© Gerard van Smirren

Schule der Empfindsamkeit: Über meine Twitter-Praxis

Gestern Abend hatte im Roten Salon der Berliner Volksbühne ein E-Book Premiere: Über 140 Zeichen. Autoren geben Einblick in ihre Twitterwerkstatt, herausgegeben von Stephan Porombka beim Frohmann-Verlag. In dem Band steht auch der folgende Essay von mir. Gestern Abend kehrte ich nach langer Abstinenz auf die Bühne zurück und sprach mit dem Twitter-Popstar @NeinQuarterly (Eric Jarosinski). Es gibt davon eine Videoaufnahme, die ich eventuell noch poste.

Lange Zeit bin ich nicht früh schlafen gegangen. Ich verbrachte viel Zeit in entlegenen Nischen des Netzes und ignorierte die Welt des „Kurznachrichtendienstes“ Twitter fast gänzlich. Wie mein Archiv festhält, betrat ich Twitter erst im Mai 2010 und bewegte mich fast zwei Jahre darin wie eine Monade, die unberührt davon, was um sie herum geschieht, link für link absonderte, um so vergeblich an der Idee eines Nachlebens zu arbeiten. Tatsächlich arbeitete ich am augenblicklichen Vergessenwerden. Auch das hatte seine Gründe. Ich befand mich in einer Zwischenwelt, erst zwei Jahre als Haus- und Hundehüter am Rand der Cevennen, sodann fast ein Jahr für die Pflege meiner Mutter am Niederrhein. Das Netz verband mich in dieser Zeit nur durch zarteste Reste von Luftwurzeln mit meinen peer groups. Ich war der Welt tatsächlich abhanden gekommen. Mein Kommunikationsverhalten reproduzierte diese Lage mimetisch. Weiterlesen