© Gerard van Smirren

Angst vor der Gleichheit (Kurzfassung)

Ein Fanal

Am Montag veröffentlicht er auf seinem Blog ein Abschiedsmanifest. Am Dienstagnachmittag geht er in den für Besucher um diese Zeit gesperrten Chor von Notre-Dame, legt den Abschiedsbrief auf den Altar und erschießt sich. Dominique Venner, der Theoretiker der französischen Rechtsradikalen, setzt damit ein Fanal, nur wenige Tage vor der nächsten Großkundgebung am darauf folgenden Sonntag. Am Abend des Suizids grölen Rechtsradikale vor der Statue von Karl dem Großen das Landsknechtslied. Eine Strophe darin lautet:

Doch Furcht, die ist uns unbekannt,
Wie auch die Würfel liegen.
Wir kämpfen für das Vaterland
Und glauben, dass wir siegen.

In der politischen Folklore können wir das Lied mit dem berüchtigten Lied eines anderen wild gewordenen deutschen Katholiken vergleichen. Es ist nur ein paar Jahrhunderte jünger. Es zittern die morschen Knochen.

Die Geschichte spielt verrückt. Der in den Straßen von Paris randalierende Mob singt die Marseillaise. Gegen Freiheit. Gegen Gleichheit. Gegen Brüderlichkeit. Kaum macht die Nachricht vom Suizid Venners die Runde, bekundet Marine Le Pen via Twitter ihren Respekt.

Nicht einmal Eugène Ionesco hätte erfinden können, dass eine sozialistische Regierung ins Wanken gerät, weil sie das Sakrament der Ehe für alle zugänglich macht. Eine Weltpremiere des Wahnsinns. Der bekennende Heide Dominique Venner sucht vor dem Altar von Notre-Dame den Freitod, weil sein Blut den Kraftschluss mit den heidnischen Fundamenten herstellen soll. So verwandelt er sich in den Augen des am Sonntag randalierenden überwiegend katholischen Mobs in einen heidnischen Märtyrer, der Zeugnis ablegt für die politische Verirrung Frankreichs, die sich seines Suizids bemächtigt.

Die symbolische Überfrachtung könnte nicht verwirrender sein. Genau darin liegt die verheerende Logik. Die entleerten Zeichen werden gewaltsam umgeschrieben und in den Dienst einer Sache genommen, die die Idee der Zivilisation vor dem Altar der Kirche zum Opfer bringt. Im Namen der Zivilisation geht die Reise zurück in die Barbarei. Die Gleichzeitigkeit zur tiefen ökonomischen Krise Frankreichs wirkt wie ein Brandbeschleuniger: Die Vernunft ist außer Kraft gesetzt. Fortschritt bezeugt die Reversibilität seiner selbst. Rette sich, wer kann!

Es wäre zu einfach, die Randale in den Straßen von Paris unter der Chiffre der Homophobie abzulegen. Tatsächlich heißt das Wort, aus dem Altgriechischen übersetzt, Gleichheitsangst, Angst vor der Gleichheit. Was passiert, wenn unter dem Dreiklang der Großen Revolution von 1789 – Liberté, Égalité, Fraternité – der Kampf gegen die Gleichheit aufgenommen wird? Auf welche Idee der Gleichheit rekurriert die Randale? Die Gleichheit vor dem Gesetz kann es nicht sein: die treibt sie ja auf die Barrikaden.

Ihren Eingang in die Zivilisationsgeschichte fand die Idee der Gleichheit unter dem Eindruck der Sterblichkeit. Auch Gottgesalbte segneten das Zeitliche. Der König ist tot. Es lebe der König. Dieser Tradition folgt der Mob. Für unsterblich erklärt er die eigenen Normen, so wie einst das royale Regime sich selbst. Für sterblich und verderblich erklärt der Mob alles, was der eigenen Norm nicht entspricht. Die semantische Operation vollzieht im Namen der Gleichheit einen vorweg genommenen symbolischen Mord an den Ungleichen. Die semantische Operation wirkt wie ein Untatversprechen.

Sind wir Aliens?

Hinrich von Haarens Roman BRANDHAGEN führt den Leser in eine Welt, die wie nach Jahrhunderten der Langen Dauer dabei ist sich aufzulösen. Sein Außenseiter wird zu einem Resonanzkörper für die Mikrobeben, die diese Welt erschüttern. In ihm erwacht ein Fremder, der mit den Füßen danach scharrt, das Weite zu suchen. Was passiert in diesem eingeborenen Fremden? Er hört, er sieht, er fühlt. Er vergleicht. Er arbeitet wie ein Ethnopsychoanalytiker bei den Dogon. Nur leben seine Dogon nicht in Westafrika, sondern mit ihm zusammen in den Marschen des Nordens. Sie sind hoch ansehnliche Bürger und Kleinbürger, er dagegen ist ein Zweifelhafter. Er bildet mit seinem Körper, mit seinem Empfinden einen Resonanzraum für eine langsam an die Oberfläche dringende Sensation. ICH IST WIRKLICH EIN ANDERER.

