© Gerard van Smirren

„Ich bin doch nur kurz etwas essen gegangen.“ Eine Zugnovelle

Das Charakteristische an einer Novelle sei, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Hier soll von einer Begebenheit die Rede sein, die ich erst heute, auf der Rückfahrt von Köln nach Berlin, in einem Zug erlebt habe. Ich saß, wie fast immer, im ersten Waggon hinter dem Speisewagen, war nach einer kurzen Nacht und einigen arbeitsreichen Tagen müde und döste vor mich hin, als ich durch einen Wortwechsel aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Wir hatten eben erst den Bahnhof von Hamm hinter uns gelassen, an dem der aus Köln kommende Zug an einen weiteren Zug angekoppelt wird. Das leise Rucken des Rangierens mag mich aus dem tieferen Schlaf gerissen haben, wenn da nicht auch zuvor schon ein rätselhaft hektisches Bewegen an mir vorbei gewesen wäre. Jedenfalls höre ich eine leicht neurasthenisch klingende Männerstimme (höhere Tonlage, nervös, etwas Drängendes, ja, fast Panisches lag in ihr) die in Hamm zugestiegenen Passagiere, die hinter mir saßen, nach ein paar Papieren fragen, die sich zuvor auf ihrem Platz befunden haben sollen.

„Ja“, antwortet eine andere Männerstimme, „die habe ich weggeschmissen.“

Es gibt Situationen, die kennen wir alle, abbrechende Kommunikation, Fassungslosigkeit, der Schock eines hingefallenen Kindes, das darob, erst ewige Sekunden nach dem Schreck, plötzlich zu brüllen beginnt. Hier nun, in einer eher flehenden Tonlage, fragt der nach seinen Papieren suchende Fahrgast in einem nah an Verzweiflung grenzenden Ton letzter Hoffnung danach, wo denn dieser andere Passagier die Papiere weggeworfen habe.

„Ja“, sagt der, „die habe ich in Hamm auf dem Bahnhof in den Müll getan, das war doch so viel.“

Ein Aufräumer. Die ihn begleitende Ehefrau kann sich unsichtbar machen. „Ich bin ein begleitendes Polster, heute im Sitzmuster des ICE.“

Inzwischen habe ich mich umgedreht, um eine Idee davon zu gewinnen, wer über einen so ausgeprägten Ordnungssinn verfügt, dass er ein voluminöses Papierbündel (Manuskriptseiten, voll mit handschriftlichen Anmerkungen) für Abfall erklärt, der augenblicklich in den Müll auf den Bahnsteig hinausgetragen werden müsse.

Seine Gesichtszüge bezeugen Unordnung und spätes Leid. Ein über leicht eingefallenen Hamsterbacken hochfahrendes Gesicht, mit halbvoluminösem Resthaar über ausgeprägten Geheimratsecken, die dem über ihnen aufragenden schütteren Schopf wie schnittig eingekerbte Kotflügel eines tiefer gelegten Automobils eine Beschleunigung ins Hohe hinaus verleihen.

Die Aufregung des Fahrgastes versteht er nicht. Seine Mimik wirkt unbeirrbar, als wollte er einwenden: „Aber ich habe doch sofortigen Vollzug angeordnet.“

Der um seine Papiere gebrachte Mann hat jetzt den Leidensgipfel des hingefallenen Babies hinter sich. Die Felle sind hinfort, das Lebenswerk vernichtet, unwiederbringlich dahin, Hamm so unerreichbar wie das prorussische Donezk, die Papiere längst durch den Bahnsteigvorsteher zu einem Autodafé entzündet. Er brüllt, gebändigt resigniert, nicht los, sondern versucht pädagogisch zu intervenieren, der mimischen Selbstgerechtigkeit des Missetäters durch einen nachholenden Appell an Intuition zu begegnen.

„Aber Sie können doch nicht einfach etwas wegwerfen, das erkennbar kein Abfall ist! Außerdem liegen über diesem Sitz meine beiden Koffer. Sie hätten sehen können, dass hier ein anderer Passagier saß. Ich bin doch nur kurz etwas essen gegangen. Das war das Manuskript einer komplizierten technischen Gebrauchsanleitung, das Sie weggeworfen haben. Da steckt jahrelange Arbeit drin.“

Er hat sich in sein Schicksal gefügt. Weg ist die Frucht der Arbeit. Aber höre ich da nicht auch leise einen anderen Ton, der sich hineinmischt und aus dem ein Seufzer der Erleichterung durchklingt?

„Endlich ist dieser zähe Mist dahin, dieses Bankert an saurer Arbeit, das mich schon so lange gequält hat!“ In ihm reift ein Plan, glimmt neue Hoffnung, hey, auf einen Schlag nicht nur das Mistmanuskript weg, das mir das Leben vergiftet hat, für den der Lohn längst in der Ferne verschwunden war. Jetzt kommt von unerwarteter Seite ein Ausweg in Sicht.

„Sie müssen mir Ihren Namen und Ihre Adresse geben. Sie müssen den mir entstandenen Schaden ersetzen.“

Der Herr mit Ordnungssinn im sofortigen Vollzug, das fällt mir erst jetzt auf, reagiert gar nicht mehr. Er schweigt, darin durch seine ICE-Polstermimikryehefrau bestärkt, als sei er gar nicht mehr anwesend, vertieft er sich etwas angestrengt in eine Zeitung, die er wie ein Schutzschild etwas zu hoch vor den Kopf hält. Dahinter ist er verschwunden, wie aus der Welt.

Den um sein Lebenswerk gebrachten Fahrgast beseelt nun eine allerletzte Hoffnung, doch noch wenigstens diese Zuflucht zum Schadensersatz nicht aufzugeben. Er wendet sich, wieder in diesem Ton leichten Flehens, an die Schaffnerin, sie möge diesen Passagier dazu zwingen, seine Personalien anzugeben. Soweit das aus der Ferne zu verstehen ist, scheint die Schaffnerin eher von robuster Natur zu sein, indem sie den Fahrgast auf seine unterlassene Sorgfalt im Umgang mit seinem Lebenswerk hinweist.

Er fügt sich in sein Schicksal, geht wortlos zurück, setzt sich auf der anderen Seite des Ganges neben die Polsterehefrau. Jetzt ist alles dahin. Die Arbeit. Das Manuskript. Die Hoffnung. Der Schadensersatz.

Je genauer ich, mit der nötigen Diskretion, versuche, mir ein Bild von ihm zu machen, desto ähnlicher scheint er dem so ordnungsbedachten Vollzugspassagier. Da haben sich zwei gefunden, die für einander bestimmt waren. Und so sitzen sie nun nebeneinander im Zug nach Berlin. Fast, denke ich, läge es in ihrer Hand, dieses schicksalshafte Aufeinandertreffen als ein Füreinanderbestimmtsein zu verstehen.

Er wird dem Ehepaar folgen. Sie werden fortan unglücklich zusammenleben. Manchmal erzählt er ihnen von seiner komplizierten technischen Gebrauchsanleitung. Dann lachen sie gequält.