© Gerard van Smirren

Small Town Boy

Am Morgen haust du ab
Mit allem was du hast
In einem kleinen schwarzen Koffer
Stehst auf dem Bahnsteig
Wind und Regen
Auf dem traurigen verlorenen Gesicht.

Mutter wird nie verstehen
Warum du gehen musstest
Die Antworten, nach denen du suchst
Sind nicht zuhause zu finden.
Die Liebe die du brauchst
Gibt es zuhause nicht. Nie.

//Lauf weg, hau ab//

Rumgeschubst und getreten
Immer so ein Verlorener
Warst du der
Über den sie tuschelten
Wie sie dich herabsetzten.

Wie hart sie auch versuchten
Dich zu verletzen, bis du weintest
Schriest du nicht zurück
Nur zu dir selbst.
Nur zu dir selbst.

//Lauf weg, hau ab//

Cry, boy, cry.

Am Morgen haust du ab
Mit allem was du hast
In einem kleinen schwarzen Koffer
Stehst auf dem Bahnsteig
Wind und Regen
Auf dem traurigen verlorenen Gesicht.

//Lauf weg, hau ab//

Ihr kennt das Lied von Jimmy Somerville.

Was passiert in Falk Richters Stück? Reicht es aus, es unter der Rubrik „Homophobie“ zu vergrieneisen? Die Kritiker machen es sich zu einfach, wenn sie das Stück als sozial- oder postrealistisches Theater kategorisieren. Was irritiert sie so?

Der Auftakt scheint zu bekannt, um noch als Szene durchzugehen. Es ist eher eine Post-Ur-Szene, ein Versagen der Sprache gegenüber einem Symptom, das sich verselbständigt hat. Sucht die schnelle Suche nach Lust nach Worten? Das nun gerade nicht. Die Sprache bleibt inkongruent zum Akt, trivialisiert die Lust, bauscht die schnelle Nummer in etwas fragil-bezweifelbar Grandioses auf. Die Autosuggestion bezeugt einen nicht auf seine Kosten kommenden Narziss als enttäuschten Voyeur seiner selbst. Das Spiegelbild bringts ihm nicht mehr.

Warum wirkt es so trivial, für das Verlangen nach Worten zu suchen? Nach Vollzug vergreist. Ok, legen wir Prosa und Poesie des Verlangens beiseite, an diesem Tage lasen sie nicht weiter usw. Das Verlangen gewinnt unter dem Druck des Sexualkapitalismus etwas Ikonoclustriges. Immer funkt ein Bild dazwischen, das noch grandioser scheint als das, was gerade der Fall ist. Auch der Regenbogen nur noch ein Abklatsch.

Die Sehnsucht (als triviale Maske des Wiederholungszwangs) erzwingt eine performative Kraft, der keiner genügt. Was passiert, wenn die Suche nach Glück ihr Ziel aus den Augen verliert? Was passiert, wenn sie sich verselbständigt? Wenn du Untertitel und Regieanweisungen auf den Film projizierst, in dem du dich beobachtest, weil dir das, was du gerade erlebst, nicht grandios genug erscheint?

Was erzählt dieser Auftakt über eine Welt, in der Suchanzeigen nach dem nächsten Glück mit Sätzen enden wie „Tunten, Rechtswichser, Linkshänder, Brillenträger, Opas, Bären, Kleine, Große, Kiwi-Esser und Abba-Fans zwecklos?“ Was entziffern wir in der Aufzählung dessen, wonach wir nicht suchen? Die Suche sucht die Suche. Sie verselbständigt sich in ein monströses Symptom. So geht die Chose los.

Es folgt ein Zwischenakt über das kleine Glück, den dreckigen Spatz in der Hand. Die Welt verwandelt sich in eine schräge Drehscheibe. Das normgerecht inszenierte kleine Glück erzählt von der vergeblichen Sehnsucht nach Gleichheit. Jede Differenz wirkt unerträglich. Mich erinnert die Szene an Bernard-Marie Koltès´Stück „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, an Patrice Chéreaus und Hervé Guiberts Film „L´Homme blessé„, an das röhrende Saxophon Alber Aylers über einer schwülen Sommernacht in der Banlieue.

