© Gerard van Smirren

Marlenes Schweigen

Für die Filmzeitschrift Sissy schrieb ich vor zwei Jahren über meinen Filmmoment, einen Ausschnitt aus Rainer Werner Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Robin Detje wünscht sich in diesem Herbst mehr Fassbinder-Nacherzählungen von mir. Das ist eine Bitte, die ich gerne befolge. Bald mehr!

Als Rainer Werner Fassbinder den Film drehte, im Januar 1972, begann das Jahr meines Abiturs, der Olympischen Spiele in München, des Terroranschlags des Schwarzen Septembers auf die israelische Mannschaft, meines dreimonatigen Aufenthalts im Kibbutz Givath Chaim Ichud, meines Coming-outs in der Altstadt von Jerusalem. Anfang des folgenden Jahres landete ich als Rekrut der Panzergrenadiere in der Clausewitz-Kaserne in Nienburg an der Weser, die krasseste Fehlbesetzung meines Lebens, was bald auch mein Kompaniechef einsah. Auf dem Flur meiner Stube zeigte ein monumentales Wandgemälde den „Angriff der Panzergrenadiere auf eine zäh verteidigte sowjetische Ortschaft“. In den Jahren zuvor und bis Oktober 1974 war Klaus G. Jaegers Filmforum in Düsseldorf meine zweite Heimat. Da erlebte ich die ersten Filme Fassbinders wie den Besuch in einem Vivisektionsatelier, wie eine Geiselnahme, in der ich als Lösegeld mein Gespür für Macht und Ohnmacht ausbildete, es war mein Abschied von der Melancholie und der nah am Rhein gebauten Sentimentalität, das Abbrühen des grüblerischen Hippies, der ich damals war. An meiner Schule hatten wir in den letzten beiden Jahren das Glück, dass „Deutschmüller“ als Referendar unseren Unterricht übernahm. Fassbinders antiteater lernte ich durch ihn kennen und durch meinen so früh verstorbenen Philosophielehrer Emil Pech verstehen.

Fassbinder nennt den Film einen „Krankheitsfall, gewidmet dem, der hier Marlene wurde“. Die erste Einstellung zeigt zwei Katzen auf einem Treppenabsatz, ein Fall fürs Fallen, erster Eindruck vom Gehäuse des folgenden Melodrams. Die Credits heben Irm Hermann mit den Worten hervor: „unter besonderer Beteiligung von Irm Hermann als Marlene“. Auch die ersten Worte Margit Carstensens richten sich an sie: „Marlene, sei doch sensibel!“ Marlene hatte gerade die Jalousie geöffnet. Die Sonne des elektrischen Lichts sticht Petra von Kant in die Augen. Sie beklagt sich über einen schweren Traum, findet aber gleich durch das von Marlene aufs Bett gestellte Telefon zu einem Ton kältester Geschäftsmäßigkeit. In den Weg in die Kälte, beim Telefonat mit ihrer Mutter, mischt sich ein Verlangen: „Mich dürstet!“, womit sie Marlene beauftragt, ihr einen Orangensaft auszupressen. Ehe die Kamerafahrt der ersten Szene beim Bett endet, streifte sie an der Fototapete vorbei, die das Gemälde „Midas und Bacchus“ von Nicolas Poussin zeigt. Mit zupackender Ökonomie ist der Set etabliert, nimmt die Kulisse vorweg, was als Spiel um Macht, Verlangen und Suff den Bogen von Ovids Metamorphosen zur Passionsgeschichte von Golgatha spannt. „Nein, ich bin schon lange auf“, sülzt Petra ins Telefon zu ihrer Mutter und dreht ihr Gesicht zur Großaufnahme in die Kamera. Die kleine Notlüge weitet sich zum Panorama einer Haltung, die nichts kennt als die Lüge.

Marlene, so viel ist schon in den ersten Einstellungen zu erahnen, ist weit mehr als die Dienerin der Petra von Kant, mehr auch als eine Assistentin. Sie ist das sich erzeugende Werk der Modeschöpferin, das ohne ihr eigenes Zutun wie von selbst unter Marlenes Hand entsteht, ein alter ego der Hingabe an nichts als das Schaffen. Marlene wird von der Staffelei an die mechanische Schreibmaschine kommandiert, für einen Brief an Joseph Mankiewicz, die Adresse steht in den Akten. „Lieber Freund, leider wird es mir unmöglich sein, die Zahlung zu leisten. Es gibt Umstände zwischen Himmel und Erde Punkt Punkt Punkt, aber wem sag ich das, Fragezeichen.“ Dem Regisseur von „All About Eve“ braucht sie nichts mitzuteilen. Marlene versorgt den Brief. Petra legt den Song „Smoke Gets In Your Eyes“ auf. When your heart’s on fire / You must realize / Smoke gets in your eyes. Marlene kehrt vom Briefkasten zurück, scheint wieder an die Staffelei zurückkehren zu wollen, Petra aber zieht sie in den Tanz, schwarz Marlene, weiß Petra, undurchdringliche japanisch anmutende Maske völliger Hingabe die eine, kokette Kokotte die andere. Petra entlässt sie aus dem Tanz, erteilt weitere Befehle, hin und her, hü und hott, Marlene reicht ihr die Post, einen Brief von Karstadt.

Längst steht Marlene wieder an der Staffelei. Petra von Kant reißt seltsam umständlich den Brief auf: „Ich soll eine Kollektion zeichnen für Karstadt“, sagt sie zu Marlene. „Marlene, hast du gehört? Das ist DIE Chance!“

In Marlenes Blick liegt das ganze folgende Melodram geborgen, erzählt Fassbinder in 42 Sekunden Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und Sartres „Sein und Nichts“. Marlenes Schweigen verwandelt Philosophiegeschichte in eine Erzählung über Hingabe, Opfer und Unterwerfung. Mit ihrem Schweigen verkörpert Marlene die Kraft von Autonomie. Politisch war die Idee aus Italien und Frankreich an den linken Rändern in Deutschland schon angekommen, übertragen in die Welt der Geschlechter ist sie bis heute monströs geblieben. Warum? Weil das Schweigen eine Saite zum Erklingen bringt, die der Macht unzugänglich bleibt und so die Qualität einer unfassbaren Gefahr gewinnt.

Die folgende Szene ist meine. Petra von Kants Freundin Sidonie von Grasenabb (eine Fontane-Figur aus Effi Briest) kommt hereingeweht, und während die beiden Freundinnen in allen Klischees der Weiblichkeit versinken, wunderbar boshaft von beiden gespielt, schaut Marlene erst durch die Jalousie wie von ferne zu (nein, Eifersucht, Jalousie, ist es nicht, die sie mit gesenktem Kopf bezeugt). Später, als die beiden Freundinnen auf dem Bett einander auf die Probe stellen, sitzt Marlene an der Schreibmaschine und hackt einen Text, von dem wir nichts wissen, findet so zu einem mutmaßlich sprachlichen Ausdruck ihrer Autonomie, den sie natürlich für sich behält.

Ich träume von einem Literaturpreis, der ihr zuliebe „Marlenes Schweigen“ genannt wird und Texte auszeichnet, die der uns unbekannten Schrift nahe kommen, die Marlene in die Maschine hackt.

Wunderbare Ironie der Filmgeschichte: Irm Hermann erhielt für die Darstellung der Marlene den italienischen Darstellerpreis. Sie hat mit ihrem Schweigen alles Parlare zum Verstummen gebracht.

Vor elf Jahren hat der Künstler Ming Wong ein Video produziert, in dem er mit Petra von Kant deutsch lernt.