In dem Jungen arbeitet das Anderssein sich vor in die Sinnesorgane. Als wenn sich ein Parasit von den Fußsohlen langsam einen Kanal ins Gehirn bahnte. Erst speichert er nur Eindrücke, Stimmen, Wörter, Urteile. Sie erklingen in dem Heranwachsenden wie ein auf Jahrhunderte angelegtes Konzert von John Cage. Von Jahr zu Jahr erklingt ein neuer Ton im inneren Halberstädter Dom des Knaben, erzeugt eine tiefere Resonanz, ermöglicht ihm, sein Anderssein wie ein vergleichendes Register zu verfeinern. Welche Rolle er selbst, welche seine Zukunft darin spielt, ist nicht ausgemacht. Das Coming-of-age bebrütet in ihm wie ein Treibhaus den Fluchtinstinkt. Die Welt, die ihn hervorgebracht hat, wird ihm immer fremder. Je fremder sie ihm wird, desto genauer gelingt es ihm, sie zu beschreiben. Als sei in seinem Inneren ein geborener Verräter am Werk. Allerdings ein Verräter, der eine den anderen verborgen bleibende Wahrheit ausspricht.

Lob des Verrats. Über Alan Turing

Das über Jahrhunderte überlieferte Leitmotiv der Turings lautete: Audentes Fortuna Juvat (Den Wagemutigen hilft das Glück). Gezeugt wurde Alan Turing im indischen Chatrapur, im Herbst 1911. Geboren wurde er im Paddington Hospital. Erste Jahre seiner Kindheit lebte er bei einer Pflegefamilie in der Nähe von Hastings, in einem Haus am Meer, während seine Eltern in Südindien lebten. Einmal ermahnte ihn seine Mutter, bevor sie wieder nach Indien fuhr: „Du wirst ein braver Junge sein, nicht wahr?” Und Alan erwiderte: „Ja, aber manchmal werde ich es vergessen.“

Der kleine Alan erfindet für das Schreien der Möwen das Wort „quockling“. Sein Kindermädchen rühmt die Intelligenz des Kleinen und „dass man nichts vor ihm verbergen konnte“. In seiner Schule spottete man in einem Lied über ihn, dass er beim Hockeyspielen die Gänseblümchen beim Wachsen beobachtete. Er habe das schnelle Laufen im Sport gelernt, um nicht vom Ball getroffen zu werden. Früh zeigt sich die Begabung für Mathematik, für Algebra und Geometrie, die Überführung von etwas Besonderem in das Allgemeine von Gesetzen.

Im zarten Alter von 15 Jahren entdeckt er in einer trigonometrischen Arbeit eine inverse Tangensfunktion. Ist das nicht ein wunderbares frühes Vor-Bild für sein Interesse an „verkehrten Berührungen“? Andrew Hodges´ Biographie lese ich wie Alan Hollinghursts Roman: The Stranger´s Child. Auch Hollinghurst erzählt vom Aufwachen und Aufwachsen in einer untergehenden Welt. Das Triebleben seiner Protagonisten formt Epen unvergesslicher inverser Tangenten. In diesem Erzählen entsteht das Bild einer verlorenen Welt als dem Raum für das eigene Erwachen. Nicht die Abkehr von Regeln, sondern die Erfindungskraft, sie zu umgehen, bezeugt sich darin, mit welcher Wehmut Hollinghurst verlorene Zeit wiederfindet. So beschreibt aus einer ähnlichen Haltung heraus Andrew Hodges Unordnung und frühes Leid des heranwachsenden Alan Turing. Die Liebe zur Mathematik, ja sogar für das Universum, das er in eigenen nächtlichen Bastelarbeiten reproduziert, findet ihr Echo in dem Inversen seiner Freundschaften und erotischen Verlockungen.

Alan Turing hat in Bletchley Park entscheidenden Anteil an der Entschlüsselung der deutschen Enigma. Das war die Verschlüsselungsmaschine für den Funkverkehr der Wehrmacht. Das mathematische Universalgenie, der Bastler eines eigenen Universums, findet eine mathematische Methode der Weltbeschreibung, die die unendliche Vielfalt und Diversität der Welt in eine unendliche Zahlenreihe überführt. Diskriminierungsfrei unterscheiden. Die genaue Deskription und damit die Dialektik des Ver- und des Entschlüsselns können wir deshalb auf einer Metaebene auch als Utopie verstehen. In dieser Utopie gelten nur mathematische Gesetze, diskriminierungsfrei, und damit zugleich auch frei dafür, Unterschiede zu erfassen, denn andernfalls würde sie versagen.

