© Gerard van Smirren

Regelbruch als Versprechen. Anmerkungen zu Jung & Naiv

Der folgende Beitrag ist eine kleine Kostprobe auf einen Essay, den ich für einen von Günter Bentele und Felix Krebber bei Springer VS herausgegebenen Sammelband geschrieben habe. Das Buch erscheint im Spätsommer 2014. Ich habe zur Illustration den Beitrag um die jüngste Folge von Jung & Naiv ergänzt, Tilo Jungs Gespräch mit Glenn Greenwald. Ich empfehle besonders den Schluss, an dem Tilo mit Glenn über das Crowdfunding für Krautreporter redet. Die deutsche Übersetzung dieser Passage findet man am Ende dieses Beitrags.

Vorbemerkung
Gibt es Indizien für paradoxe Verarbeitungsmuster des Wandels, den wir in der Medienwelt erleben? Ende Januar 2014 stellt der Perlentaucher (Chervel/Seeliger 2014) seine tägliche Feuilleton-Übersicht um. Nun trifft das Perlentaucher-Team eine Auswahl entlang der weltweiten Emergenz neuer Themen und Debatten. Sein Publikum, bisher daran gewohnt, auf einen Blick zu erfassen, welches führende deutsche Printmedium welche Themen bringt, reagiert irritiert. Bisherige Relevanz-Kriterien (die FAZ eröffnet mit Sotschi, die Süddeutsche mit Bayreuth) scheinen dahin. Nur mit Mühe (wenn überhaupt) scheint genau die Frage noch beantwortbar: Wer bringt was? Nur warum das überhaupt noch wichtig sein könnte, genau danach wird nicht gefragt. Die Lebenswelt der an den Diskursen Interessierten scheint erschüttert. Sie wirken auf die Ungleichzeitigkeit nicht vorbereitet. Dass die neue Übersicht neue Koordinaten für die Wahrnehmung von Relevanz bereit stellt, tröstet nicht die uneingestandene Trauer über den Verlust der alten institutionalisierten Relevanz.

Das Beispiel illustriert auch die eigene Intention des Verfassers. Denn als hybride Figur, Autor der FAZ und der taz, als Blogger und als erfahrener Berater schreibe ich über eine neue mediale Figur, über ein Projekt, das allein durch seinen eigenen Auftritt eine Vielzahl von Fragen an etablierte Medien, an ihr Rollenverständnis und ihren Wandel aufwirft. Die Anmerkungen beziehen sich insofern ausdrücklich nicht allein auf den einen Akteur, sondern zugleich auf die Konstellation anderer Akteure, in deren Windschatten er arbeitet. Der Verfasser begleitet das Projekt als beratender Redakteur. Der Beitrag steht deshalb in der methodischen Tradition teilnehmender Beobachtung.

Selbstermächtigung
Anfangs gedeiht das Talent im Verborgenen. Irgendwo im Berliner Wedding sitzen zwei junge Männer in einer großen Küche und unterhalten sich über politische Themen. Minimalismus ist die Devise ihres Arrangements. Schneller Wechsel zwischen Fragen und Antworten, oft etwas flapsig. Eine noch etwas unscharfe Rolle nimmt Gestalt an. Wie sieht diese Rolle im Kontrast zu den etablierten Medien aus? Sie wirkt roh, ahnungslos, begriffsstutzig. Ihr Erfinder betrachtet die gelernten audiovisuellen Gesprächsformate als Fiktion und entwickelt im Kontrast zu ihnen ein eigenes Narrativ.

Es zeigt sich anschlussfähig für sozialwissenschaftliche Situationsbeschreibungen abnehmender Akzeptanz und sinkenden Vertrauens in die Institutionen der  Gesellschaft. Die Selbstbeschreibungen der Institutionen und ihre öffentliche Wahrnehmung driften auseinander. Institutionelle Diskurse wirken porös. Strategisch gesteuerte Versuche, diesen Prozessen durch interne und externe Beratung entgegenzuwirken, erzielen paradoxe Resultate.

Je mehr Situationen zustande kommen, die von allen an ihnen beteiligten Akteuren mit eigenen Skripten bespielt werden, desto rapider wächst das Misstrauen in die makellos scheinenden Oberflächen. Der Lotuseffekt der abgedichteten Skripte lässt Kritik abperlen wie Schmutz von Autolacken. Das merken vielleicht noch nicht alle. Das Unbehagen daran aber wächst rasant.

