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Die Ikonographie der Schutzweste

Dieses Photo [1] hat über Pfingsten Schlagzeilen gemacht [2]. Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt ist in Kontrolle der Ruder. Seine Gäste sind ihm ausgeliefert [3]. Es sind bisher keine Bilder bekannt geworden, die die Gäste dabei zeigen, wie sie in das Ruderboot gelangt sind. Frau Baumann, wenn nicht die Kanzlerin höchstselbst, wird darauf geachtet haben, dass das Verlassen festen Grundes unbeobachtbar bleibt.

Die Botschaft des Photos ist erstaunlich dicht. Ich brauche mit keiner Zeile auf das PR-Ziel eingehen. Es ist schon in der Sekunde gescheitert, in der die Bootspartie mit stimmungsvollem Phototermin ausgedacht wurde. Wir brauchen deshalb auch nicht auf den vorgeblichen Grund des kleinen schwedischen Gipfels einzugehen. Er wird angesichts dieses Bildes buchstäblich gegenstandslos.

Das Bild des Imbootsitzens gehört zu den abgegriffensten Formeln der politischen Rhetorik. Subtiler wird es dadurch, dass die Gäste der staatlichen Ruderpartie und ihr Bodenpersonal aus den Augen verloren haben, in welcher ikonographischen Tradition das Ineinembootsitzen steht.

Es geht um das Überleben, um Leben und Tod. Auf diesen Sachverhalt lenken uns die Westen des Staatspersonals an Bord. Nur die Kanzlerin hat – Ton in Ton – darauf geachtet, dass die Weste sich in ihr habitualisiertes Gleichgewicht fügt, wenngleich der Farbton zwischen Oliv, Petrol und Schlamm auf einen Jenseits-Zustand verweist, auf das Ziel einer Tarnung, die in dem Augenblick auffliegt, in dem die Inkongruenzen des Bildes in den Blick gelangen. Der Schwede führt die Ruder. Der niederländische und der britische Premier halten sich fest, dummerweise auf der selben Seite, ein seltsames Vorzeichen für den Niedergang ihrer beiden seefahrenden Nationen. Völlig im Gleichgewicht mit sich selbst sitzt nur die Kanzlerin da. Sie wendet das Gesicht zum Photographen-Pulk als dem Stellvertreter der politischen Öffentlichkeit.

Damit kommen wir der Bildergeschichte um einen mächtigen Schritt näher. Leser meiner Blogs kennen den Verweis [4] schon: Klaus Heinrichs Essay über “Das Floß der Medusa”.

Das Bild wurde, wie Heinrich erzählt, eines der Nachkriegs-Wiedererkennensbilder. Es wurde erstmals 1945/46 im Foyer des Admiralspalasts gezeigt. Karl Rössing montiert in den Holzschnitt zwei Géricault-Bilder: den Gardejäger und das Floß der Medusa. Beide Bilder erzählen europäische Grauensgeschichten. In beiden Bildern gelangen das starrende Entsetzen und der rasende Stillstand zu einer Intensität, die jeden Übertragungswiderstand zunichte macht.

Frau Merkel verkörpert in diesem Bild die getarnte Schutzwestenmadonna der nächsten Vorkriegszeit.

Das Floß der Medusa. Holzschnitt unter Verwendung zweier Bilder von Géricault. [5]

Das Floß der Medusa. Holzschnitt unter Verwendung zweier Bilder von Géricault.

20 Kommentare (Öffnen | Schließen)

20 Kommentare Empfänger "Die Ikonographie der Schutzweste"

#1 Kommentar von goncourt am 10. Juni 2014 @ 11:55

Mir fällt noch der Titel «Schiffbruch mit Zuschauer» ein (Blumenberg).

