© Gerard van Smirren

Abwege – eine Suada

Den Text, ein Essay ist es nicht, des Autors Botho Strauss, dieses Mal in der „Zeit“ und nicht im „Spiegel“ erschienen, lese ich, als wollte ich ihn umgehen, den Ärger und die Irritation abstreifen, die er auslöst, auch in Erinnerung an meine Polemik zu einem Spiegel-Text noch immer selbst versehrt, weil man mir teilweise zu recht die Kritik um die Ohren gehauen und dabei übersehen hat, dass ich das dramatische und literarische Werk des Autors durchaus schätze.

„Das kritische Bedenken der Lage“ – so fängt er an und findet einen Ton mystischer Prätention. Der Ton wirkt parfümiert. Strauss arbeitet synästhetisch. Was immer die Lage ist (wenn nicht von Weinbau die Rede wäre), bleibt vorerst unentscheidbar bis auf den Sachverhalt, der die Struktur dieser Prosa kennzeichnet: Sie durchzieht eine implizite Biologie, die in der Figur einer Abstoßung zum Ausdruck kommt, einer Immunabwehr der Lage gegen „früher geartetes Denken“. Dem rechnet der Autor sich selbst zu. Den Gegensatz bildet „der untergründige Strom beliebigen Geplappers“, ein Titaresios, ein Ausfluss des Styx, einer Unterwelt, über die sich Botho Strauss erhebt, von „weiter oben“ gegen „das Unten“ vertikalgespannt sondierend wie selten. Er verspricht ein Urteil über „billiges Meinen“. So klingt der hohe Ton des Verächtlichmachens, der eine Wunde, die ihm selbst geschlagen, durch unfreundliche Berührung vertiefen und nicht heilen will, ein Torquato Tasso absoluter Negativität. Weiterlesen

Geschlecht: Aufruhr. 50 Jahre Stonewall

Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. (Jean Genet)

Die folgende Projektskizze verstehe ich als Einladung zur Diskussion. In welcher individuellen und institutionellen Vernetzung ließe sich dieses Projekt im Sommer 2019 realisieren?

In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street, Ecke 7th Avenue vor der Bar Stonewall Inn im Greenwich Village New Yorks zu einem Zusammenstoß zwischen schwulen Aktivisten und Polizeibeamten. Am Tag zuvor war unter großer Beteiligung der gay community (die sich noch nicht als solche verstand) Judy Garland beerdigt worden. Zu ihrer Beerdigung hatten sich über 22.000 Menschen versammelt. Garlands Lied „Over The Rainbow“ wurde schon bald zur Hymne der schwulen Kultur, der Regenbogen zum Symbol einer Bewegung, die sich nach den Straßenschlachten zu einer Bürgerrechtsbewegung entwickelte. In den Tagen nach Judy Garlands Beerdigung formte sich die Schwulenbewegung zu einer neuen sozialen Bewegung. Weiterlesen

Die Ikonographie der Schutzweste

Dieses Photo hat über Pfingsten Schlagzeilen gemacht. Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt ist in Kontrolle der Ruder. Seine Gäste sind ihm ausgeliefert. Es sind bisher keine Bilder bekannt geworden, die die Gäste dabei zeigen, wie sie in das Ruderboot gelangt sind. Frau Baumann, wenn nicht die Kanzlerin höchstselbst, wird darauf geachtet haben, dass das Verlassen festen Grundes unbeobachtbar bleibt. Weiterlesen

»… des KÖHLERS tRaum«

Das Bild im Aufmacher verdanke ich dem Künstler Gerard van Smirren. Er nennt es eine Carbonografie. Dabei handelt es sich um die Makroaufnahme zufälliger Verläufe von Kohlenstoffpigmenten in einer Petrischale. Weiterlesen