© Gerard van Smirren

Die Macht des Vergessens

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs über das Recht darauf, vergessen zu werden, hat Bewegung ins Spiel gebracht. Das Vergessen gehört aus eigenem Recht und als anthropologische Errungenschaft zu den schönsten, ja unvergesslichen Gaben der Welt. Mir scheint es wirkmächtiger als das Gedächtnis, von dem wir seit Proust wissen, was davon zu halten ist: Es ist meistens nichts als Lug und Trug. Was wir für den unverfallbaren prägenden Augenblick einer eigenen Wahrheit gehalten haben mögen, erweist sich eines Tages als mehr oder weniger fixe Idee, bloß weil uns unverhofft ein anderer Blick auf den von uns für verbürgt gehaltenen Sachverhalt  zuteil wird, eine andere Erinnerung sich der eigenen beigesellt, ohne dass darüber die Welt zuschanden ginge. Sie wird reicher und beglückt uns durch Ambivalenz, durch die Chance, einer anderen Erinnerung wie einer fremden Stimme Zutritt in das so unaufhörlich wirkende Zwiegespräch mit uns selbst zu gewähren. Weiterlesen