© Gerard van Smirren

Halbweltkulturerbe

Manchmal passiert so etwas. Gestern Abend zum Beispiel. Volker Hauptvogel machte den Auftakt. Ein Wort gab das andere.

VH: In Berlin macht das erste Haitianische Restaurant auf. Im Original Trümmerambiente, dazu Schlammkuchen, serviert von ehemaligen Ton-Ton-Macoutes und Kindersklaven.

HH:… mit angeschlossener Cholerakloake und Originalblauhelmen zum Anfassen.

VH: … an der Bar Richard Burton, Liz Taylor und samstags Haile Selassie.

HH: Ryszard Kapuściński stellt nach, wie das Hofzeremoniell bei Haile Selassie ablief. Frank-Walter Steinmeier stößt dazu und singt ein berüchtigtes Georg Kreisler Lied.

VH: Haile Selassie überreicht allen Anwesenden eine kleine Zigarrenschachtel, allerdings in der Form eines Sarges. Das Kribbeln in meiner Hand nach seinem Händedruck bin ich nie wieder losgeworden. Jamaica, in den 50ern.

HH: Randy Newman kommt manchmal vorbei und singt Lieder über Mörder. Tom Waits schlägt dazu die Zimbel und sagt nichts. Hier arbeiten Quentin Tarantino und Jim Jarmusch mit Christoph Schlingensief (alle sind sie da, die schrägen Vögel) an ihren nächsten Filmen. Bazon Brock installiert daneben den Zookäfig, um den er vor 50 Jahren für sich selbst Bernhard Grzimek  gebeten hat. Helmut Höge liest jeden Abend aus dem Companionship Manifesto von Donna Haraway. Pynchons Hunde aus „Against the Day“ singen ihre Lieder, wenn die Blauhelme genug Fleischstückchen mitbringen. Manchmal schießt einer von ihnen auf die Flutscheinwerfer. Wir erhalten für unser brüchiges Environment vom Hauptstadtkulturfonds einen einmaligen Zuschuss mit der Zweckbestimmung, das nächste Leben hier einzuüben.

VH: Strafgefangenchor, wie immer ohne Lobby, einen Schock stark, das sind zwei Dutzend, huldigen Papa Doc: Duvalier, unser Vater, unser Gott, Präsident auf Lebenszeit. Wiglaf Droste dirigiert die körperlose, natürlich wie immer tödlichste Doris aller Zeiten.

HH: Wolfgang Müller orchestriert stündliche Schweigeminuten, in denen er uns mit Musik über Wasser hält. Nach zwei Wochen steht das Ensemble unter UNESCO-Schutz als Halbweltkulturerbe.

VH: Was macht denn Idi Amin jetzt hier? Ha! Er rezitiert aus dem GRAB DES WEISSEN MANNES von Richard Dooling.

HH: Edward Said rezitiert als cut up loop: The white man’s burden is another white man!

VH: 1:11 Uhr. Kein Karneval, der nie endet. Mein Griot geht voran und singt „Heimwärts ist rechtwärts, lass uns gehen Bettwärts!

HH: Hans-Christoph Buch muss nachts um 3 immer Heiner Müllers „Der Auftrag“ vorlesen – mit anschließender Selbstkritik zum fehlenden Klassenstandpunkt.

VH: Es ist die NACHT DES GROSSEN JÄGERS, der Leopardenmann, der Elefantenmann und der Krokodilmann sind, wie Papa und Baby Doc nicht mehr, aber der böse Geist wandert weiter, immer weiter. Er ernährt sich von den Illusionen, die den Menschen innewohnen, die Tränen junger Mädchen halten ihn am Leben. Bezahlt wird er von dem, der ich nicht bin. (MDK3000)  Öffentliche Selbstkritik.

HH: Hubert Fichte leitet mit Leonore Mau die Voodoo Workshops für die Rekruten, bevor sie zur Krim reiten. Sie lernen, dafür Geisterpanjewagen zu schnitzen. Und Blixa erhält seinen alten Namen Skorbut endlich zurück.