© Gerard van Smirren

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so. Weiterlesen

Merkur

Das lange Schweigen hat sein Ende. Manche Gründe gab es, gute, schlechte. Ein Ergebnis ist anfang März in der von Jo Lendle und Clemens Setz herausgegebenen neuen Ausgabe der akzente zu besichtigen. Darin schreibe ich über das Lebenswerk des japanischen Autors Shozo Numa, den Roman Yapou, menschliches Vieh.

Anlasslos zu schreiben erfordert übrigens auch einen Widerstand gegen Anlässe, zu denen meistens schon mehrfach alles von fast allen gesagt worden zu sein scheint.  Mir geht es eher um Interventionen, die unerwartet, aus einem schrägen Blickwinkel oder als Zwischenruf die eigenen Widerstände gegen das Schreiben durchlässig machen, einer begeisternden Lektüre folgen oder eigene Anlässe herbeiführen.

Seit einiger Zeit beobachte ich mich dabei, mir auf die Finger zu hauen, wenn ein elektrischer Schreibimpuls durchbricht, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Das gilt für unterbliebene Reaktionen auf die Zeitschrift Cicero, ein Magazin (einschließlich seines Ablegers im Netz), das sich dazu entschlossen hat, provokativ seicht im Trüben zu fischen, in wahlverwandtschaftlicher Nähe zu Titeln, die man nicht mal mehr nennen mag. Nur noch krawallgebürstet, in der Syntax verludert, im Denken einer Lagerlogik zugetan, die abstößt. Fast müsste man in Verteidigung ihres Namensgebers eine Titelschutzklage erwägen, um den zweifelhaften Missbrauch Ciceros nicht weiter durchgehen zu lassen. Nur wer wäre dazu klageberechtigt? Vielleicht Winfried Stroh.

Ganz anders geht es mir mit dem Merkur. Weiterlesen

Schule der Empfindsamkeit: Über meine Twitter-Praxis

Gestern Abend hatte im Roten Salon der Berliner Volksbühne ein E-Book Premiere: Über 140 Zeichen. Autoren geben Einblick in ihre Twitterwerkstatt, herausgegeben von Stephan Porombka beim Frohmann-Verlag. In dem Band steht auch der folgende Essay von mir. Gestern Abend kehrte ich nach langer Abstinenz auf die Bühne zurück und sprach mit dem Twitter-Popstar @NeinQuarterly (Eric Jarosinski). Es gibt davon eine Videoaufnahme, die ich eventuell noch poste.

Lange Zeit bin ich nicht früh schlafen gegangen. Ich verbrachte viel Zeit in entlegenen Nischen des Netzes und ignorierte die Welt des „Kurznachrichtendienstes“ Twitter fast gänzlich. Wie mein Archiv festhält, betrat ich Twitter erst im Mai 2010 und bewegte mich fast zwei Jahre darin wie eine Monade, die unberührt davon, was um sie herum geschieht, link für link absonderte, um so vergeblich an der Idee eines Nachlebens zu arbeiten. Tatsächlich arbeitete ich am augenblicklichen Vergessenwerden. Auch das hatte seine Gründe. Ich befand mich in einer Zwischenwelt, erst zwei Jahre als Haus- und Hundehüter am Rand der Cevennen, sodann fast ein Jahr für die Pflege meiner Mutter am Niederrhein. Das Netz verband mich in dieser Zeit nur durch zarteste Reste von Luftwurzeln mit meinen peer groups. Ich war der Welt tatsächlich abhanden gekommen. Mein Kommunikationsverhalten reproduzierte diese Lage mimetisch. Weiterlesen