Warum ist das so? Wer zu Skripten als Prothesen institutioneller Kommunikation greift, tut das nicht aus einer ethischen Motivation, setzt nicht auf herrschaftsfreie Kommunikation, sondern wird angetrieben von Statusunsicherheit. Hinter den makellosen Skripten wittern sensorisch begabte Beobachter namenlose Angst. Nichts darf dem Zufall überlassen werden.

update

Ein längerer Auszug aus dem Gespräch Tilo Jungs mit Glenn Greenwald ist am Dienstag, den 3. Juni auf der Medienseite der FAZ nachzulesen. Hier die Vorankündigung dazu.

Soviel aus meiner Werkstatt eines Krautreporters.

Hier die Übersetzung des Teils, in dem Tilo mit Glenn über Krautreporter redet.

Nehmen wir mal an, die New York Times braucht einen neuen Chefredakteur. Was würdest du Sulzberger jr sagen, wenn er dich fragen würde? Nähmst du das Angebot an?

Tatsächlich wissen wir doch, wie jetzt gerade erst zu lesen war, dass der Chefredakteur nicht der Chef ist. Die Sulzbergers sind Chef. Ihnen gehört der Laden. Der Chefredakteur bedient die journalistische Agenda und Präferenzen der Familie oder aber sie wird gefeuert wie jetzt Jill Abramson. Was auch immer mir angeboten wird, für mich zählt nur eins: Behalte ich die Autonomie und Unabhängigkeit, auf die es mir immer angekommen ist und ist diese Zusage belastbar? Wenn das nicht der Fall ist, dann ist kein Angebot der Welt das Opfer wert, denn bloß ein kleiner Schritt in diese Richtung führte mich auf den gleichen Weg wie Angela Merkel oder Barack Obama, auf dem du vielleicht sogar glaubst, dass es das Opfer wert wäre, aber er ist es nicht.

Muss der Chefredakteur der New York Times den Eigentümern nach dem Mund schreiben?

Nein, er bekommt keine täglichen Anweisungen, aber er muss die Zeitung so managen, dass sie den Interessen der Eigentümer gerecht wird und ihre Präferenzen berücksichtigt.

Ich habe dir ja schon von unserem Projekt der Krautreporter erzählt, vielleicht ist es so etwas wie die deutsche Variante von Intercept, nur ohne Milliardär. Wir versuchen gerade, das Geld über Crowdfunding einzusammeln.

Um das genau zu verstehen: Wenn plötzlich und ganz zauberhaft ein Milliardär auftauchte und euch sagt, hey, was für eine gute Idee, ich möchte euch das Geld geben und garantiere euch eure Unabhängigkeit, dann würdet ihr das Geld nehmen, oder?

Wenn er akzeptiert, dass er genau so viel zu sagen hat wie einer, der nur zehn Euro gegeben hat.

Genau, dann würdet ihr das akzeptieren?

Klar.

OK; ich wollte das nur klären.

Was hältst Du von einem Journalismus, den die Leser finanzieren, ist das gut oder findest du das auch gefährlich?

Nein, ich finde das gut. Tatsächlich habe ich mich in den ersten drei oder vier Jahren, als ich bloß mein Blog hatte, genauso finanziert, bis ich zu „Salon“ gewechselt bin. Die Leser, die mir Geld gaben, haben an mich und an mein politisches Verständnis von Journalismus geglaubt. Einmal jährlich hatte ich eine Geldsammelwoche und damit konnte ich mich über Wasser halten. Das Gute daran ist, dass du tatsächlich nur deinen Lesern gegenüber verantwortlich bist.

Warum?

Das kann auch seine eigenen Gefahren haben, wenn du das Gefühl bekommst, dass du deinen Lesern nach dem Mund schreibst und nach Möglichkeit zu schreiben vermeidest, was sie nicht so gut finden. An jeder Finanzierung hängt eine Erwartung, ganz gleich, ob sie von einem Konzern, einem Milliardär oder von einer Crowd bereitgestellt wird.

Denn du möchtest weiter beliebt sein, du möchtest, dass sie dich weiter finanzieren, und das kann genauso korrumpieren, deshalb musst du deine Unabhängigkeit um so schärfer deutlich machen, egal ob dich nun ein Großunternehmen oder die Crowd finanziert. Das heißt, du musst ihnen manchmal vielleicht sogar vor den Kopf stoßen, um deine Integrität und Ehrlichkeit zu bewahren.

