© Gerard van Smirren

Jenseits der Welt

„Dem Schiffsnamen gab der Eigentümer der Reederei eine eigenwillige Bedeutung, indem er ihm zwei chinesische Zeichen zugrunde legte, die zusammen „Jenseits der Welt“ bedeuten. Der Name „Sewol“ stand aber auf dem Schiff auf Koreanisch, so dass niemand auf diese Bedeutung gekommen wäre. Im Koreanischen hat „Sewol“ eine andere Bedeutung. Das Wort lässt sich schwer ins Deutsche übersetzen. Es deutet auf die Flüchtigkeit der Zeit, auf die fehlende Beständigkeit, auf Vanitas hin. Es bringt genau das Zeitgefühl, das Lebensgefühl von heute zum Ausdruck, dem jede Dauer fehlt. Das menschliche Leben ist nie so vergänglich gewesen wie heute. Wir sind mehr denn je mit dem Überleben konfrontiert, während die gemeinsame Sorge um das gute Leben nicht vorhanden ist. Es gibt heute nichts, was Dauer und Bestand verspräche. Das Versinken geht auf den fehlenden Halt zurück. Es ist wohl das Grundgefühl der Gegenwart.“

 

Dieser Absatz beendet einen Essay des koreanischen Philosophen Byung-Chul Han in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er illustriert die Zeichenhaftigkeit der Zeichen bis in die Namensgebung des Unglücksschiffs.

Beträte ich ein Schiff, das „Jenseits der Welt“ hieße? Nur mit Beklommenheit.

Schutz unterirdischer Leitungen

Wladimir Sorokin erzählt in der neuen Ausgabe der New York Review of Books von den Tagen des Putschs gegen Gorbatschow im August 1991. Die aufgebrachten Bürger Moskaus auf dem Lubjanskaja Platz vor dem Hauptquartier des KGB schienen entschlossen, das Standbild Feliks Dzierżyńskis zu stürzen. Die Schlinge hing ihm schon um den Hals, als ein Abgesandter Boris Jelzins auftauchte und die Bürger um das historische Erlebnis eines Denkmalsturzes brachte. Der Abgesandte warnte davor, der Fall der Statue drohe unterirdische Kommunikationsleitungen zu beschädigen, ein Kran sei schon unterwegs, um das Standbild abzutransportieren und Schaden zu vermeiden. Die Bürger Moskaus hörten auf ihn, als gehöre es zu den Symbolen der russischen Revolutionsgeschichte, nicht auf Bahnsteigkarten, aber auf Transportlogistik zu setzen, 1991 mit einem Kran, der die Statue sicherstellte, auf dass sie eines Tages wieder aufgerichtet werden möge, 1917 mit einem verplombten Eisenbahnwaggon für einen gewissen Herrn Uljanow. Weiterlesen

The Way Mommy Bear Eats a Swarm of Fire Ants

that my body grows uncontrollably large
that every time a wound appears I cut up a small piece of cloth to cover it
cut up and cover, cover again then
find myself covered with a quilt blanket over my head
my mommy told me never get under a quilt blanket
never learn to quilt
she told me as I patch and patch I’ll never get out of poverty
that I’m now walking like a bundled up garbage quilt
that at one point you used to eat me bite me control me
use me but now I’ve become a quiet
thing like a bundle of garbage
that I smell like a homeless person who has become one with a pull cart
that when kicked lightly by front paws, I’m like a deer, roe deer
that I’m so huge to the point of dying
that there is only me on the freeway scorched by sun
that there are only things that run away when they see me
like the enormous gray bear that sleeps while it walks
like the enormous black lace cloud fluttering above eyelids
like the dump truck leaking dribbles of oil in the middle of a desert
like the house with rotten stairs and six feet of dust collected in the ceiling
that there is no one except me standing all alone
that I’m getting larger and larger
as I’m chased, chased off the road
that I’m filled with all the screams of the world
that there is nothing else but that

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Mehr Licht – oder nicht?

Wohin die Ehrlichkeit führen kann. – Jemand hatte die üble Angewohnheit, sich über die Motive, aus denen er handelte und die so gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoß, dann Verdacht, wurde allmählich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft erklärt, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder dasselbe zudrückte. Der Mangel an Schweigsamkeit über das allgemeine Geheimnis und der unverantwortliche Hang zu sehen, was keiner sehen will – sich selber –, brachten ihn zu Gefängnis und frühzeitigem Tod.

 

Die Debatte über den durchsichtigen Menschen ist so aktuell nicht. Weiterlesen