#2 Kommentar von Hans Hütt am 10. Juni 2014 @ 12:04

[6]. “Sie wählten, obwohl überwiegend Landbewohner, Wörter aus dem Bereich der Seefahrt, um die Wechselfälle des Lebens zu bezeichnen. Wörter wie “Steuermann”, “Kommandobrücke”, “Leuchtturm”, “Sturm”, “ruhiger Hafen”, “Windstille” und “Lotse” wurden gewählt für “die Bewegung des Daseins.” Den antiken Skeptikern und Epikureern galt “Windstille” als eine Metapher für eine positiv besetzte Befindlichkeit. (…) Und Lukrez: “Süß ist’s, anderer Not bei tobendem Kampfe der Winde, auf hoch wogigem Meer vom fernen Ufer zu schauen.”

#3 Kommentar von Hans Hütt am 10. Juni 2014 @ 12:14

Und hier noch ein [7]k via [8].

#4 Kommentar von Soldat Schwejk am 10. Juni 2014 @ 15:26

Ja, das mit den Westen ist putzig. Und überhaupt. Anderes Detail: So ein mit vier Personen besetztes schweres Holzboot allein zu rudern, das wäre eine enorme körperliche Anstrengung. Würde er wirklich rudern müssen, der Reinfeld, dann tät er kaum so entspannt ausschauen. Wenn man aber genau hinschaut, dann entdeckt man über dem Sitz von Merkel so die gleichen hölzernen Aufsätze wie beim Reinfeld. Also da wären normalerweise auch noch Dollen angebracht, diese Halterungen für die Ruderriemen.

Es müßten also zwei rudern. Aber Frau Merkel hat es sich wohl verbeten. Cameron kann sich seinen Wählern nicht als jemand zeigen, der die EU voranrudert. Also wäre Rutte gefordert gewesen. Holland ist doch eine Seefahrernation. Aber dann hätten Merkel und Cameron auf entgegengesetzten Seiten des Bootes gesessen… Und ein allein als Gastgeber rudernder Reinfeld geht, während man bei zwei Ruderern und zwei Nichtruderern wohl jeweils allerhand süffisante Kommentare zur Aufgabenverteilung in der EU befürchtet hätte. Oder so.

Zum kunstgeschichtlichen Vorlauf… Aiwasowskij natürlich, der alte Romantiker… Aus Feodosija, Krim.

[9]

#5 Kommentar von Hans Hütt am 10. Juni 2014 @ 16:09

Auch so ein Gebanntseinsbild. Bei den laff hängenden Westen kommt mir noch in den Sinn, dass sie ihren Zweck ja erst aufgeblasen erfüllen. Da im Ernstfall dafür keine Zeit bliebe, dürfte es sich um self-inflatable vests handeln (verzeih das Englisch, mir kam es auf das inflatable an). Damit geben die Westen auch ein implizites ironisches Echo auf das aufgeblasene Ego vieler Politiker.

#6 Kommentar von Hans Hütt am 10. Juni 2014 @ 17:45

Je länger ich dieses Bild anschaue, desto glaubhafter wird die Idee, dass der Postillon, die Titanic-Redaktion und die heute-Show gemeinsam Regie geführt haben.

#7 Kommentar von Doktor D am 10. Juni 2014 @ 18:35

Wunderbare Beobachtung des fehlenden 2. Ruderpaares. Ich denke es mir aber so: Die anderen haben es sich verbeten. Deutschland am Ruder – die Schlagzeilen schreiben sich ja von selbst.

#8 Kommentar von ruby am 10. Juni 2014 @ 19:07

“…am Ruder-…”
[10]

#9 Kommentar von Hans Hütt am 10. Juni 2014 @ 19:15

Warum fallen so viele Leute auf den Inszenierungstrick herein? Ich hätte vielleicht “scheint in Kontrolle der Ruder zu sein” schreiben müssen. Denn tatsächlich schaukelt das Boot im Stillstand. Ich glaube auch nicht (oder nur kaum und folge darin Schwejk) dass Reinfeldt das Boot gerudert hat. Es wirkt eher so wie die Diplomatenjagd unter Honecker. Das Boot wirkt wie da hin gezogen worden.

