© Gerard van Smirren

Abschied von Walter Foelske

Heute erfuhr ich, dass Walter Foelske gestorben ist.

Sein letzter Brief erreichte mich an meinem Geburtstag im Jahr 1993. Zwischen 1979 und 1993 hatte sich zuvor ein wahrhaft stürmischer Briefwechsel entwickelt, zwischen dem 45jährigen Autor und seinem lektorierenden über zwanzig Jahre jüngeren Verleger. Auf das Buch, seine Prosa-Sammlung „Anatomie eines Gettos“ war ich stolz, weil wir aus einem Zustand steilsten Nichtzueinanderfindens, einen Ton, den er in Jahrzehnten der Verzweiflung und Besessenheit als Betriebsmodus für sich erobert hatte und aus dem herauszukommen ich ihm durch synkopische minimalistische Widerstände half, zu einer Arbeitsbeziehung fanden, zu der mein früher Besuch im Spätsommer 1979 in Köln beitrug, wo er zeit seines Lebens in einer Siedlung aus den 30er Jahren gewohnt hatte.

Dass unsere Kommunikation im Jahr 1993 abbrach, ist in erster Linie mir zuzuschreiben. Ich befand mich aus seiner Perspektive auf Abwegen, aus meiner im Rückblick auf nicht unbedingt notwendigen Umwegen. Fast zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters, neun Jahre nach dem Tod meines symbolischen Übervaters brauchte ich keinen dritten Vater. Ich nahm wohl wahr, dass er über einen kleinen Kreis ihm wohlgesonnener Leute endlich Anerkennung und zu Publikationen fand.

Ihm standen in den 60er Jahren, anfangs gefördert aus der dazu notwendigen Distanz durch Heinrich Böll, viele Türen offen, zwischen dem WDR und Radio Bremen, der Heimatanstalt und der noch viel mehr dem Neuen zugetanen kleinen feinen in Bremen, für die er Hörspiele schrieb, ein Genre, dass den vielen Stimmen und Registern, über die er gebot, ersten Ausdruck verlieh.

Anders als der wilde Autodidakt Arno Schmidt war Walter Foelske – avant la lettre – ein rasender Follower. Seiner Liebe entkamen die von ihm Verehrten nicht, es war eine versengende Liebe, die aus ihm selbst ein immer älteres gebranntes Kind formte, das sich aus Verehrung in eine galaktische Umzingelungs-Umlaufbahn der von ihm Verehrten schoss, in eine Distanzposition, die ihm das Überleben ermöglichte, ein versehrtes Überleben. Denn wie gern wäre er dem Grünen Hof entkommen, wie gern wäre er gereist, von Köln nach Berlin, nach Hamburg, nach Wien, nach Salzburg, sehr viel weiter auch. Tatsächlich führten seine mir bekannten Reisen vor allem in schwedische Wälder, wo er für lumpige Honorare Serien-Pornos für den Revolt-Verlag schrieb. Blutrünstige Sachen. Die Verleger führten ihn in Versuchungen, denen er aus einer Haltung, die ihn selbst erstaunte, widerstand, denn wäre er ihnen erlegen, hätte es ihn um den Verstand gebracht.

Seine Gestalt, die jäh hochschießende hohe Stirn, die schütteren rötlichblonden Haare, zeigte ebenso wie seine Prosa etwas ungeheuer Steiles. Manchmal kam es mir so vor, als müsste ich seine Texte mit einem Wurfbeil lektorieren.

Zum Abschied erinnere ich heute an eine Episode am Vorabend der Publikation von „Anatomie eines Gettos“. Ich hatte Hans Eppendorfer darum gebeten, für das Buch ein Nachwort zu schreiben. Was ich dann wenige Wochen vor Drucklegung erhielt, war eine Hinrichtung, ein literarischer Brudermord, eine Kainstat, in welcher der leibhaftig im Übertöten erfahrene Ledermann den ihm unheimlichen, so begabten wie besessenen Autor aus der Welt zu beißen versuchte. Eppendorfer erkannte in Foelske einen Widersacher, der ihm den zweifelhaften Rang am Rande des literarischen Lebens streitig machen würde. Wenn es ihm schon nicht gelang, ihn leibhaftig wegzubeißen, so musste er wenigstens versuchen, Foelske am Vorabend eines Erfolgs diesen so bitter wie möglich zu machen. Eppendorfer erkannte ihn ihm nicht nur den Widersacher und Konkurrenten, er verstand auch die entlegenen Motive und Beweggründe für Foelskes Schreiben. Wie ein Vivisekteur schritt er zur symbolischen Tat in der Annahme, dass letzte Hand der dann schon selbst an sich legen würde, mit so einem Kuckucksei als Nachwort zu seinem ersten Buch. Das Nachwort war eine unverhohlene Einladung an Foelske, sich selbst aus der Welt zu schaffen.

Ich dokumentiere meinen Brief an Hans Eppendorfer. Sein Nachwort selbst kann ich aus rechtlichen Gründen hier nicht reproduzieren. Es war infam.

So nehme ich heute Abschied von Walter Foelske. Ruhe er in Frieden!

 

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PS:

Auch dieses Dokument aus meinem Archiv erfordert einige Anmerkungen. Die Anführungszeichen zitieren Eppendorfers Bemerkungen aus mehreren Telefongesprächen zum Nachwort. Die formale Seite, dass man damals im dritten Durchschlagpapier (das zweite ging an Foelske) Fehler handschriftlich oder gar nicht korrigierte, war eine lässige Sünde der damals gebotenen Eile, denn wenige Tage später sollte das Buch endlich in Druck gehen. Eppendorfer war im Verband deutscher Schriftsteller(VS), was zu dem von ihm gepflegten Ruf eines engagierten Autors gehörte.