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Amrum. Arbeitstagebuch 2

Der Regen bleibt mir gewogen und setzt erst ein, wenn ich schon auf dem Weg zurück vom Strand und den Dünen bin. Heute gab es immer wieder Gelegenheiten, für ein paar Minuten mich in die Sonne zu setzen, ein kaltes Vergnügen bei einer Windgeschwindigkeit von 37 km/h. Die Besprechung zu Martin Burckhardts Roman ist fertig. Er ist mehr als ein Theorie-Roman. Ein Spielroman.

Gestern kam ich nach der Nachricht vom Tod Harry Rowohlts vom Tagesplan etwas ab und las wieder Flann O´Brien.  Das Haus, in dem ich mich aufhalte, zeichnet sich auch dadurch aus, dass in der Gästebibliothek so Bücher wie „Bleeding Edge [1]“ und „2666 [2]“ stehen. Beim Wandern durch die Dünen fiel mir plötzlich ein Leitmotiv meines eigenen Lebens auf. Dazu trugen die verwehenden Spuren im Sand bei.

gehenimsand [3]gehen im sand kl [4]

Plötzlich befand ich mich nicht mehr auf der kleinen nordfriesischen Insel, sondern sah mich auf dem Traktoranhänger auf dem Weg zum Ernteeinsatz im Kibbutz. Aus den Lautsprechern im Orangenhain dröhnten damals Mad Dogs & Englishmen, Imagine von John Lennon, irgendwie aber mischte sich auch Nina Simone mit diesem Lied in die Erinnerungen.

Das Leitmotiv: dass ich an Wendepunkten meines Lebens immer wieder aus einer Gruppensituation heraus (nennen wir es von mir aus auch Kollektiv) zum nächsten Register der eigenen Stimme fand, manchmal im Einklang, öfter aber als Solist, der aus dem Chor hervortritt. Häutungserlebnisse.

Der heutige Tag begann mit der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin, eine bürokratische Sonatine, zuviel im Tonfall des advokatorischen Konditionalis, im Formelhaften, um sichtbar, nachvollziehbar zu machen, an welchem Wendepunkt die deutsche und europäische Geschichte sich tatsächlich befindet. Ihre Nüchternheit verstehe ich als Maske und Knebel gegen den Schrecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eines Tages über sich selbst hinauswächst und einen Ton findet, der der Wahrheit zuträglicher wäre als dieses künstlich herabgedimmte formelhafte Sprechen.

Nachmittags stieß ich unter sekundenlanger Sonnenexposition auf dieses Schild, dessen Text mir wie eine Spielanleitung erschien, um die Plenardebatte des Bundestags zu verstehen.

deichschild [5]

 

2 Kommentare (Öffnen | Schließen)

2 Kommentare Empfänger "Amrum. Arbeitstagebuch 2"

#1 Kommentar von Matthias am 20. August 2015 @ 16:16

Schon erstaunlich, wieviel «Leitmotive» wir teilen.

#2 Kommentar von Hans Hütt am 20. August 2015 @ 21:50

So was gibts. In dem Fall ist es erstaunlich ;-).