So wie Hinrich von Haarens Erzähler als ein Alien im norddeutschen Marschenland aufwächst und die Codes der bürgerlichen Welt, diesen morosen Kerker für einen wie ihn registriert, so können wir Turings Biographie lesen wie die Ausbildung eines Coders. Erst sieht er sich selbst den Codes einer Welt unterworfen, die das eigene Leben bedrängt und einem Strafgesetz unterwirft, das ein Leben im Verborgenen, ein Leben in Andeutungen, ein Leben in Maskerade erzwingt. Dann kommt die nationale Stunde der Bewährung, in der das mathematische Genie das Vaterland rettet. Was bisher bloß als Drama seinen Lauf genommen hatte und den Helden zum Triumph geführt zu haben schien, endet als schmähliche Tragödie. Der Retter des Vaterlands wird wegen seiner Homosexualität verurteilt und chemisch kastriert. Darüber fällt er in eine tiefe Depression und stirbt an einer Cyanidvergiftung.

Das Leben und das Werk Turings lese ich wie eine epische Metapher über die Entzifferbarkeit einer enigmatischen Welt. Es gibt in dieser Welt Geheimnisse diverser Ordnungen und Unordnungen. Turings Leben wirkt wie ein Prozess des Verstehens feiner und nicht so feiner Unterschiede, wie ein Ausweichen vor dem Ungenügen dieses Verstehens in eine höhere Ordnung des Verstehens und damit die Begründung einer anderen Beschreibbarkeit der Welt. Das Beschreiben birgt aus der Perspektive der Evolution das Weiterschreiben, ja auch ein Umschreiben in sich.

Small Town Boy

Ihr kennt das Lied von Jimmy Somerville:

Du haust am Morgen ab / Mit allem, was du hast / in einem kleinen schwarzen Koffer / Stehst du auf dem Bahnsteig / Wind und Regen / Auf dem traurigen verlorenen Gesicht.

Mutter wird nie verstehen / Warum du gehen musstest / Die Antworten, nach denen du suchst /sind nicht zuhause zu finden. / Die Liebe die du brauchst / gibt es zuhause nicht. Nie.

Lauf weg, hau ab.

Rumgeschubst und getreten / Immer so ein Alleiner / Warst du der / über den sie tuschelten / wie sie dich herabsetzten. / Und wie hart sie es auch versuchten / Dich zu verletzen, bis du weintest / Schriest du nicht zurück / Nur zu dir selbst. / Nur zu dir selbst

Lauf weg, hau ab. / Weine Junge, weine

Du haust am Morgen ab / Mit allem, was du hast /in einem kleinen schwarzen Koffer / Stehst du auf dem Bahnsteig / Wind und Regen / Auf dem traurigen einsamen Gesicht.

Lauf weg, hau ab.

Was passiert in Falk Richters Stück? Was liegt in diesem Lied für eine Sprengkraft? Reicht es aus, es in die fixe Rubrik der Homophobie zu packen und damit still zu stellen? Denn das ist mein erster Eindruck von der bisherigen Resonanz auf das Stück. Die Kritiker machen es sich zu einfach, wenn sie das Stück aus der radikalen Absurdität zurück in das prähistorische sozialrealistische Drama wuchten, um so der Irritation zu entkommen.

Sein Stück beginnt mit einer Gegenwartsszene, die jeder von uns kennt. Das Versagen des eigenen Sprechens, des Suchens nach Worten dafür, wonach wir suchen. Können wir so genau, wie unser Verlangen es verdient, dafür Worte finden, die mehr als nur der vergänglichen Sehnsucht nach einem Abenteuer gerecht werden? Immer bleibt da etwas Anderes, nicht Ausgesprochenes, immer steht da noch eine andere Verlockung an der falschen Stelle, statt nun und jetzt zu ihm oder zu ihr zu sagen, komm mit oder ich zu dir, oder lass uns unter den Regenbogen ziehen. Die Sehnsucht nach dem „Verweile doch, du bist so schön“ erzwingt eine performative Kraft, die vielleicht nicht jeder drauf hat.

Was passiert, wenn die Suche nach dem kleinen oder großen Glück ihr Ziel aus den Augen verliert? Wenn jede Begegnung sich als zweite Wahl, als Abklatsch, als schale Wiederholung entpuppt? Was erzählt der Auftakt des Stücks über eine Welt, in der persönliche Suchanzeigen nach dem nächsten kleinen Glück mit solchen Sätzen enden wie „Tunten, Rechtswichser, Linkshänder, Brillenträger, Opas, Bären, Kleine, Große, Abba-Fans zwecklos?“

Die Omnipräsenz des Lebens der Anderen führt auch ohne Stasi dazu, dass unser Leben zu einer einzigen unablässig dem Vergleich unterworfenen Großübung zusammenschnurrt. Erinnert euch an das Lied: Small Town Boy. Es gibt kein Entkommen. Die kleine Stadt, der du eben erst entkommen bist, trägst du in dir selbst. Mach dich darauf gefasst, dass auch dein nächster Traum in die Binsen geht.