#10 Kommentar von ruby am 10. Juni 2014 @ 20:16

@ Schwejk

Skulls nichts Riemen
😉
und Frau Merkel sitz verkehrt herum, wenn sie hätte pullen sollen
[11]
normalerweise müssten die vier nebeneinander sitzen jeder einen Riemen in den Händen

Reinfeldt = Superruderman !

Alles Seemannsgarn ?

#11 Kommentar von Soldat Schwejk am 10. Juni 2014 @ 22:48

Ja, Skulls… So isses korrekt.

Wenn das Boot mit Riemen gerudert werden sollte, so wie Du es beschreibst, dann hätte das eigentlich ein klasse Foto ergeben können. Aber Staatschefs rücken sich wohl nicht so nah auf den Pelz. Früher im Osten vielleicht… da gab’s ja auch den Bruderkuß.

#12 Kommentar von petervonkloss am 11. Juni 2014 @ 6:12

Sehr geehrter Hütt;

Also das möchte ich doch mal festhalten;
(Das Dr. D. nicht weiter mit K. Heinrich aufs Trapez kommt……..wundert mich.)

petervonkloss April 3, 2013 um 07:37
Zu Karlauf`s Stefan-George-Biographie und seiner Rezension durch Schirrmacherin in der aktuellen FAZ.

Schirrmacher ist ein (klein) bürgerlicher Schleimbeutel, wenn man mal die Libidotheorie zum Maßstab nimmt;

und, der von George genau so viel versteht, wie Sigmund Freud von C. G. Jung.

[12]

[13]

Man kann nur hoffen, daß dieser unmögliche, zartfliegende Vogel, der sein großartiges, in sich absolutes Sein gezwungener Maßen aufgab, da der Fortschrittszug des ICE seine himmlische Flugbahn kreuzte und in kosmischen
Sälen landete, seine Fahrgäste flugs in ihren Höhlenbereich (Tunnel) zurückbrachte, wo sie nun viele Stunden zu-
brachten, bis der erneute Fortschrittszug sie an ihren Ausgangsort zurückführte;
Daß dieser Vogel vielleicht sogar ein nahezu „kitschiges“ Monument wie George sei, daß den Fortschrittswahn für
Einen Augenblick aufzuhalten wusste. pvk.

petervonkloss April 3, 2013 um 07:51
Für ein heiliges und geheimes Deutschland, das im Demokratischen zu wirken vermag und nicht verzagt.

petervonkloss April 3, 2013 um 08:30
„Lauthals weigert sich die Natur, dem Menschen zu dienen, sie hat andere Ziele. Unterdessen macht sich der Mensch immer mehr den Menschen untertan……..“ Guido Ceronetti.

#13 Kommentar von Hans Hütt am 11. Juni 2014 @ 6:49

Ich finde die Uhrzeitangaben bemerkenswert, abgesehen davon, dass ich Ceronetti liebe.

#14 Kommentar von petervonkloss am 11. Juni 2014 @ 9:18

Soldat Schwejk 10. Juni 2014

[9]

Das ist die Lage, erkenne sie.

“Meinen Sie nicht, lieber Herr, dass Sie mir meine Ansichten bestätigen oder bestreiten könnten, seien Sie überzeugt, dass für mich der Consensus omnium kaum ein Kohlweißling ist, wie er über allen Bauerngärten fliegt. Falls Sie die Maximen meines Lebens hören wollen, so wären sie folgende: Erstens: Erkenne die Lage. Zweitens: rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen. Drittens: vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke.
Blase die Welt als Glas, als Hauch aus einem Pfeifenrohr: der Schlag, mit dem du alles löst: die Vasen, die Urnen die Lekythen – dieser Schlag ist deiner und er entscheidet. Viertens: nur bei Mittelmäßigkeiten greift das Schicksal ein, was darüber ist, führt seine Existenz alleine. Fünftens: wenn dir jemand Ästhetizismus und Formalismus zuruft, betrachte ihn mit Interesse. Es ist der Höhlenmensch, aus ihm spricht der Schönheitssinn seiner Keulen und Schürze. Sechstens: Nimm gelegentlich Brom, es dämpft den Hirnstamm und die Unregelmäßigkeiten der Affekte. Siebtens: Nochmals: erkenne die Lage.”
Der Ptolemäer.

