© Gerard van Smirren

Mehr Licht – oder nicht?

Wohin die Ehrlichkeit führen kann. – Jemand hatte die üble Angewohnheit, sich über die Motive, aus denen er handelte und die so gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoß, dann Verdacht, wurde allmählich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft erklärt, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder dasselbe zudrückte. Der Mangel an Schweigsamkeit über das allgemeine Geheimnis und der unverantwortliche Hang zu sehen, was keiner sehen will – sich selber –, brachten ihn zu Gefängnis und frühzeitigem Tod.

 

Die Debatte über den durchsichtigen Menschen ist so aktuell nicht. Nietzsche schrieb das einleitende Zitat über zwanzig Jahre vor Sigmund Freuds Traumdeutung. An beide erinnert Hans Blumenberg in „Undurchsichtigkeit“ (Begriffe in Geschichten). Blumenberg erinnert zunächst an den alten Traum, unsichtbar zu sein. In diesem Traum mischen sich viele Motive. Harun al-Rashid kommt in den Sinn, der unsichtbare gute Herrscher, die Tarnkappentechnik und Harry Potters invisibility cloak. Herrschaft, Ohnmacht, Technik und List finden zusammen im Traum davon, unsichtbar zu sein. Etwas sichtbar zu machen, etwas zu erhellen, kennzeichnet bis in die Semantik den Begriff und die Praxis der Aufklärung (enlightenment, Lumière), Licht in dunklen Ecken.

Wolfgang Schivelbuschs Geschichte der künstlichen Helligkeit berichtet davon, dass Aufständische die öffentlichen Lampen zerstörten. Sie wandten sich gegen die Lampen als Instrument der Überwachung. Zerstörte Gaslaternen machten bald darauf die Nacht zum Tag. Erst später wurde das Licht wieder zu einer revolutionären Metapher (Sowjetmacht und Elektrifizierung), während wir heute im Begriff sind, zum Obskurantismus zurückzukehren, weil nun anstelle des Lichtes die in Echtzeit abgeschöpften Datenströme den Traum von der Unsichtbarkeit von neuem aufflammen lassen.

Schien das Unsichtbarsein bisher der modern entpersonalisierte Traum von Herrschaft, ergreift die Utopie des Unsichtbarseins unter dem Eindruck des NSA-Spähskandals von neuem die Massen. Um genauer zu sein: der Traum davon, sich unsichtbar zu machen, Spuren zu verwischen, Daten zu verstecken und zu verschlüsseln. Fast scheint es, als illustrierte der Traum den technischen Fortschritt als ein Oszillieren zwischen Macht und Ohnmacht.

Der stille Brüter, eine aus dem Blickwinkel der Kommunikationsgesellschaft unerfreuliche Figur, verwandelt sich in ein Sinnbild trübster Datenautonomie. Das kann es nicht gewesen sein. Deswegen habe ich auch so lange dafür gebraucht, auf diesen Beitrag von Peter Galison in der FAZ zu reagieren.

Er endet mit dem Absatz:

Wer die digitale Identität kontrolliert, kann nach Gewohnheiten, Anomalien, sozialen Kontakten, Seelenzustand und Gefährdungen suchen, um zu verkaufen, zu überzeugen oder, im Extremfall, zu vernichten.

 

Die Trias des Verkaufens, Überzeugens und Vernichtens dementiert in der so beschriebenen Praxis des Überwachungsstaats alle Werte, die derselbe Überwachungsstaat zu schützen vorgibt. Mir scheint dieser dystopische Blick die historische Dialektik der Technikentwicklung zu unterschätzen. Galison begeht damit fast spiegelbildlich den gleichen Fehler wie die Utopisten, die das Netz als die große Emanzipationsmaschine der Bürgergesellschaft priesen.

Blumenberg beendet seine Meditation über die Undurchsichtigkeit mit einer mokanten Feststellung:

Ist es nicht erstaunlich, daß ein Arthur Schnitzler auf die bloße Lektüre der Traumdeutung durch eine gesteigerte Traumtätigkeit reagiert?

 

116 Jahre später gibt es Grund für die Annahme, dass die Selbstdurchsichtigkeit des Menschen für sich selbst trotz, vielleicht auch ein bisschen wegen der Psychoanalyse eher einer neuen Obskurheit gleicht. Allerdings bezeugen bildgebende Verfahren, dass in dem menschlichen Organismus, abhängig von Umgebungsreizen der unterschiedlichsten Art, neue Gefäße zu sprießen beginnen, Adaptionen zur Wiederherstellung eines neuen Gleichgewichts auf höherer Stufe. Vielleicht ist das der besondere Grund für den Erfolg des norwegischen Autors Karl Ove Knausgaard. Sein opus magnum wirkt so, als habe ihm Nietzsches Miniatur als Bauplan gedient.