Insgesamt aber finde ich Crowdfunding großartig. Es gibt nur ein Problem, und das habe ich im vergangenen Jahr besonders gelernt: Wenn du dich als gründlich arbeitender investigativer Journalist mit den mächtigsten wirtschaftlichen und politischen Interessen anlegst, dann brauchst du nicht nur Geld für deinen Lebensunterhalt, sondern dann brauchst du verlässliche Ressourcen, um deinen Gegnern auf Augenhöhe standzuhalten. Du brauchst Redakteure, du brauchst Faktenchecker, du brauchst weitere Reporter und Techniker…

Die haben wir …

… und du brauchst Ausrüstung und Reisekosten …

Die haben wir nicht …

Außerdem brauchst du auch Anwälte. Ein Problem der amerikanischen Medien ist ja, dass viele von ihnen finanziell auf wackligen Beinen stehen und elende Angst davor haben, von großen Unternehmen vor Gericht gezerrt zu werden oder eines Tages auf der Anklagebank zu landen. Das macht ihren Journalismus risikoscheu. Ständig schwirren da Anwälte herum, um die Blätter oder Sender vor irgendwelchen Prozessen zu bewahren und das produziert ein ernst zu nehmendes Klima der Angst.

Allein die Anwaltskosten für meine Reportagen aus dem letzten Jahr betrugen Millionen von Dollars. Wäre ich damit allein gewesen oder nur mit ein paar Freunden, dann hätten wir ein massives Problem.

Das gleiche gilt für sichere Technik, für Expertenhonorare und Reisekosten für mich oder für Leute, die zu mir kommen mussten. Das waren die Gründe, warum ich nach diesem Jahr darüber nachzudenken begann, wie unsere eigene Plattform aussehen sollte und wie sie zu finanzieren wäre.

Die Einsicht war: Wenn du als Journalist furchtlos arbeiten willst, brauchst du nicht nur die Ressourcen, sondern musst auch wissen, dass da jemand hinter dir steht und genügend Geld da ist, um dich im Falle eines Kampfes wirksam zu beschützen. In deinem Hinterkopf möchtest du keine Angst davor haben, dass du dir einen solchen Kampf nicht leisten kannst.

Wir brauchen also besser zwei Milliardäre.

Ja, das wäre mein Rat.

Was denkst du über die Arbeitsweise eines Newsrooms, ohne Boss, der einem erzählt, was zu tun ist, mehr so ein horizontales Modell. Jeremy Scahill sprach voriges Jahr über euer Modell. Warum ist das gut, warum steht es für die Zukunft des Journalismus?

Ein zerstörerisches Problem für den Journalismus ist der Ungeist dieses Korporatismus. Großunternehmen als Eigentümer der größten Medien verordnen dann so eine „Unternehmenskutur“. Das ist in der Regel mit einer strengen Hierarchie verbunden, mit Berichtspflichten von unten nach oben. Damit stellen sie sicher, dass der ganze Laden in Übereinstimmung mit der Unternehmensagenda spurt. Das verwandelt Journalisten in Angestellte und die vermeiden bekanntlich Kontroversen. Sie haben gelernt, Kontroversen zu vermeiden. Sie haben es zu vermeiden gelernt, mächtige Leute vor den Kopf zu stoßen. Sie haben gelernt, Autoritäten keine Fragen zu stellen, sondern ihnen zu dienen. Genau das hat den Journalismus jeder Leidenschaft und jeder Lebendigkeit beraubt, denn man sagt ihnen immer wieder, dass sie nicht ihre eigene Stimme erheben, nicht ihre Leidenschaft zeigen dürfen, dass sie nicht die Menschen sein dürfen, die sie sind, sondern sich auf die Rolle und das Modell zurückstutzen lassen müssen, das ihr Unternehmen ihnen verordnet, das ihnen vorschreibt, wie sie zu denken, was sie zu sagen und was sie nicht zu sagen haben. Das hat den Journalismus nicht nur schwach und impotent, sondern auch unendlich langweilig gemacht.

Darum suchen so viele Leute nach alternativen Quellen.Das horizontale Modell sagt, du arbeitest mit anderen zusammen, weil das eure Arbeit besser macht; wenn da also jemand sagt, dass Fakten fehlen, und du darauf antworten kannst, dass er sich irrt und die Fakten nachgeprüft sind, so läuft das. Du hast Kollegen, Leute, mit denen du gerne zusammen arbeitest. Was keiner von uns braucht, ist ein Modell, das dir von oben vorschreibt, wie du denken und reden sollst. Denn das beraubt den Journalismus aller Leidenschaft und Lebendigkeit. Deshalb ist das horizontale Modell entscheidend für einen interessanten, zupackenden Journalismus.

Wir finden den Online-Journalismus kaputt. Du sagst, er langweilt.

Das alte Medienmodell ist langweilig. Die Großunternehmen als Eigentümer von Medien. Viele von den neuen Medien sind langweilig, weil sie bei den alten abschreiben und das dann online stellen. Das ist weder neu noch innovativ und schon gar nicht interessant. Was Journalismus wirklich interessant macht,ist die Vielzahl interessanter Menschen, die sich dafür engagieren. Viele Medien strengen sich an, genau das zu ersticken und zu töten. Für mich macht das den entscheidenden Unterschied aus.