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Aus dem Leben eines Stadthundes

Ob meine Eltern wirklich wussten, was sie taten, als sie mich zeugten, wie soll ich das wissen? Sie haben sich geliebt ohne jede Idee von Schuldigkeit. Sie wussten, was sie taten. So kommen in mir zwei Welten zusammen: die westerwäldische, in der die Gefährten meines Papas ihren politischen Willen in dem Wort „daswommerjaauch [1]“ zusammenfassen, was mich immer auf die Frage bringt, was vor dem „auch“ so alles stattgefunden haben kann, oder auch nicht. Und mütterlicherseits schießen die feuchten Jagdgründe Suffolks und das Dach der Welt dazu, dort, wo das Sein sich als lang gedehntes Ooommm artikuliert, als Abschied vom irdischen Wollen, als Einfügung des Seins in die Schöpfung, als großes Einverstandensein. Da haben Sies: Ich bin eine Promenadenmischung, wie sie im Buche steht. Hüten und Jagen liegen mir durch Vater und Mutter gleichermaßen. So begebe ich mich auf meine Wege durch die laute Stadt, durch ihre Düfte, durch ihre Unaufgeräumtheit.

Die ersten neun Wochen meines Lebens habe ich hinter dem Heiligen See verbracht, wo Pfauen ihr Rad schlagen und Ausflugsdampfer auf der Havel auch dann „MS Heiterkeit“ heißen, wenn gerade eine Beerdigung in der Heilandskirche stattfindet. Ja, ja, das ist meine Heimat, aus der man mich in den tiefen Westen Schönebergs verschleppt hat. Gleich nach meinem Eintreffen dort hat mein Gefährte mich zu einem Veteranentreffen mitgenommen.Seltsame Vets. Sie pieksen sich auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Auf dem Weg zurück versetzten mich drei Musiker in ein Erstaunen, das noch jetzt nachhallt, als ich meinen Gefährten dazu bewege, diesen Eindruck festzuhalten. Sie sangen „I shot the sheriff“. Nicht dass ich das Lied bisher kannte, woher auch?, aber es klang so stimmig, dass ich synkopisch versetzt ihnen mit meinem kleinen Heulen ein viertes Instrument hinzufügte. Später hörte ich noch im Halbschlaf ihr Echo. Freiheit und Verteidigung, freedom & defense, braucht mir keiner zu erklären. Beides liegt mir im Blut. Als ich nach diesem langen Tag endlich einschlafe, höre ich im Traum eine politische Diskussion, die ich mit einem robusten Fazit zusammenfassen kann: Sie wissen weder, was sie wollen, noch sind sie einverstanden mit dem, was sie tun. So eine unentschlossene Politik, das habe ich als Hund im Blut, geborener Kyniker, der ich bin, gehe mir besser aus der Sonne, bitte auch dann, wenn sie gerade nicht scheint.

Bis bald, Ihre Lotta continua lipsii.