zahlen stimmen, Baby, träum weiter. Aber verlier dich nicht, hör auf damit, die Angebote der Gesellschaft zum Nennwert zu nehmen, lerne endlich, das Zutexten deiner Texte von dem, was sie noch mitteilen, zu unterscheiden.

Baby, es geht um das Teilen, verstehst du? Nicht das like, share or favor der Social Media, deiner Rhythmusmaschine. Liebe ist Utopie. Mit Sex an jeder Ecke kannst du lange danach suchen. Das Leben in den Netzwerken erinnert an die Wahrnehmungshäutchen von Lukrez. Sie verwehen im Netz. Das Sich-Verlieren im virtuellen Raum wird um so dramatischer, je trivialer und selbstverständlicher wir eintauchen. Wir entkörpern uns.

Wie ein Meteorit schlägt die Szene von Murat und Angie im Kanzlerinnenschloss ein. Politisch inkorrekt im Exzess. Nicht zitierfähig in Sprachpolizeikreisen. Monströs. Ehrlich. Sie bringt die rohe unzensierte Seite zahlloser innerer Monologfetzen zu Gehör, utterances, wie sie heute überall simultan ausgestoßen werden, wie sie aus jeder Pore sprießen. Eine emotionale Salve wie Célines emotive Metro, jede Atempause eine synkopierte Ewigkeit, alles muss raus, der Dreck, die Sehnsucht, die Erniedrigung, der Hohn, die Maskerade.

„Und wenn ich um Gnade flehe, beschimpfen Sie mich als billiges deutsches Flittchen und sagen Sie ICH FICK DISCH KRANKENHAUS DU WEISSE DEUTSCHE OBERSCHICHTENSKLAVENFOTZE.“

 

Ihr merkt, was da los ist. Auch sie zeigt, was der Fall ist. Sie zeigt, was den Fall, die Fälle so alles überwuchert, was in den inneren Monologen für Filme abgehen, während wir nach außen scheinbar die Contenance bewahren. Falk Richter demontiert und remontiert, was der Fall ist, was zu Fall kommt. Er surft mit dem Extremsurrealismus.. Der Extremsurrealismus überlässt nichts dem Zufall, nicht alles ist möglich, sondern alles ist wirklich, ob es euch passt oder nicht.

Der „Frühling der Reaktionäre“ ist kein Regelbruch, sondern bringt genau so zu Gehör, was der Fall ist, wie die Bilder aussehen, die uns durch den Kopf schießen, den Subtext, die monströse Wahrheit, die keiner hören will, schon gar nicht leitartikelnde Bratenrockspießer. Das Stück reist mit uns in eine grell beleuchtete ewige Nacht. Wir erkennen uns selbst nur noch in Fragmenten, die anderen aber überlebensgroß. Oder ist es umgekehrt? Nicht mehr das Pathos einer conditio humana, sondern ein politisch im Exzess unkorrekter Blick vom Überwachungsturm auf das, was der Fall ist.

Es wäre völlig absurd, dagegen zu protestieren. Die vielen Stimmen, die Richter hörbar macht, mögen unsere sein oder nicht, es geht nicht um Abstand, die abgefuckte Idee der Distanz. Wer wären wir, wenn wir nach dem monströsen (das heißt: etwas zeigenden) Stück ins Neobiedermeier da draußen zurückkehren und bloß etwas indigniert aus der Wäsche schauen?

Wenn es eine unverfallbare Kraft gibt, dann ist es eine lebensgeschichtlich jedem eingeborene erinnerbare Kraft: Differenzen wahrzunehmen. Wir verkörpern Differenz. Nicht nur in den Augen der anderen, auch in den eigenen wahrnehmenden. Wo diese innere Stimme verstummt, laufen wir wie richtungslos durch die Welt, gehen wir verloren. Sie macht uns kenntlich für uns selbst. Darauf kommt es an. Denn aus dieser Erfahrung nährt sich die Sehnsucht nach Gleichheit.