Was meine Generation noch als Utopie-Idee ernst genommen haben mag, verwandelt sich in der konformistischen Konsumgesellschaft von heute (Pasolini hat sie früh erkannt) in einen „Waswärewenn”-Irrealis. Die Wahrnehmung des Anderen verkommt zu einem psychiatrischen Diagnoseschlüssel.

Immer wieder funken Traum und Trivialität des Alltags durcheinander. In die hermetisch abgedichtet scheinende Welt wehen Realpartikel aus dem Anthropozän, ob es der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien oder das Menschenabschlachten in Ruanda ist, tut kaum etwas zur Sache. Wie sieht es aber tatsächlich aus, wenn der Punkt gekommen ist, an dem deine inneren Widerstände geschliffen sind und du keine Nachrichtensendung mehr sehen kannst, ohne in Weinkrämpfe zu verfallen? Was muss passieren, dass du die Welt wieder wahr-nimmst?

Liebe ist Utopie. Mit Sex an jeder Ecke kannst du lange danach suchen. Das Leben in den Netzwerken erinnert an die Wahrnehmungshäutchen von Lukrez. Sie verwehen im Netz. Das Sich-Verlieren im virtuellen Raum wird um so dramatischer, je trivialer und selbstverständlicher wir eintauchen. Wir entkörpern uns.

Richter surft mit dem Surrealismus unserer Zeit, in dem mehr als nur ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf einem Seziertisch zu einander finden. Unser Surrealismus überlässt nichts mehr dem Zufall, nicht alles ist möglich, sondern alles ist wirklich, ob es euch passt oder nicht. Der „Frühling der Reaktionäre“ bringt zu Gehör, wie die Bilder aussehen, die uns durch den Kopf schießen, den Subtext, die innere monströse Wahrheit, die keiner hören will. Das Stück reist mit uns in eine grell beleuchtete ewige Nacht. Wir erkennen uns selbst nur noch in Fragmenten, sehen die anderen dagegen überlebensgroß. Oder ist es umgekehrt? Nicht mehr das Pathos einer conditio humana, sondern ein politisch im Exzess unkorrekter Blick vom Überwachungsturm auf das, was hier los ist.

Lob der Differenz

Es wäre völlig absurd, dagegen zu protestieren. Die vielen Stimmen, die Richter hörbar macht, mögen unsere sein oder nicht, es geht nicht um Abstand. Wenn es eine unverfallbare Kraft in uns allen gibt, dann ist es die lebensgeschichtlich eingeborene erinnerbare Kraft: Differenzen wahrzunehmen. Wir verkörpern Differenz. Nicht nur in den Augen der anderen. Auch und besonders im eigenen Erfahren. Wo diese innere Stimme verstummt, laufen wir wie richtungslos durch die Welt, gehen wir verloren. Sie macht uns kenntlich für uns selbst.

Darauf kommt es an. Denn aus dieser Erfahrung nähren wir die Sehnsucht nach Gleichheit. Wir beglaubigen sie durch jede einzelne Geschichte. Wie aber begegnet unsere Sehnsucht nach Gleichheit (in Kenntnis der Differenzen, im Lob der Unterschiede) der Angst vor der Gleichheit? In welcher inneren Beziehung stehen die drei großen Ziele der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit?

Die Angst vor der Gleichheit nimmt ihre aggressiven Impulse aus verweigerter Freiheit. Denn wenn wir die Differenzen verkörpern, wenn unsere Sehnsucht nach Autonomie den anderen Angst einflößt, dann liegt das auch daran, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens die Idee der Freiheit verkörpern. Wir haben uns die Freiheit genommen, Differenzen sichtbar zu machen. Wir zeigen, dass Freiheit möglich ist.

Die Angst vor der Gleichheit ist eine Maske der Unfreiheit. Unter den Massenprotesten in Frankreich wuchs sie wie eine Metastase in Gesichter des Hasses. Die Maske wächst ins Fleisch und wird Gesicht, schrieb Thomas Brasch. Die Differenz zu suchen, zu finden, zu bezeugen und auszuhalten, verstehe ich schließlich als das beste Gegengift gegen die Gleichgültigkeit. Wir sind empfindlicher, als wir oft zugeben. Die darin liegende Kraft ist unermesslich.