© Gerard van Smirren

Am Fuß der blauen Berge

Die Erinnerung führt zurück in den Frühling 1986. Damals habe ich in der Camargue die Reisfelder bestellt, Feldränder abgefackelt, Ruinen entrümpelt und zwei Monate später über das Filmfestival in Cannes berichtet. Es war das Jahr, in dem Tschernobyl explodiert war, in dem die Franzosen sich über die Deutschen belustigten, bis sie über libération erfuhren, wie belastet der strahlende Regen an der Côte d’Azur war. Im Hafen von Cannes lag Roman Polanskis Piratenschiff vor Anker und das Festival zeigte Oshimas Film Max, Mon Amour. Im Jahr zuvor hatte ich Klaus Heinrichs Vorlesung über Lukrez gehört, als hätte ich gewusst, dass ich kaum ein Jahr später in die Natur der Dinge und in die Dinge der Natur tiefer eintauchen würde, als mir zuvor vorstellbar erschienen wäre.

Nicht weit entfernt von der Gegend, in der meine Schwester heute Ferienhäuser vermietet, war unser Vater vor 72 Jahren als Kriegsgefangener interniert und machte damals die Bekanntschaft eines Kollegen, des unglaublich kleinen korsischen protestantischen Pfarrers Roger Grossi. Dessen Sohn Alain hatte eines Tages seinen Lehrstuhl als Mathematiker aufgegeben und damit begonnen, die Latifundien seiner Frau zu bestellen. Aus dem Mathematiker wurde ein Bauernfunktionär. Auf seinen Reisfeldern spielte ich den Mélon, der dem Riesentraktor die Richtung vorgab, in der er Saatgut und später Dünger ausbrachte, während Sonne, Wind und Mücken mich zermürbten.

Bei Alain lernte ich meinen späteren Schwager André kennen, einen Bonvivant, Kunst- und Musikliebhaber, der seinen Beruf als Weinbauer nur wenige Jahre nach dem Beitritt Spaniens, Portugals und Griechenlands an den Nagel gehängt hatte, obschon sein Wein – im Unterschied zur Essigplörre mancher Nachbarn – zu den leckersten im Languedoc gehörte. Nach seinem plötzlichen Tod habe ich 2009 und 2010 am Fuß der blauen Berge das Haus und die Hunde gehütet, fand zurück zum Schreiben und meiner Liebe zu dieser Gegend.

Die Häuser sind inzwischen instand gesetzt. Es gibt ein Studio für bis zu zwei Personen und ein Maison de maitre für bis zu acht Personen. Auf der anderen Straßenseite gibt es ein kleineres Haus für vier bis sechs Personen. Wer den tiefen Süden liebt, das Fotofestival in Arles, das Theaterfestival in Avignon, die Stierkampfarena in Nimes oder die Märkte von Uzès und Montpellier besuchen will, kommt von Lézan überall schnell hin. Auch am Strand ist man in weniger als einer Stunde, es sei denn, man zieht es vor, die Füße in einen kühlen Bergbach der Cevennen zu tauchen. Das Studio eignet sich auch gut für die Fertigstellung von Manuskripten gleich welcher Art, es sei denn, man zieht es vor, tagelang im Schatten der Zedern oder des Bambus in der Hängematte zu liegen und zu lesen. Ende der achtziger Jahre habe ich in Lézan drei Romane übersetzt und kann bezeugen, wie leicht die Arbeit dort von der Hand geht.

Update zur neuen Website von maison Cécile.

One Response to Am Fuß der blauen Berge
  1. Susanne Hütt-Laval Antworten

    Hallo Hans, Vater hat tatsächlich hier in der Nähe in Valbonne als evangelischer Pfarrer und als Kriegsgefangenlagerpfarrer an der Geistlichkeitssynode teilgenommen, die vom 24 . – 30. Juni 1947 dort stattfand. Er war aber in einem Kriegsgefangenenlager in Nordfrankreich. Den Pfarrer Roger Grossi hat er in Nordfrankreich kennengelernt, weil dieser außergewöhnlich mutige protestantische Pfarrer mit korsischen Wurzeln sich um deutsche Kriegsgefangene gekümmert hat. DAS war eine Heldentat. Beide Männer haben Zeit ihres Lebens als Familienväter und Theologen alles getan für eine neue deutsch-französische Freundschaft. Und dies viele Jahre bevor Adenauer und de Gaulle sie unterzeichneten.
    Wenn ich hier gefragt werde, wie es mich von Westberlin nach Lézan verschlagen hat, beginne ich mit Vaters „plus jamais de la guerre entre la France et l’Allemagne“…..Ohne Roger Grossi hätte ich meinen Mann André und seine wunderbare Adoptivmutter Mlle Cécile Laval nicht kennengelernt.

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