Wir beglaubigen sie durch jede einzelne Geschichte. Wie aber begegnet die Sehnsucht nach Gleichheit (in Kenntnis der Differenzen, im Lob der Unterschiede) der Angst vor der Gleichheit? In welcher inneren Beziehung stehen die drei großen Ziele der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zu einander? Die Angst vor der Gleichheit bezieht ihre aggressiven Impulse aus verweigerter Freiheit. Denn wenn verkörperte Differenzen, wenn unstillbare Sehnsucht nach Autonomie anderen Angst einflößt, dann liegt das auch daran, dass wir als “Andere” in jedem Augenblick unseres Lebens die Idee der Freiheit verkörpern. Wir haben uns die Freiheit genommen, Differenzen sichtbar zu machen. Wir zeigen, dass Freiheit möglich ist.

Die Angst vor der Gleichheit ist eine Maske. Unter den Massenprotesten in Frankreich wuchs sie wie eine Metastase in Gesichter des Hasses. “Die Maske wächst ins Fleisch und wird Gesicht”, schrieb Thomas Brasch.

Die Differenz zu suchen, zu finden, zu bezeugen und auszuhalten, verstehe ich schließlich als das beste Gegengift gegen das größte Übel unserer Zeit: gegen die Gleichgültigkeit. Wir sind empfindlicher, als wir oft zugeben. Die darin liegende Kraft ist unermesslich.

* Dieser Text ist ein überarbeiteter Abschnitt aus einem Vortrag, den ich Ende Januar auf Einladung von Queer Nations in Berlin hielt.

22 Kommentare (Öffnen | Schließen)

22 Kommentare Empfänger "Small Town Boy"

#1 Kommentar von ruby am 23. März 2014 @ 3:55

benutze aus der englandzeit einen edelstahlteepott mit klappdeckel (1,0 l) wie im video, um frisches kaltes leitungswasser zu trinken
was kostet das glas?
wo es so gut schmeckt
nur wasser und an anderen orten so verschieden, vielfältig
dann das mineralwasser im supermärkten …
[7]
to the front

#2 Kommentar von Soldat Schwejk am 23. März 2014 @ 12:40

Also nach Lesen der “Nachtkritik” sag ich mir doch: Das ist ein Stück, das man nicht gesehen haben muß. Will mich mal als biederer Meier outen. Vor Jahren sah ich mal eine Inszenierung von “Dantons Tod”. Da brüllten und röchelten die Akteure und Aktricen fortwährend im Chor unverständliches Zeug, eimerweise wurde Theaterblut auf die Bühne gekübelt, und Danton entblößte sich. Nein, das war nicht schön: Ich will kein Brüll-, Röchel- und Körperflüssigkeitstheater, in dem die Darsteller ihren Schwanz ins Publikum halten. Auch platte politische Propaganda soll gefälligst draußen bleiben.

Wollen wir dem mal dieses schöne Lied der “Smiths” entgegenstellen, mehr als 25 Jahre alt. Das ist schwul und cool, und man muß es wohl wenigstens zweimal hören, um zu verstehen, wovon eigentlich die Rede ist.

[8]

Irgendwie geht es auch um eine ungewöhnliche ‘physische’ Erfahrung, die aber nur ganz am Rande erwähnt wird… ein grotesker, zynischer Kern in einer fast romantischen Kulisse… “Nothing’s changed, I still love You, only slightly less than I used to…” … Britannia rules! Wahrscheinlich kann so eine unerhörte Geschichte in 3 Minuten nur ein schwuler Brite erzählen, niemand sonst. Aber doch muß man bei solchen Vorleistungen ein Vierteljahrhundert später in Berlin das Differenzbegehren nicht in einem vulgären Brülltheater verwursten.

Was die Sache mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angeht… also da hatte ich ja schon mal den Vorschlag gemacht, die Brüderlichkeit durch Vetterlichkeit zu ersetzen. Wenn der Andere nicht mehr als Bruder, sondern nurmehr als Vetter gesehen werden muß, dann hört vielleicht auch die irgendwie phobische Suche nach kollektiven Identitäten und so Zeugs auf, und mit Freiheit & Gleichheit wird es leichter. Differenz braucht Distanz. In diesem Sinne: Freiheit, Gleichheit, Vetterlichkeit!

