© Gerard van Smirren

Abwege – eine Suada

Den Text, ein Essay ist es nicht, des Autors Botho Strauss, dieses Mal in der „Zeit“ und nicht im „Spiegel“ erschienen, lese ich, als wollte ich ihn umgehen, den Ärger und die Irritation abstreifen, die er auslöst, auch in Erinnerung an meine Polemik zu einem Spiegel-Text noch immer selbst versehrt, weil man mir teilweise zu recht die Kritik um die Ohren gehauen und dabei übersehen hat, dass ich das dramatische und literarische Werk des Autors durchaus schätze.

„Das kritische Bedenken der Lage“ – so fängt er an und findet einen Ton mystischer Prätention. Der Ton wirkt parfümiert. Strauss arbeitet synästhetisch. Was immer die Lage ist (wenn nicht von Weinbau die Rede wäre), bleibt vorerst unentscheidbar bis auf den Sachverhalt, der die Struktur dieser Prosa kennzeichnet: Sie durchzieht eine implizite Biologie, die in der Figur einer Abstoßung zum Ausdruck kommt, einer Immunabwehr der Lage gegen „früher geartetes Denken“. Dem rechnet der Autor sich selbst zu. Den Gegensatz bildet „der untergründige Strom beliebigen Geplappers“, ein Titaresios, ein Ausfluss des Styx, einer Unterwelt, über die sich Botho Strauss erhebt, von „weiter oben“ gegen „das Unten“ vertikalgespannt sondierend wie selten. Er verspricht ein Urteil über „billiges Meinen“. So klingt der hohe Ton des Verächtlichmachens, der eine Wunde, die ihm selbst geschlagen, durch unfreundliche Berührung vertiefen und nicht heilen will, ein Torquato Tasso absoluter Negativität.

Der läuft Amok gegen Kitsch, Ideen-Kitsch. Wie erfreulich! Wo findet er ihn?  Strauss schreibt „Gedankenpolyester“, als steige ihm Schweißgestank in sich ekelnde Nüstern. Zum Ideen-Kitsch rechnet er Toleranz (Sire, geben Sie keine Gedankenfreiheit, nur das nicht, bitte!), des Weltweiten (das sich gegen seine Endmoräne erhebt), Humankitsch (gegen die Erhabenheit des schon Versteinerten, er ist dabei, zu mineralisieren, monumentalisiert sich selbst), Minderheiten und Menschenrechte (womit er die Erniedrigten und Beleidigten in die Grube tritt, in die sie gehören), Klima, Quoten, Kunst und Wahn (womit er mehrmals den Kreis durchmessen hat, in und aus dem er um sich schlägt). Strauss rast vor Wut.

Es folgt ein Innehalten, eine Fermate, als falle er sich beschwichtigend selbst ins Wort. „Nun, es herrscht Unruhe und jede Entwicklung kann sich überstürzen.“ Symptomatisch, nicht analytisch, trifft Strauss ins Schwarze. Irrlichternde neue Figuren des Politischen erheben Unruhe zur ersten Bürgerpflicht. Das Nichteinverstandensein der Diederich Heßlings von heute fühlt sich im Nichtverstandensein zu Hause. Unsere tägliche fake news gebe uns heute! So klingt der Nonkonformismus der Konformisten, den Lothar Baier so früh beschrieben hat. Eine Geste der Vergeblichkeit, des Einhalt Gebietenwollens, fatalistisch, im Ton des „hinten, weit in der Türkei“, so gerinnt im zweiten Teil des Satzes der Befund des ersten in einen potentialis tremens. Die Unruhe da draußen selbst spricht aus zitterndem Leib. Nicht die Moderne, nicht die Akzeleration, aber im Festhalten an einer Form des Denkens, die sich im Bedenken als Vorbehalt gegen das äußert, was vorgeblich der Fall ist, entsteht ein Bild von Geschichte, das Historizität ihrer Akteure beraubt. Geschichte wird überhöht in einen Maelstrom des Geschehens. Ereignis, Handeln, Motive schrumpfen zu Geröll.

