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Es geht um die Zeugen

In der politischen PR gibt es eine Basislektion: Stick to your story! Es gab Zeit genug sich darüber zu einigen, wie bzw. ob Bin Laden sich gewehrt hat oder nicht. Irgend jemand spielt nicht mit. Wer und warum, das ist allerdings auch nicht die Frage.

Das Bild dokumentiert einen historischen Augenblick der Ambivalenz. Wer sich starcksprecherisch auf die eine oder andere Seite schlagen möchte, zeigt sich der Ambivalenz des Politischen nicht gewachsen, sondern möchte nur windfall profits aufs eigene Konto lenken. Wie zum Beispiel die deutsche Bundeskanzlerin mit ihrer Aussage: “Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.”

Es ist unerheblich, ob Angela Merkel die Freude tatsächlich empfunden hat. Dass sie sich der Figur bedient, zeigt, wie hoch die Trauben hängen, nach denen sie sich streckt. Ihre Aussage, acht Stunden nach Bekanntwerden der Information, ist durchkalkuliert [4].

Coda

Das Codewort  “Geronimo” führt in ein weiteres abgründiges Kapitel der amerikanischen Geschichte [5]. Geronimo, ein gefürchteter Kriegshäuptling der Apachen, soll es sogar geschafft haben, den Sonnenaufgang aufzuhalten. Sein Spitzname war “der Gähnende”, was dem Bild einen weiteren hübschen Kontrapunkt entgegensetzt. Das Bild wirkt auf mich inzwischen wie der Bauplan eines Thomas Pynchon-Romans! Dazu gehört natürlich auch, dass die Zeugen, nach jüngsten Aussagen, einen Zeitraum von zwanzig Minuten nicht bezeugen können.

Hier der Wortlaut der Frage, die BK Merkels Bemerkung vorausging, sowie ihre gesamte Antwort – am Ende der Pressekonferenz.

Frage: “Frau Bundeskanzlerin, dieser Erfolg, den Sie beschreiben, war offenkundig eine gezielte Tötung; vieles spricht dafür. Sollten auch deutsche Sicherheitskräfte in der Lage sein, auf diese Weise gegen Terrorhäupter vorzugehen?”

BK´in Merkel: “Ich bin heute erst einmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten. Ich glaube, dass es vor allen Dingen für die Menschen in Amerika, aber auch für uns in Deutschland eine Nachricht ist, dass einer der Köpfe des internationalen Terrorismus, der so viele Menschen schon das Leben gekostet hat, gefasst bzw. getötet wurde und damit auch nicht mehr weiter tätig sein kann. Das ist das, was jetzt für mich zählt. Deshalb habe ich meinen Respekt für dieses Gelingen auch dem amerikanischen Präsidenten mitgeteilt, und das war mir auch ein Bedürfnis.”

Ich reposte diesen Beitrag aus meinem alten depublizierten Blog wegen des Bildes des Vizepräsidenten. Was ihm da durch den Kopf ging, und wie diese Erinnerung sein Verhalten in ähnlichen Lagen prägen wird, das ist die Frage.

2 Kommentare (Öffnen | Schließen)

2 Kommentare Empfänger "Es geht um die Zeugen"

#1 Kommentar von Gregor Keuschnig am 13. Mai 2021 @ 11:17

“Ein verheißenes Land” endet mit der Beschreibung der Aktion. “Geronimo” war das Codewort für bin Laden. Irgendwann heißt es “Geronimo EKIA” – Enemy Killed In Action.

Am nächsten Tag spürt Obama “einen greifbaren Stimmungswandel im Land. Zum ersten und letzten Mal in meiner Präsidentschaft mussten wir für das, was wir getan hatten, keine mühsame Überzeugungsarbeit leisten.” Für kurze Zeit war, so Obamas Tenor, das Land vereint.

#2 Kommentar von Hans Hütt am 13. Mai 2021 @ 12:40

Das war natürlich eine groteske Selbsttäuschung. Heute können wir im Vergleich zu Obamas Präsidentschaft bei dem greisen Biden etwas entdecken, das der große Redner Obama zu wenig angefasst hatte: eine Pragmatik, die politisch mehr bewegt als die zahllosen Townhalls, die Obama in den ersten Monaten seiner Amtszeit zelebriert hatte. Im Rückblick wirken sie auf mich wie eine narzisstische Überdosis.