#3 Kommentar von Hans Hütt am 23. März 2014 @ 15:00

Schwejk

Ein Lob der Vetterlichkeit (obschon sie in der Ökonomie keinen guten Ruf hat). Das Lied ist sehr schön. Es erinnert mich an einen Silvesterabend in London. Als newbie, der erst vier Monate dort gewohnt hatte, wusste ich nicht, dass es eine sehr schlechte Idee war, an diesem Abend nach Charing Cross zu fahren, denn in London war damals der Silvesterabend ungefähr das gleiche, was in Kreuzberg der erste Mai ist. Schon die Fahrt von Tooting nach Charing Cross hätte mich warnen können. Es gab eine Gruppe von Franzosen, mit denen ich mich frecherweise in ihrer Sprache unterhielt, was einen politisch sehr korrekten Fahrgast dazu animierte, mit einem Feuerlöscher auf uns zu schießen. Damals waren die Franzosen durch die von Chirac wieder aufgenommenen Atombombenversuche in Misskredit gekommen. Ich gab dem Feuerlöscherschützen nicht nach, was ihn so ergrimmte, dass ich von ihm, kaum dass ich in Charing Cross die Ubahn verließ, mit zwei Schlägen und mehreren Tritten zu Boden gestreckt wurde. Das einzige, was mir noch blieb, war, ihm hinterherzubrüllen. Draußen tobte berittene Polizei gegen wilde Demonstranten – und ich machte mich auf die Rückreise von einem der vermeidbarsten Abenteuer meines Lebens.

#4 Kommentar von Soldat Schwejk am 23. März 2014 @ 19:25

Ja, Deine Erinnerung an die spontane Silvester-Prügelei ist so die eine Assoziation, die man bei dem Smiths-Lied haben kann. Aber ich finde, es ist ein doppelbödiges kleines Drama, v.a. wenn man die etwas morbide Hintergründigkeit der Schmitts auf der Rechnung hat.

Es scheint ja nur festzustehen, daß der Erzähler am Freitagabend ein Date verpaßt hat, weil er in Umstände hineingeriet, an deren Ende er sich in der Notaufnahme wiederfand. Aber was genau geschah, und in welcher Reihenfolge, das bleibt doch etwas unklar, und gewisse Widersprüche scheint es in der Geschichte auch zu geben… Und an wen richtet sich eigentlich das “Nothing’s changed…”?

#5 Kommentar von Hans Hütt am 23. März 2014 @ 19:37

Es klingt nach massiver Gewalteinwirkung (gibt ja auch Gewalt gegen Männer in Beziehungen), wobei der anschließende Suff nicht erleichterte. Forensisch könnte man zwei sich überlagernde Stories heraushören. Man kennt solche Geschichten aus der Notaufnahme, sie versuchen, mehr zu verdecken als zu offenbaren. Johnny Esposito (Nickname), der Leiter der Technischen Abteilung beim Bezirksstaatsanwalt in Brooklyn, berichtet in einem Interview von Fällen häuslicher Gewalt, in denen die Polizei die Aufnahmen aus der Webcam beschlagnahmte, die die massive Gewalt dokumentierte, obschon der Schläger bei seiner Version blieb, dass seine Frau unglücklich in seine Faust gefallen sei.

#6 Kommentar von Soldat Schwejk am 23. März 2014 @ 20:29

Naja, man muß ja sehen, wer das singt. Ich denke daran, daß Morrissey auch schon mal über die erotische Anziehungskraft sang, die gewalttätige junge Männer auf ihn ausüben (“Sweet and Tender Hooligan”). Kann man vor dem Hintergrund die Geschichte vielleicht auch so verstehen? Der Erzähler hatte das Date mit einer Sie, ist aber vorher in einer Eifersuchtsszene von seinem männlichen Lover verprügelt worden. Ihr aber erzählt er anschließend dann die Geschichte von einem spontanen heimtückischen Überfall, und daß er dem Tod ins Auge gesehen habe. Und wen von beiden er nun immer noch liebt, nur nicht mehr ganz so sehr wie vorher, das bleibt unklar.

Würde irgendwie zu Morrissey und den “Smiths” passen, finde ich…

#7 Kommentar von Soldat Schwejk am 23. März 2014 @ 20:30

Oh Gott, diese Verschachtelung…

#8 Kommentar von Jochen Venus am 24. März 2014 @ 19:50

@Hans

“das größte Übel unserer Zeit: die Gleichgültigkeit”

Ich glaube, es gibt größere Übel.

Nun könnte man zwar sagen: Würde nicht die Gleichgültigkeit herrschen, würden die anderen Übel nicht bestehen können.

Aber eine übelfreie Welt kann es gar nicht geben (außer in der Imagination von Fundamentalisten).

Daher: Die Gleichgültigkeit ist der Übel größtes nicht.