Das Gehäuse, aus dem heraus diese Schau des Geschehens erfolgt, ist eine Kunstfigur. Dach und Fach schrumpfen als Topik das Denken zu etwas Behaustem, wogegen spricht, dass die kühnsten und bedrängendsten Gedanken des letzten Jahrhunderts einer existentiellen Unbehaustheit zu verdanken sind. Strauss argumentiert larmoyant. Tränen trüben den Blick und die Begriffe des Autors. Was für ein Pappkamerad, dass das Denken als öffentlicher Gebrauch des Denkbaren sich selbst verkürze! So wendet sich der Eremit von seiner Endmoräne gegen die Zumutungen der offenen Gesellschaft, die jeden Gedanken aufnimmt, im Zustimmen wie im Widerspruch weiterführt, setzt das Denken extra muros nicht frei, sondern bringt es um die ihm zumutbare, ja wünschenswerte Raisonanz (sic!). Aus dem Furor spricht biedermeierliche Hoffnung aufs stille Kämmerlein. Wenn das kein Kitsch ist, was dann?

Der Autor erhebt sich aus beschränkter Höhe über den Staub, der den vorgeblich Verwirrten zu Kopfe steigt, spricht ihnen ab, dass ihr Denken zu mehr als zu Sinnestäuschung tauge, als redete er nicht aus der Einöde der Uckermark, sondern im orangenen Gewand der Poona-Jünger. Sein Bedenken exkommuniziert a priori. Die vom Staub Verwirrten sind ihm nicht satisfaktionsfähig, aus ihm spricht ein Schnarren, dem nur mehr der Schmiss fehlt, um die Tradition kenntlich zu machen, aus der er wütet. δῆμος und populus in willfährig geschmeidige Gegensätze zu verwandeln, das eine gut, das andere schlecht zu heißen, ist der zweite Pappkamerad, den er nur aufbaut, um ihn k.o. zu hauen. Was für ein Held!

Auch das nächste Gegensatzpaar zwischen dem vernetzten und dem analogen Denken spricht dem einen, dem vernetzten ab, was dem anderen, im Autor Strauss, zu groß gerät, als dass er es richtig zu fassen vermag. Sein Heldentum wendet sich gegen Chimären. Zur steigerbaren Empfindlichkeit der Vernetzten gehört, dass das Netz selbst Quelle eines über den Einzelnen hinausragenden fast bereits kollektiv erahnbaren Sinnes geworden sein könnte, der nicht jedem schon zugänglich zu sein scheint, aber nicht mehr nur latent genannt werden muss. Das Wittern ist mehr als Instinktersatz, die Zeichen sagen heute analog wie digital mehr als nur mene tekel upharsin. Der Hohn des Autors Botho Strauss auf diejenigen, die Verständigung üben, fällt auf ihn zurück. Wäre er tatsächlich hermetisch, hätte er sich vor diesem Befund bewahrt. So klingt Hybris, die nur wenig mehr mitzuteilen hat als ein Loblied auf sich selbst.

Der Text hätte an dieser Stelle an Fahrt aufnehmen können, aber Strauss verliert den selbst gesponnenen Faden, fällt zurück ins Sentenzenhafte einer Aversion gegen das Gesellschaftliche, das übrigens auch ihn in letzter Instanz alimentiert. Das einzige, was er über den Epochenwechsel mitteilt, ist der Standort der Halbhöhe, von der herab er zu uns runter keift. Seine Befunde über Malerei, Film, Theater und Philosophie, über Rothko, Hitchcock, Melville, Beckett, Wittgenstein resümieren kommodifizierten Bildungskanon, kalfatern ihn selbst gegen die Zumutungen des Zeitgenössischen, das dem alt gewordenen Blick unzugänglich scheint. Alles verkommt unter diesem Blick zu Abraum.

Das tatsächliche Motiv dieses Textes ist daher bestürzend trivial. Strauss singt ein kakophones Loblied auf sich selbst als Reaktionär. Die Hermetik, bei der er Zuflucht sucht, dient als durchschaubar kalkuliertes Bühnenbild. Es zeigt bloß ihn selbst als Leidensmann, als Kerbholz, dem „die Zeit ihre schrecklichen Schulden schnitt“. So attestiert sich Strauss ein Guthaben, um das ihn niemand beneidet.

 

 

 

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