Social Media grundieren die Lage wie eine Rhythmusmaschine (Falk Richters Lotte-Kotte-Augenblick), wie die unentwegte Replikation der Suche nach der Suche, instant gratification garantiert. Deadlines (als Ersatz für den verwaisten Werkbegriff) verwandeln sich in Straßensperren deiner Traumpfade. Das kleine Aufwachen hütet den tiefen Schlaf, bewahrt vor der Einsicht, was tatsächlich Autonomie bedrängt. Die Suche nach dem richtigen Leben arrangiert sich irgendwie. Warum tut Liebe so weh? Welche vertraglich nicht festgehaltenen Nebenabsprachen funken dazwischen? Was erzählt die Postadoleszenz greiser Boys, die nach strengen jungen Daddies suchen? Das beschreibt die Lage. Sie schreit nach Rebellion. Wenn nur andere den Kopf dafür hinhielten!

Pier Paolo Pasolini am Horizont, seine Freibeuterschriften, seine Warnungen vor dem Konsumismus. Die erneut idolisierten 60er und 70er Jahre wirken wie ein höhnisches Echo aus der Vergangenheit auf das, was heute der Fall ist. Vollendete Gegenwart, unentfliehbares Perfekt. Warum auch schwule Kritiker nur von Homophobie schwafeln? Weil sie diesen Blick auf die eigene Lage sogleich verdrängt haben.

Die Kartographie der Lage zeichnet sich auch dadurch aus, dass feine Unterschiede (Bourdieu) ins Kraut schießen, emblematisch wie Katzengoldvermögen in Szene gesetzt werden müssen: als Sehnsucht danach, feine Unterschiede aufzubauschen, weil die groben so unaushaltbar scheinen. Dachstühle, Tauchen hier, morgen da, Fischessen bei Jens Spahn oder David Berger: Indizien für eine schöne heile Welt, deren Bewohner, mangels tatsächlicher Autonomie, wie die fremde Besatzung des eigenen Lebensraums wirken. Du bist Alien in deinem eigenen Wohnzimmer. Merkst du was? Der Rückbezug auf eine conditio humana, die vielen Gemeinsamkeiten auf dem bedrohten Planeten, wirkt wie eine Schutzbehauptung im Kontrast zu der Zumutung, Unterschiede ins Auge zu fassen, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Die Kritik an der Homophobie der anderen wird so plötzlich als Denkfaulheit gegenüber den Nötigungen der eigenen Lage lesbar.

Richter hält mit diesen Passagen des Stücks eine paulinische Predigt. Kehrt um! Haltet ein! Oder lernt wenigstens, mit den Augen zu hören, wenns die Ohren nicht mehr vermögen. Das Leben der Anderen schnurrt zu einer unablässig dem Vergleich unterworfenen Großübung zusammen. Aber erinnert Euch an das Lied, an den Titel des Stücks: Small Town Boy. Es gibt kein Entkommen. Die kleine Stadt, der du eben erst entkommen bist, trägst du in dir selbst. Mach dich darauf gefasst, dass auch dein nächster Traum in die Binsen geht.

„ich bin irgendwie eingefroren in diesem teenagerkörper der immer älter wird aber sich auf der zeitachse nicht so richtig nach vorne bewegen will“

 

Was meine Generation noch als Utopie-Idee ernst genommen haben mag, verwandelt sich in der konformistischen Konsumgesellschaft in einen „Waswärewenn-Irrealis. Die Wahrnehmung des Anderen regrediert zu einem psychiatrischen Diagnoseschlüssel. Immer wieder funken Traum und Trivialität des Alltags durcheinander. Die Figur des Möchtegerns, das Sichselbsterheben der Erniedrigten, die sich die Position, in der sie sich tatsächlich befinden, nicht eingestehen, sie wirkt auf mich wie eine thick description of a sick condition.

