© Gerard van Smirren

Ein Dilemma: warum Framing ein Etikettenschwindel ist

Zunächst eine Offenlegung. Sie führt zurück in den Spätsommer des Jahres 2013. Michael Stognienko von der Böll-Stiftung hatte mich zu einem Termin eingeladen, bei dem Elisabeth Wehling den versammelten Wahlkämpfern der Grünen, der Linken und der Sozialdemokraten ihre Methode vorstellte. Sie war im Begriff, ihr Beratungsangebot, entwickelt und erprobt in den USA, nun in Europa auszurollen. Der Bundestagswahlkampf war längst durchkonfektioniert. Und dann kommt diese Deutschamerikanerin und fragt die Wahlkämpfenden: „Was sind Eure Werte?“ Das war ein Augenblick der Wahrheit, der keinem der Anwesenden gefallen konnte. Denn es kamen bestenfalls Abstraktionen. Die Frage schien so einfach, die Antworten aber bezeugten, wie unvorbereitet die Beteiligten an diesem Nachmittag aussahen.

Drei Jahre später sah ich sie bei einer Konferenz des Deutschlandfunks und der Bundeszentrale für politische Bildung wieder. Es ging um „Formate des Politischen“. Die Quintessenz ihres Vortrags: Die Kognitionsforschung habe die klassische Vernunft zu Grabe getragen. Ob dieser Befund den Schluss zulässt, nun sei es erlaubt, mit simplen Deutungsangeboten darüber zu triumphieren, daran zweifle ich. Die einfache Sprache von Viertklässlern kann kein Vorbild für das Gespräch des Souveräns mit sich selbst sein.

Wer den Auftrag erteilt, so etwas wie ein Manual zu erstellen, gibt dem Dienstleister ein Briefing. Irgendwo in den Münchener (oder Erfurter) Verliesen der ARD wird es zu finden sein. Es wird in bestürzender Form Auskunft darüber geben, in welch heilloser Verwirrung sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland befindet. Er wirkt so verzweifelt, sieht sich an die Wand gedrückt, verzwergt und angefeindet, dass die Beziehung zwischen dem, was das Bundesverfassungsgericht einst als Grundversorgung gewürdigt hat, und der Befindlichkeit der dafür Verantwortlichen nur noch als ein Abgrund verstanden werden kann, der alles zu verschlingen droht. Frau Wehling missachtet das Haushaltsabgabe zahlende Publikum als Manipulationsmasse mit bescheidenem kognitiven Vermögen.

Die Methode ist verwerflich, weil sie öffentliche Kommunikation grundsätzlich als Manipulation versteht und entsprechend betreibt. Frau Wehlings Praxis verdankt sich der politischen Kultur des ersten Verfassungszusatzes der USA, der Meinungsfreiheit gewährleistet und damit auch die Verbreitung blühenden Unfugs als von der Verfassung geschütztes Recht begreift. Im freien Spiel der Kräfte gelinge es, so die optimistische Auslegung, Unfug als Unfug erkennbar zu machen. Auf diese Freiheit pfeifen Frau Wehling und die ARD als ihr Auftraggeber. Die ARD treibt damit die Brechstange in das eigene Fundament.

Die zur Rechtfertigung herangezogenen kognitionspsychologischen Annahmen verkürzen das individuelle und öffentliche Räsonnieren auf kindliche Reiz-Reaktions-Muster, die gewiss unter Kontrolle zu bekommen seien. Die ARD bestätigt damit die schlimmsten Annahmen ihrer Kritiker.

Wer ein Papier verteidigt, in dem behauptet wird, faktische Informationen hätten keine Bedeutung an und für sich, stellt seinen Organisationsauftrag zur Disposition. Für die Verfasserin verwandeln sich Fakten in Munition. Infolge moralischer Dringlichkeit darf also geschossen werden. Auf wen, mit Verlaub? Das Verständnis von Sprache, das das Manual durchzieht, schnurrt zusammen auf ein Reiz-Reaktions-Schema, das es zur Verteidigung der moralisch überhöhten ARD zu nutzen gelte. Den Gefühlen bei der Verarbeitung sprachlich vermittelter Information wird eine so große Bedeutung zugeschrieben, dass es legitim erscheint, sich ihrer mit manipulativen Absichten zu bedienen.

Die ARD wird ihr Publikum niemals mit solcher Zweckprosa begeistern, schon gar nicht mobilisieren. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, sich einer Methode zu bedienen, die auf das Glatteis so schlüpfriger Begriffe lockt. Diese Moral hat keine Moral, schon gar nicht, wenn das Manual dazu genutzt wird, die private Konkurrenz als „medienkapitalistische Heuschrecken“ zu verunglimpfen. In diesem hübschen Frame aus der Küche Wehling gehen zwei Impulse Hand in Hand: ein antikapitalistischer und ein biblischer, der die Privaten zu einer Plagen-Plage macht. Das sprachliche Suggestionstheater führt zu der Frage, wie es um die ästhetische und intellektuelle Grundausstattung derjenigen bestellt ist, die solche Mumpitz-Prosa in Auftrag geben und abnehmen.

Die Kommission für die Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird mit spitzem Stift die Immunisierungsprosa zur Verteidigung der Haushaltsabgabe lesen. Sie wird zu einer „monatlichen Beteiligung“ aufgenordet. Wie Frau Wehling die Qualitätsmerkmale des Programms beschreibt, fällt hinter Jahrzehnte der Medienkritik und -rezeption zurück, als hätte es sie nicht gegeben. Selbst Kitsch funktioniert besser. Die ARD solle sich nicht als „solidarisches System“ beschreiben, weil im Frame der Solidarität immer „der andere“ mitgedacht werde, dessen existenzielle Fremdheit Frau Wehling mit metaphysischem Schauder erfüllt. Diese Empfehlung macht das Manual als Dokument gedanklicher Barbarei lesbar. Wer die Berufung auf den anderen als Schwäche verwirft, stellt sich auf die Seite der Barbaren.

Wehlings Kritik an privaten Programmen erinnert Bibelkundige an die Warnung der Schriftgelehrten. Medienkritisch kann man das als überaus gelungenes Fallbeispiel für flagrant-vorsätzliche Fehlinformation abbuchen. Die Haushaltsabgabe als „moralischen Auftrag“ hochzujazzen, nährt nur den Zweifel an der Integrität derjenigen, die Zuflucht zu solcher Prosa suchen. Vollends kurios wird das Manual, wenn es in Verkennung des rechtlichen Rahmens, namentlich der Urteile des Bundesverfassungsgerichts, den Zentralbegriff der Grundversorgung als Einladung abtut, damit gelinge den Feinden der ARD, ihr Schrumpfen zu rechtfertigen.

Liebe ARD, meiden Sie also die verfassungsrechtlichen Grundlagen Ihres Betriebs. Gehen Sie nicht über Los. Reden Sie mit Ihrem Publikum, als handele es sich bei ihm um eine Versammlung von Idioten.

Eine kleine Glosse von mir gibt es hierzu heute auf der Medienseite der FAZ zu lesen. Mein Kürzel ist hahü.