@Schwejk

Deine Interpretation von ‘Stop me’ überzeugt mich sehr. Und zwar deshalb, weil man den Song, hat man Deine Interpretation nachvollzogen, tatsächlich nicht anders mehr hören kann. Interessantes Phänomen.

Ein anderes gutes Beispiel dafür ist auch “Rose Darling” von Steely Dan, das einen mysteriösen Oberflächentext mit einem umso sarkastischeren Subklartext verbindet:

[9]

#9 Kommentar von Hans Hütt am 24. März 2014 @ 20:27

Jochen

Ich argumentiere zum “größten Übel” nicht in der Haltung von Claudia Roth, sondern beziehe mich eher auf die Schlussbemerkung Helmut Lethens in seinem Buch “Verhaltenslehren der Kälte”. Wir erleben doch gerade in den Maskeraden der Politik die Inversion einer “neuen Sachlichkeit”, die wie ein mimetischer Abwehrreflex gegen die mutmaßlichen Folgen der eigenen Politik hinter der Maske von Technokratie exekutiert wird.

“Zwischen diesen beiden Extremen der Unvernunft findet sich die sichere Mitte der besonnenen Tugend; und sie besteht in einer diskreten Verwegenheit, der das Glück häufig zu Hilfe kommt.”

#10 Kommentar von Jochen Venus am 25. März 2014 @ 2:42

In der Diagnose sind wir uns, glaube ich, einig. Ich glaube allerdings nicht, dass es aus der Politik der Sachzwänge eine Rückkehroption zu einer Politik der Programme gibt. Das Problem scheint mir zu sein, dass eine realistische politisches ‘Vision’ heute um der Gerechtigkeit willen den entwickelten Regionen der Welt massive Verzichtsleistungen abverlangen müsste. Anders gesagt: Die aktuellen und sich in den nächsten Jahren verschärfenden Ressourcenprobleme der Welt sind nicht demokratisch politisierbar. Ich glaube, dass die Alternative zunehmend sein wird: Demokratische Sachzwangkultur vs. Fundamentalismus. – Und aus naheliegenden Gründen halte ich eine verschärfte Kritik unserer Sachzwangkultur für keine so gute Idee…

#11 Kommentar von Soldat Schwejk am 24. März 2014 @ 23:40

@ Morph

Ja nun, Morrisseys dichterisches Schaffen kenne ich ganz gut… hach, was waren das für Zeiten in der Indie-Disco… 🙂 , und die Interpretation hat natürlich so so den ganzen Morrissey im Hinterkopf… Freut mich, daß sie Dir gefällt.

Steely Dan sagt mir weniger. Also so nach Hören des Lied und Blick auf die Lyrics… ich würde spontan sagen, “Snake Mary” ist eine reale Person, von der der Erzähler sich vernachlässigt fühlt. “Rose Darling” dagegen ist entweder eine Imagination, wahrscheinlicher aber eine physisch wirkende Substanz, eine Droge…

#12 Kommentar von Hans Hütt am 24. März 2014 @ 23:49

Jochen & Schwejk

Nun ist ja mit viel Pomp bei kiwi Diederichsens Buch Über Pop-Musik erschienen. Ich will nicht den wiesaussieht-Fehler wiederholen und einen Grieneisen-Lesesaal installieren, aber sobald ich das Buch gelesen habe, möchte ich an dazu geeigneten Beispielen solche Diskussionen fortsetzen und vertiefen.

#13 Kommentar von Jochen Venus am 25. März 2014 @ 2:27

@Schwejk

Einige Steely-Dan-Fans interpretieren ‘Rose Darling’ als einen Song über Masturbation. – Und das ist auch so eine Interpretation, die sich, einmal verstanden, unvermeidlich aufdrängt und ihre Belege organisiert, bis in so entlegene Bereiche, dass der Name ‘Rose Darling’ einerseits auf Nabokovs ‘Lolita’ anspielt (Donald Fagen, der Sänger Steely Dans, ist literarisch ziemlich reflektiert und hat sich als Bewunderer Nabokovs bekannt), andererseits auf die Masturbationstechnik ‘Rosy Palm’.

@Hans

Lese auch gerade Diedrichsen. Wir können demnächst gerne mal eine dialogische Kritik ausprobieren.