Aber es kommt etwas Neues hinzu: die Omnipräsenz der Pornographie, die einen endlosen Strom von Bildern in den Alltag hineinmorpht, eine Autosuggestion und wie ein höhnisches Echo der instant gratification. Triebaufschub und Sublimation werden utopisch. Die große Freiheit erscheint aus diesem Blickwinkel, inspiriert durch Freud und Canetti, wie der Rückfall in eine nicht mehr endende Barbarei. Etwas Thanatoides gelangt in den Blick, so wie Thomas Pynchon es in Vineland beschrieb, wenn du den geilen Sex erlebst, als wärst Du selbst Jeff Stryker oder Joe Dalessandro, als Replikation des Lebens der Anderen, du agierst als Golem deiner selbst.

In die hermetisch abgedichtet scheinende neue heile Welt wehen manchmal Realpartikel aus dem Anthropozän, ob es der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien oder das Menschenabschlachten in Ruanda oder das nächste Menschenschlachten in der Ukraine ist, tut kaum etwas zur Sache.

Wie sieht es aber tatsächlich aus, wenn der Punkt gekommen ist, an dem deine inneren Widerstände geschliffen sind und du keine Nachrichtensendung mehr sehen kannst, ohne in Weinkrämpfe zu verfallen? Was muss passieren, dass du die Welt wieder wahr-nimmst?

Episoden der Rückkehr in Familienverbände wirken wie einst der Aufbruch von Reisenden in unbekannte Welten: Hic sunt leones! Welche Normen gelten da? Welche Rücksichten? Welche Vorbehalte? Auf welche abgelegten Bilder und Selbstbilder stoßen die Rückreisenden? Was versteht euer wilder Vater nicht, was ihr zu verstehen glaubt? Oder ist das bloß ein Vorwand des nicht Verstehenwollens, des Nichtverstandenwerdenwollens?

Weil diese Konfrontation so unaushaltbar scheint, bricht wieder diese Exotik durch, dieser Eskapismus, diese Maskerade: dass der Jahresabschluss der Buchhaltung, die Schraubenlieferung an den Klempner deines Vertrauens, überkomplex chiffriert wird:

„ich muss jetzt zum Probeshooting“ oder „ich muss doch morgen früh schon mit dem ersten flieger nach wales und araberhengste zureiten.“

 

Solange die Zahlen stimmen, Baby, träum weiter. Aber verlier dich nicht, hör auf damit, die Angebote der Gesellschaft zum Nennwert zu nehmen, lerne endlich, das Zutexten deiner Texte von dem, was sie noch mitteilen, zu unterscheiden.

Baby, es geht um das Teilen, verstehst du? Nicht das like, share or favor der Social Media, deiner Rhythmusmaschine. Liebe ist Utopie. Mit Sex an jeder Ecke kannst du lange danach suchen. Das Leben in den Netzwerken erinnert an die Wahrnehmungshäutchen von Lukrez. Sie verwehen im Netz. Das Sich-Verlieren im virtuellen Raum wird um so dramatischer, je trivialer und selbstverständlicher wir eintauchen. Wir entkörpern uns.

Wie ein Meteorit schlägt die Szene von Murat und Angie im Kanzlerinnenschloss ein. Politisch inkorrekt im Exzess. Nicht zitierfähig in Sprachpolizeikreisen. Monströs. Ehrlich. Sie bringt die rohe unzensierte Seite zahlloser innerer Monologfetzen zu Gehör, utterances, wie sie heute überall simultan ausgestoßen werden, wie sie aus jeder Pore sprießen. Eine emotionale Salve wie Célines emotive Metro, jede Atempause eine synkopierte Ewigkeit, alles muss raus, der Dreck, die Sehnsucht, die Erniedrigung, der Hohn, die Maskerade.

