© Gerard van Smirren

Die Macht des Vergessens

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs über das Recht darauf, vergessen zu werden, hat Bewegung ins Spiel gebracht. Das Vergessen gehört aus eigenem Recht und als anthropologische Errungenschaft zu den schönsten, ja unvergesslichen Gaben der Welt. Mir scheint es wirkmächtiger als das Gedächtnis, von dem wir seit Proust wissen, was davon zu halten ist: Es ist meistens nichts als Lug und Trug. Was wir für den unverfallbaren prägenden Augenblick einer eigenen Wahrheit gehalten haben mögen, erweist sich eines Tages als mehr oder weniger fixe Idee, bloß weil uns unverhofft ein anderer Blick auf den von uns für verbürgt gehaltenen Sachverhalt  zuteil wird, eine andere Erinnerung sich der eigenen beigesellt, ohne dass darüber die Welt zuschanden ginge. Sie wird reicher und beglückt uns durch Ambivalenz, durch die Chance, einer anderen Erinnerung wie einer fremden Stimme Zutritt in das so unaufhörlich wirkende Zwiegespräch mit uns selbst zu gewähren. Weiterlesen

„Ich bin doch nur kurz etwas essen gegangen.“ Eine Zugnovelle

Das Charakteristische an einer Novelle sei, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Hier soll von einer Begebenheit die Rede sein, die ich erst heute, auf der Rückfahrt von Köln nach Berlin, in einem Zug erlebt habe. Ich saß, wie fast immer, im ersten Waggon hinter dem Speisewagen, war nach einer kurzen Nacht und einigen arbeitsreichen Tagen müde und döste vor mich hin, als ich durch einen Wortwechsel aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Wir hatten eben erst den Bahnhof von Hamm hinter uns gelassen, an dem der aus Köln kommende Zug an einen weiteren Zug angekoppelt wird. Das leise Rucken des Rangierens mag mich aus dem tieferen Schlaf gerissen haben, wenn da nicht auch zuvor schon ein rätselhaft hektisches Bewegen an mir vorbei gewesen wäre. Jedenfalls höre ich eine leicht neurasthenisch klingende Männerstimme (höhere Tonlage, nervös, etwas Drängendes, ja, fast Panisches lag in ihr) die in Hamm zugestiegenen Passagiere, die hinter mir saßen, nach ein paar Papieren fragen, die sich zuvor auf ihrem Platz befunden haben sollen.

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Der Wanderfalke als Metapher

Ich habe mich immer danach gesehnt, Teil dieses Lebens, dieses Außen zu sein, dort draußen am Rande der Dinge zu stehen, den menschlichen Firnis mit Leere und Stille von mir abzuspülen, so wie der Fuchs sich in der kalten Weltlosigkeit des Wassers seines Geruchs entledigt, um als Unbekannter in die Stadt zurückzukehren. Das Wandern hat einen Glanz, der mit der Ankunft verblasst.

 

Am Anfang steht die Sehnsucht danach, teilzuhaben, im beobachtenden Teilhaben Teil des Beobachteten zu werden. Er markiert zugleich Distanz zu dem, was er menschlichen Firnis nennt. Mit dem Firnis streift der Autor die Identität, den Schutz des bürgerlichen Lebens ab, so wie der Fuchs sich des Aasgeruchs entledigt, um im Beobachten fast ununterscheidbar eins mit der Natur zu werden, aus ihr als ein Fremder zurückzukehren, als ein erzählender Fremder. Weiterlesen