#14 Kommentar von Soldat Schwejk am 25. März 2014 @ 22:30

Hm… also das klingt jetzt auch nicht unplausibel… aber so unvermeidlich aufdrängend finde ich es nicht. Allerdings kenne ich Steely Dan kaum und weiß nicht, wie die sonst so drauf sind… vielleicht ist es ja unvermeidlich, wenn man alles von der Band kennt…

Die Drogen-Version wäre ja die freundlichere, während die Masturbations-Version doch schon eine heftige symbolische Aggression gegenüber “Snake Mary” beinhalten würde, oder?

#15 Kommentar von ruby am 25. März 2014 @ 6:23

Was ist alles unter Grieneisen-Lesesaal zu verstehen?
[10]

#16 Kommentar von Hans Hütt am 25. März 2014 @ 8:22

Ein Grieneisen-Lesesaal versargt dich, ohne dass du weißt, wie dir geschieht.

#17 Kommentar von Soldat Schwejk am 26. März 2014 @ 12:18

@ JV

Ach, noch ein Nachtrag…

Was ist denn das eigentlich für eine unsägliche Wortschöpfung… “demokratische Sachzwangkultur”??

“Sachzwangkultur” ist schon schlimm genug… als aufgeklärter Zeitgenosse muß man nicht am Wettbewerb um das blödsinnigste zusammengesetzte Substantiv mit “-kultur” teilnehmen, den offenbar mal jemand ausgerufen hat.

“Demokratische Sachzwangkultur” ist darüber hinaus ein Oxymoron…

Mit fundamentaldemokratischen Grüßen… 🙂

#18 Kommentar von Jochen Venus am 26. März 2014 @ 13:14

@Schwejk

Das Wort ist halt so häßlich wie die Sache, die es bezeichnet. Man kann die natürlich taktvoll übersehen und sich abstrakt zum Ideal umfassender Partizipation bekennen, als wenn kollektiv verbindliches Entscheiden nicht in real begrenzten Aktions- und Reaktionszeiträumen stattfände.

Wenn man derart wegschaut, gerät man in die paradoxe Lage, die wachsende Realpartizipation von Personen und Organisationen an politischen Entscheidungen als ein wachsendes Demokratiedefizit beobachten zu müssen. – Und dann tatsächlich in irgendwelchen politischen Fundamentalismen einen Ausweg zu mehr Demokratie zu sehen.

Solche Spinnereien wie die andernorts propagierte @halbgöttliche ‘Eschte Demokratie’ sind ja kein Zufall.

#19 Kommentar von Soldat Schwejk am 26. März 2014 @ 22:03

@ JV… ich verschachtele mal nicht weiter…

—> “Das Wort ist halt so häßlich wie die Sache, die es bezeichnet.”

Neinnein, falschrum… die Sache ist so häßlich, weil wir sie nicht anders denken als mithilfe solcher Bezeichnungen… Wie Du es bezeichnest (“Sachzwangkultur”), so wird es zwar eher komisch. Man könnte darin eine Satire zum Zwecke der Aufklärung vermuten. Aber daß wir uns kollektive Handlungsoptionen aus der Perspektive der Sachzwang-Denke vorstellen, dadurch kommt überhaupt erst die Häßlichkeit der Sache.

Sachzwang ist ja nichts, was in der Natur vorkommt, sondern das hat sich mal ein Soziologe ausgedacht, der vorher bei den Nazis war und dem das Wortungeheuer vielleicht schon deshalb Erleichterung verschaffte…

Die Sache an sich ist keine Zwangssache, sondern sie wird zu einer solchen erst durch das zwanghafte Denken und Reden vom Sachzwang.

Jedenfalls in sozialen Zusammenhängen ist das so. (Damit mir jetzt niemand mit der Gravitation kommt, mit der an ähnlicher Stelle früher im Osten im Staatsbürgerkundeunterricht argumentiert wurde).

—> “gerät man in die paradoxe Lage, die wachsende Realpartizipation von Personen und Organisationen an politischen Entscheidungen als ein wachsendes Demokratiedefizit beobachten zu müssen.”

Man kann das paradox nennen. Aber das umschreibt nur den einfachen Zusammenhang, daß jede Verbesserung auch dynamisch wirkt und ein Begehren nach noch Besserem bewirkt, vor dem dann das Bestehende als defizitär erscheinen muß. Doch das ist gut so. Ohne das säßen wir noch ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Zeitungen, Internet und ohne soziale und politische Partizipationsrechte in der Vorvormoderne.