„Und wenn ich um Gnade flehe, beschimpfen Sie mich als billiges deutsches Flittchen und sagen Sie ICH FICK DISCH KRANKENHAUS DU WEISSE DEUTSCHE OBERSCHICHTENSKLAVENFOTZE.“

 

Ihr merkt, was da los ist. Auch sie zeigt, was der Fall ist. Sie zeigt, was den Fall, die Fälle so alles überwuchert, was in den inneren Monologen für Filme abgehen, während wir nach außen scheinbar die Contenance bewahren. Falk Richter demontiert und remontiert, was der Fall ist, was zu Fall kommt. Er surft mit dem Extremsurrealismus.. Der Extremsurrealismus überlässt nichts dem Zufall, nicht alles ist möglich, sondern alles ist wirklich, ob es euch passt oder nicht.

Der „Frühling der Reaktionäre“ ist kein Regelbruch, sondern bringt genau so zu Gehör, was der Fall ist, wie die Bilder aussehen, die uns durch den Kopf schießen, den Subtext, die monströse Wahrheit, die keiner hören will, schon gar nicht leitartikelnde Bratenrockspießer. Das Stück reist mit uns in eine grell beleuchtete ewige Nacht. Wir erkennen uns selbst nur noch in Fragmenten, die anderen aber überlebensgroß. Oder ist es umgekehrt? Nicht mehr das Pathos einer conditio humana, sondern ein politisch im Exzess unkorrekter Blick vom Überwachungsturm auf das, was der Fall ist.

Es wäre völlig absurd, dagegen zu protestieren. Die vielen Stimmen, die Richter hörbar macht, mögen unsere sein oder nicht, es geht nicht um Abstand, die abgefuckte Idee der Distanz. Wer wären wir, wenn wir nach dem monströsen (das heißt: etwas zeigenden) Stück ins Neobiedermeier da draußen zurückkehren und bloß etwas indigniert aus der Wäsche schauen?

Wenn es eine unverfallbare Kraft gibt, dann ist es eine lebensgeschichtlich jedem eingeborene erinnerbare Kraft: Differenzen wahrzunehmen. Wir verkörpern Differenz. Nicht nur in den Augen der anderen, auch in den eigenen wahrnehmenden. Wo diese innere Stimme verstummt, laufen wir wie richtungslos durch die Welt, gehen wir verloren. Sie macht uns kenntlich für uns selbst. Darauf kommt es an. Denn aus dieser Erfahrung nährt sich die Sehnsucht nach Gleichheit.

Wir beglaubigen sie durch jede einzelne Geschichte. Wie aber begegnet die Sehnsucht nach Gleichheit (in Kenntnis der Differenzen, im Lob der Unterschiede) der Angst vor der Gleichheit? In welcher inneren Beziehung stehen die drei großen Ziele der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zu einander? Die Angst vor der Gleichheit bezieht ihre aggressiven Impulse aus verweigerter Freiheit. Denn wenn verkörperte Differenzen, wenn unstillbare Sehnsucht nach Autonomie anderen Angst einflößt, dann liegt das auch daran, dass wir als „Andere“ in jedem Augenblick unseres Lebens die Idee der Freiheit verkörpern. Wir haben uns die Freiheit genommen, Differenzen sichtbar zu machen. Wir zeigen, dass Freiheit möglich ist.

Die Angst vor der Gleichheit ist eine Maske. Unter den Massenprotesten in Frankreich wuchs sie wie eine Metastase in Gesichter des Hasses. „Die Maske wächst ins Fleisch und wird Gesicht“, schrieb Thomas Brasch.

Die Differenz zu suchen, zu finden, zu bezeugen und auszuhalten, verstehe ich schließlich als das beste Gegengift gegen das größte Übel unserer Zeit: gegen die Gleichgültigkeit. Wir sind empfindlicher, als wir oft zugeben. Die darin liegende Kraft ist unermesslich.

* Dieser Text ist ein überarbeiteter Abschnitt aus einem Vortrag, den ich Ende Januar auf Einladung von Queer Nations in Berlin hielt.