© Gerard van Smirren

Miniaturen (3)

Aus Nordkorea ist zu vernehmen, dass Kim Jong-un seinen Verteidigungsminister mit einem Flakgeschütz exekutieren ließ.  Die Gründe tun fast nichts zur Sache. Irgendwie ist doch jeder mal ein bisschen illoyal. Schläfrig zu sein bezeugte ein Ausmaß an Vertrauen, das von außen betrachtet in Nordkorea am unwahrscheinlichsten wirkt. Vermutlich war es eher Übermüdung, die Hyon Yong-chol befallen hatte.

Mich interessiert, abgesehen vom Wahrheitsgehalt der Meldung, vor allem die symbolische Seite der Exekution. Ein Flakgeschütz ist dazu bestimmt, einen Flugkörper vom Himmel zu schießen, meistens ein ungeheuer schnell fliegendes Ziel für die Zwillingsrohre einer Flak. Höchste technische Intelligenz befähigt die Flakbatterie, den Kurs des Flugobjekts und seine Geschwindigkeit so zu berechnen, dass das Geschoss auf einen Punkt zielt, der vom Flugobjekt noch nicht erreicht ist. Man schießt praktisch in die Zukunft, auch wenn sie nur wenige Bruchteile einer Sekunde von uns entfernt ist.

Ein Luftabwehrgeschütz auf einen unbewegten, vermutlich aber zitternden Menschen zu richten, stellt eine flagrante Zweckentfremdung des Geräts dar. Es wird auf eine Weise dumm gemacht, für die es nicht bestimmt ist. Ich rede nicht von Sportlichkeit oder dem Ehrenkodex von Jägern. Auch Henker könnten reklamieren, ihr Handwerk nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben.

Kim Jong-uns Flakgeschütz schoss in die Vergangenheit, als buchstäbliches Vergehen. Die Wirkung des Projektils brauche ich nicht zu beschreiben, um das Entsetzen zu verstehen, das die über einhundert Zeugen der Exekution verspürt haben dürften. Das ballistische Ausradieren des Verteidigungsministers lese ich als Akt des Übertötens. Forensiker kennen das, wenn sie in der Gerichtsmedizin die Stichwunden zu zählen haben, die einem Opfer nach dem tödlichen Stich zugefügt wurden.

Die Zeugen dieses Todes könnten als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Sie wären die ersten Märtyrer, die einen auch ihnen zugedachten symbolischen Tod überlebt haben.

PS

Vorsichtig, wie ich bin, habe ich den Wahrheitsgehalt der Meldung unter Vorbehalt gestellt. So bleibt diese Miniatur eine Warnung vor dem Mißbrauch von Heeresgerät.