#20 Kommentar von Jochen Venus am 27. März 2014 @ 15:15

@Schwejk

Meine Absicht ist nicht, irgendeinen konservativen Institutionalismus à la Gehlen zu verteidigen. Ich habe nur den Eindruck, dass viele Leute, die wütend und frustriert die Kommentarspalten vollschreiben, sich nicht klar genug darüber sind, was Institutionen sind und wie sie funktionieren. Und dass die Einrichtung einer gerechten Gesellschaft nicht lediglich von irgendwelchen schmierig-egoistischen Menschenfeinden oder abstrakten Wertgesetzen verhindert wird, sondern objektiv schwierig ist.

Mir fällt kein überzeugendes Argument ein, warum eine stärkere Bürgerbeteiligung an den kollektiv bindenden Entscheidungen unmittelbar zu BESSEREN (= gerechteren) Entscheidungen führen sollte. Das wäre dann der Fall, wenn es einen Common Ground der Zivilität gäbe.

Ich frage mich angesichts der Interneterfahrungen, die man so machen kann: Was macht die Leute zivil? Was sind die zivilisierenden Mechanismen? Ich glaube, ein entscheidender Faktor ist das Kennenlernen. Und die generalisierte Bereitschaft, Urteile zurückzustellen, bis man den anderen kennengerlernt hat.

Das Internet ist kein guter Ort dafür, da dort eine anfängliche Übernähe die Fremdheitserfahrung unterdrückt, die durch das Kennenlernen aufgehoben werden könnte.

Bin jetzt etwas abgeschwiffen…

#21 Kommentar von Soldat Schwejk am 29. März 2014 @ 0:51

Hm… was macht Leute zivil und was sind die zivilisierenden Mechanismen?

Ich würde ja sagen, der beste zivilisierende Mechanismus ist die Zivilisation. 🙂

Ich weiß nicht, ob man vom gelegentlichen Zustand der Internetkommunikation auf die Realwelt schließen sollte. Die Internetkommunikation fängt so manches auf, was sich in der Realwelt gerade nicht so richtig unterbringen läßt. Angefangen mit den narzißtischen Befindlichkeiten, die wir hier alle mehr oder weniger zur Schau stellen und die sich ganz gut spielerisch verarbeiten lassen… über Aggressionen, bei denen das manchmal schwieriger ist… bis hin zu Zwangsdenken, überwertigen Ideen… also so Sachen, die einem eher bekloppt erscheinen.

Hier im Netz halte ich ein spielerisches Kontingenzbewußtsein ja für DAS Zivilitäts-Kriterium. Manche scheinen sich u.a. deshalb daran zu stören, weil sie das hier irgendwie mit der Vorstufe einer Organisation verwechseln, die kollektive Handlungsfähigkeit erlangen muß. Aber das hier ist keine Organisation und sollte auch keine Organisation zu simulieren versuchen. Es ist auch keine Proto-Organisation wie eine Bürgerbewegung. Weshalb auch, wie gesagt, Rückschlüsse vom Zauberberg hier oben auf das realweltliche Flachland m.E. eher schwierig sind.

Was die Argumente zugunsten von mehr realweltlicher Bürgerbeteiligung angeht… da gibt es ja einige, die andernorts auch schon vorgetragen wurden. Aber das Dir vielleicht am nächsten liegende wäre, daß in einem Repräsentativsystem die Entscheidungen tendenziell nicht einem rationalen Abwägen von Alternativen entspringen, sondern einer engen und selbstbezüglichen Organisationslogik der repräsentativen Organisationen. Und daß deshalb an erkennbar schlechteren Alternativen festgehalten wird oder bessere Alternativen gar nicht erst auf die Agenda gelangen.

#22 Kommentar von ruby am 31. März 2014 @ 0:32

@ Jochen Venus

Orte der Zivilsation

In wiesaussieht hast Du mir einen Ort der Zivilisation bewusst gemacht. Dank dafür.
Es war die Musikklasse im Gymnasium, die durch Lehrer gepusht wurde, aber inzwischen mit Schwerpunkt Theater und neuer Generation der Pädagogen abgelöst wurde.
So ist das diesjährige 30ig jährige Klassentreffen nur noch Nostalgie .
Schade oder einfach nur Weiterententwicklung?