© Gerard van Smirren

Amrum. Arbeitstagebuch 1

Ich reise an einen Ort meiner Kindheit. Die Fahrt dauert etwas über sieben Stunden. Bus, Bahn, Bahn, Bus, Schiff, Bus. Die Erinnerung springt zurück in den Sommer 1964. An die große erste unerklärte Liebe. B., die herbe Reiterin, der ich im Weißdornbusch von dem elenden Tod unserer Hündin erzählte, für die ich plötzlich ganze Stücke auswendig spielen konnte, die ich vorher nur vom Blatt gespielt hatte. Vom Hüttenbauen in der Burg (dafür mussten die Kinder in den Treibholzhütten auch ihren Mittagsschlaf halten). Vom nächtlichen Krabbenpulen. Von den Robinsontagen in der Heide, wo wir Pfifferlinge und Blaubeeren sammelten und immer mal wieder eines der zahllosen Kaninchen mit einer Prise Salz zu fangen versuchten. Vom Akrillspiel in den Riesendünen. Die unblutigsten Geiselbefreiungen der Weltgeschichte.

Das Wetter kommt meinen Plänen entgegen. Die nächsten Tage gibt es immer wieder Regen, starken Wind, keine Chance fürs Baden (Wassertemperatur 13 Grad), aber fürs Wandern, Denken und Schreiben. Endlich komme ich dazu, über Martin Burckhardts Roman Score zu schreiben. Über Jörg Karweicks Roman Rönum. Über das Rhizom der Seele, wie sie Wolfgang Herrndorf gemalt hat. Endlich auch das Exposé für mein Rhetorik-Buch fertigstellen, in dem ich die Arbeit der letzten zwölf Jahre resümiere, eine politische Redelehre. Last not least eine Episode von Kynästhesie für Josefina auf Englisch vorbereiten. Als Graphic Novel, die zugleich Kassiber und Palimpsest und Zeitreisenprotokoll werden könnte.

Von dem kleinen Tisch, an dem ich sitze, schaue ich in der Abendsonne auf die Salzwiesen, das Watt, dahinter in der Ferne Föhr. Die Kinderlieder von 1964 erklingen wieder. Lila war ihr Paletot. Was für ein Irrsinn, dass zwanzig Kinder dieses Lied auf dem Ponywagen sangen, während sie am Hospiz vorbei in die Dünenburg fuhren. Am Abend der Sonnenwende Zucker in der alten Eisenpfanne zum Schmelzen bringen und kleine Äste in den Sud stecken. Lollies.

Hier gibt es ein Haus, das Auguste heißt.