……Entfremdet früh dem Wahn der Wirklichkeiten,
versagend sich der schnell gegebenen Welt,
ermüdet von dem Trug der Einzelheiten,
da keine sich dem tiefen Ich gesellt;
nun aus der Tiefe selbst, durch nichts rühren,
und die kein Wort und Zeichen je verrät,
mußt du dein Schweigen nehmen, Abwärtsführen
zu Nacht und Trauer und den Rosen spät……..

Gottfried Benn

#15 Kommentar von petervonkloss am 11. Juni 2014 @ 9:24

Lieber Hütt,

Denk an die Zeit-Schwalbe, die damals die Runde machte.

#16 Kommentar von Hans Hütt am 14. Juni 2014 @ 15:59

Jürgen Amendt kommentiert im [14]:
“Das Hans Hütt »Schutzweste« schreibt, wo die vier Politiker doch »nur« eine Schwimmweste trugen und keine, die sie vor Kugeln schützen sollte, dürfte indes zwar Zufall, aber doch einer der Freudschen Art sein. Sie schützen sich – vor dem Absaufen.”

So kann man sich irren, wenn einem die Figur der [15] nichts sagt.

Die ikonographische Ironie im Falle Angela Merkels liegt darin, dass sie ihre rhetorische Praxis des Entleerens jeglicher Bedeutung in den Bildern fortsetzt, die sie von sich in Verkehr bringt bzw bringen lässt. Sie spielt implizit mit Bedeutungen, die nichts mehr bedeuten.

#17 Kommentar von Nils Markwardt am 15. Juni 2014 @ 1:43

Besten Dank für den klugen, pointierten Kommentar! Man könnte die Bootsmetaphorik indes vielleicht auch in dem Sinne weiterspinnen: Hätte man diese Brille aus Carpenters “Sie leben” (mit der man stets die eigentliche Botschaft hinter der ideologischen Chimäre sieht) erschienen einem die vier womöglich als politische “Wolgatreidler” à la Repin.

#18 Kommentar von Hans Hütt am 15. Juni 2014 @ 1:56

de rien. [16], das natürlich eine wunderbare Assoziationskette freisetzt.

Nur ist das Photo dieser Bootspartie so surreal, weil von ihm tatsächlich ja überhaupt keine Bewegung ausgeht, abgesehen von der Angst vor Bewegung, wie sie durch die Haltungen Ruttes und Camerons zum Ausdruck kommt, als Angst vor dem Kippen. Insofern steht das Bild auch in der klassischen Tradition von Kippfiguren.

#19 Kommentar von Nils Markwardt am 15. Juni 2014 @ 2:33

Das stimmt natürlich. Das Photo von Merkel, Cameron & Co zeichnet sich im Gegensatz zu Repin durch eine markante Bewegungslosigkeit aus. Indes passen Repins “Wolgatreidler” dann vielleicht doch insofern, als dass in dem Bild ein, zugegeben unscheinbarer, Moment des Zauderns eingefangen scheint. Zumindest eröffnete sich mir bei längerer Betrachtung die Assoziation zu Joseph Vogls “Über das Zaudern”. Dort beschreibt er (in Rekurs auf Freuds entsprechende Abhandlung) den “Moses des Michelangelo” in seiner gegenstrebigen Ambivalenz. Und betrachtet man bei Repin z.B. jene Figur mit dem roten Hemd (oder jene am Ende der Kette), so findet man hier vielleicht auch jenen Widerstreit zwischen horizontalen und vertikalen Kräften, der aus politischer Perspektive womöglich nicht ganz unvertraut wirkt.

#20 Kommentar von xefix am 20. Juni 2014 @ 18:42

@Nils

perpetuummobile

nixfürungut