© Gerard van Smirren

Erst der Kater, dann der Vater

Dotzheim – Elysium, Öhrleins Trinkhalle, im Kopf jetzt die Stimme Hildegards, ein déjà-vu, von dem sie nichts wissen kann … Eines Tages steht er hier, am frühen Morgen. Sieht aus wie ein Wanderer, so jung. Plötzlich ist er da. Keiner hier kennt den. Redet mit niemandem. Mit mir schon, ein zwei Sätze. Über die Luft, den Wind, den Kaffee, das Bier. Manchmal ein Halbsatz. Er steht da, trinkt Kaffee oder ein Bier und schnuppert, hält die Nase in die Luft und bewegt sie wie ein Hund die Nüstern. Einmal sagt er, er habe die Nase im Krieg verloren. Das erste Mal sieht er aus wie ein junger Mann, so ein blonder braun gebrannter Gott. Verschlossenes Gesicht. Volle Lippen. Den Unterkiefer vorgestreckt. Vier Wochen später kommt er das letzte Mal. Da sieht er aus wie ein uralter Mann. Morgens Kaffee und schnuppern. Mittags Bier. Das machte ihn noch einsilbiger. Einmal redet er über Kartoffelfeuer, im Herbst, mit Schale in der Glut, Nebel über dem Rhein, Möwenschreie. Dazu schnupperte er. Nase im Krieg verloren! Dass ich nicht lache. Dem sein Gesicht war ganz Nase. Eine Nase kam über den Rhein. So sehe ich ihn heute. Kam immer rauf vom Rhein, ging wieder runter. Kam plötzlich, war plötzlich weg. Nein, da unten gibt es keine Anlegestelle. Zweimal war er nicht alleine hier. Das eine Mal, da stand dieser andere Mann wie aus dem Nichts neben ihm. Ein Emil! Wer nennt seinen Sohn Emil! Die haben sich nur angesehen und schon ist der andere wieder weg. Kein Wort geredet haben die beiden. Das war einer der Tage, an denen er jung kam und wie ein Alter ging. Einer der ersten warmen Tage Ende März. Er hat den Rest des Mittags in der Ecke gestanden und gezeichnet. Das war kein Emil. Ein Emilio. Der andere, der kam, als er zum letzten Mal hier war. Da war er nur noch ein Gerippe. Da war ich grade mal ums Eck und als ich zurück komm, steht der andere da, ein Hinkebein, sieht noch älter aus, nur nicht so ausgezehrt. Er fragt den Hinkebein: „Warum bin ich davon gekommen?“ Und der: „Ich musste herausfinden, ob es sich um eine Krankheit handelte, die man durch Erschießen beheben konnte.“ Als ich mich wieder umdrehte, war der Hinkebein weg. Als er geht, sagt er zu mir: „Erst der Kater, dann der Vater.“ Und ist runter zum Rhein.

Für Katrin Eissing

Dieser Text erschien 2012 bei 63,75. Von Katrin Eissing ist am 18.4. bei zdf.kultur der Film „Auf dem selben Planeten“ zu sehen.

update

Das Lied passt in der Tat sehr gut hierher. Dank an Soldat Schwejk!